Nr. 03/2016 vom 21.01.2016

Kopierkunst made in China

Von Geri Krebs

In China nimmt man es mit dem Urheberrecht nicht so genau, das ist in der Epoche des globalisierten Kapitalismus längst ein Allgemeinplatz. Doch die Vorstellung, in China werde nur plump nachgebaut und kopiert, ist heute überholt: «We are not copying, we study», bringt ein chinesischer Jungunternehmer den lockeren Umgang mit dem Copyright auf den Punkt. Und der Manager eines grossen Schweizer Maschinenbauunternehmens, das sich mit der Kopierkultur im chinesischen Staatskapitalismus arrangiert hat, erklärt deren Leitsatz so: Warum Dinge nochmals neu erfinden, wenn es sie schon gibt?

Drohnentüftler, ein Maschinenunternehmer und Elektroingenieure, die sich auf hochwertige Stereoanlagen spezialisiert haben: Das sind die wichtigsten chinesischen Protagonisten in «The Chinese Recipe». Der neue Dokumentarfilm von Jürg Neuenschwander ist ein vergnügliches dokumentarisches Roadmovie durch ein Universum erfolgreicher Schlitzohrigkeit in einem sich rasant verändernden Land.

Neuenschwander gehört seit drei Jahrzehnten zu jenen einheimischen Vertretern des «Cinéma du réel», die ihre Stoffe auch in den entlegensten Regionen der Welt finden und dabei buchstäblich immer wieder an und über Grenzen gehen. Am eindrücklichsten hat er das vor mehr als zehn Jahren in «Früher oder später» bewiesen, seinem Dokumentarfilm über das Lebensende in verschiedenen Kulturen. Es war der bislang letzte Kinofilm des 62-jährigen Berners. Zwar hat er zwischenzeitlich einige TV-Dokus realisiert, doch dass im Kino so lange nichts mehr von ihm zu sehen war, hat direkt mit «The Chinese Recipe» zu tun. Neuenschwander siedelte nämlich 2009 nach Schanghai über, wie man am Anfang des Films erfährt. Heute ist er ein Wanderer zwischen den Kulturen, mit Wohnsitz in Bern und Schanghai.

In: Solothurn, Landhaus, Mo, 25. Januar 2016, 20.30 Uhr, und Do, 28. Januar 2016, 9.30 Uhr.

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