Nr. 03/2016 vom 21.01.2016

Die Kunst des Lärms

Von Marcy Goldberg

«Der Unterschied zwischen Musik und Lärm ist eigentlich nur, ob man zuhören will oder nicht», meint der Komponist und Musiker Bruno Spoerri zu Beginn. Gitta Gsell wollte zuhören – und zuschauen. In ihrem Dokumentarfilm «Melody of Noise» begleitet sie zusammen mit Peter Guyer (Kamera) und Balthasar Jucker (Ton) eine Reihe von experimentellen KlangkünstlerInnen bei ihrer Arbeit. Ihre Protagonisten sind Tüftler, Bastler, Klangjäger und -sammler.

In Spoerris Atelier stehen die unterschiedlichsten elektronischen Geräte bereit, die den Schweizer Pionier der Computermusik bei seinen Improvisationen unterstützen. Das Duo Bubble Beatz arbeitet mit Altmetallteilen und findet seine Sounds auf der Schrotthalde. In den Händen des Erfinders Stefan Heuss werden industrielle Geräte und Haushaltsgegenstände ebenfalls zu surrealen Musikinstrumenten, eine Nähmaschine und eine Gitarre treffen unerwartet aufeinander. Für den Perkussionisten Julian Sartorius gibt es «nichts, was nicht tönt»: Mit Trommelschlegeln ausgestattet, betrachtet er die ganze Welt als potenzielles Schlagzeug, vom Fabrikgelände bis hin zur Bergwiese, vom Metallkessel bis zum Baumstamm.

In den meisten Fällen wirken die Ergebnisse nicht gerade melodisch. Doch vom banalen Lärm heben sie sich eindeutig ab, es entstehen komplexe und fesselnde Rhythmen. Als Ergänzung dazu zeigt Gsell auch Szenen mit unverarbeiteten Alltagsgeräuschen, etwa aus dem Staubsauger oder von vorbeidüsenden Flugzeugen. Neben mechanischen Geräuschen gibt es auch menschlichere Töne, allen voran die wunderbaren Klangmuster von Schritten auf einer Treppe. Und hier trifft «Melody of Noise» auf ein Motiv aus Gsells früherem Film «Bödälä. Dance the Rhythm» (2010). Dort widmete sie sich perkussiven Rhythmen in der Tanzkunst, vom Urschweizer Stampftanz bis hin zum irischen Stepptanz und zum Flamenco.

Die menschliche Stimme als Geräuschemacherin kommt in «Melody of Noise» auch vor, aber eher am Rand. Die Rapperin Big Zis und die Stimmkünstlerin Saadet Türköz haben je einen kurzen Auftritt, ein Jodeltrio darf auch nicht fehlen. Für Heiterkeit sorgt ein ebenfalls kurzer Auftritt des Wiener Gemüseorchesters mit seinen Rüebliflöten und Sellerieklappern. In gelegentlichen Interviewsequenzen liefern die KünstlerInnen Aussagen über ihr Schaffen. Doch die wahre Stärke des Films liegt im intensiven Seh- und Hörerlebnis, das er bietet. Dadurch verlangt «Melody of Noise» zwar eine besondere Art der Aufmerksamkeit. Er belohnt sein Publikum aber auch dafür: Am Ende dieser Gratwanderung zwischen Lärm und Kunst wirkt die Rückkehr zum eigenen Alltag klangvoller, ja musikalischer als zuvor. Denn wie Bruno Spoerri anmerkt, kann sogar ein vermeintlich «hässliches» Geräusch eine eigene Schönheit in sich bergen.

In: Solothurn, Landhaus, So, 24. Januar 2016, 20 Uhr, und Kino Palace, Mi, 27. Januar 2016, 9.30 Uhr.

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