Nr. 03/2016 vom 21.01.2016

Der heikle Deal mit der PLO

Ein Buch beleuchtet, wie Geheimverhandlungen die Schweiz 1970 vor weiteren Terroranschlägen schützen sollten.

Von Daniel Ryser

NZZ-Journalist Marcel Gyr wohnte als Kind in der Nähe der Aargauer Gemeinde Würenlingen, wo am 21. Februar 1970 ein Swissair-Flugzeug durch eine explodierende Bombe an Bord abstürzte. 47 Menschen starben. Die Schweiz war ins Fadenkreuz der PLO geraten, die Tat wurde von den Ermittlern nie aufgeklärt. «Der NZZ-Journalist hat nachgehakt», schreibt NZZ-Inlandchef René Zeller im Vorwort.

Resultat der Grossrecherche, die Gyr unter anderem in das Büro von Farouk Kaddoumi, Chef der PLO in Tunesien, führte: Die Schweiz und die PLO gingen 1970 einen vom damaligen SP-Bundesrat Pierre Graber eingefädelten Geheimdeal ein, der unter anderem dafür sorgte, dass die zwei Hauptverdächtigen des Attentats nicht verhaftet wurden, vor allem aber garantierten die Palästinenser, in Zukunft keine Anschläge mehr auf Schweizer Ziele zu verüben. Die Schweiz erteilte dafür der international isolierten PLO die Bewilligung für ein Büro am Genfer Uno-Sitz.

Jean Ziegler wird eingeschaltet

Der Deal kam aufgrund einer akuten Krisensituation zustande: Ein halbes Jahr nach dem Bombenanschlag auf die Swissair-Maschine entführten Kämpfer der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) im September 1970 eine Swissair-Maschine mit 145 PassagierInnen an Bord und zwangen sie in der Wüste von Zerqa zur Landung. Nach zweiwöchiger Geiselnahme waren die PFLP-Kämpfer – das Ergebnis der Genfer Geheimdiplomatie – plötzlich verschwunden.

Es waren die Zeiten der Dekolonisation, gesprengt wurde im Namen internationaler Befreiung. Der Bundesrat konnte die PLO nicht einordnen, hielt sie für durchgehend terroristisch und applaudierte jedem Mordanschlag des Mossad. Nun steckte man angesichts der Geiselnahme in einer Zwickmühle, denn der Mossad konnte die Geiseln auch nicht retten, weitere Morde mussten befürchtet werden. Also sprach Bundesrat Graber den jungen SP-Nationalrat Jean Ziegler an, der während des Studiums an der Pariser Sorbonne Kontakte zu Palästinensern gepflegt hatte, etwa zu Farouk Kaddoumi, so etwas wie der inoffizielle PLO-Aussenminister mit Büro in Paris. Und wie war einzuordnen, dass Kaddoumi denselben Nachnamen hatte wie einer der beiden Männer, die im Verdacht standen, das Swissair-Flugzeug in die Luft gesprengt zu haben?

Vom Bundesrat vertraulich angeworben, vermittelte Ziegler ein Treffen zwischen Graber und Kaddoumi, bei dem auch Bundesanwalt Hans Walder und Geheimdienstchef Jürg Amstein dabei waren. Der Palästinenser reiste im September 1970 von Beirut nach Genf, um von dort telefonisch mit den Entführern in Zerqa Kontakt aufzunehmen und das «Stillhalteabkommen» auszuhandeln, wie es PFLP-Mitglieder gegenüber Gyr nannten. Das bestätigte Kaddoumi dem NZZ-Reporter Gyr in seinem Büro in Tunesien.

Die Schweizer Verhandlungspartner, die damals in Genf dabei waren, sind alle längst verstorben. Auch Pierre Graber, der bis zum Tod über diese Verhandlungen schwieg. Eines ist klar: Wäre der Deal damals ans Licht gekommen, der Bundesrat hätte wohl sofort seinen Hut nehmen müssen, auch wenn seine Absicht aus Sicht der Staatsräson nachvollziehbar war: Die PLO war damals eine Befreiungsbewegung ohne klare Kommandostruktur – was sie unberechenbar machte –, und sie zählte die Schweiz zu ihren Feinden.

Korrektur einer Todsünde

«Schweizer Terrorjahre» liefert einen seltenen Einblick in die komplexe Mechanik von Schweizer Aussenpolitik sowie Geheimdiplomatie. Nicht nur deswegen ist das Buch «extrem wichtig und nützlich», wie Vermittler und Zeitzeuge Jean Ziegler am Telefon sagt. «Es korrigiert eine helvetische Todsünde: 45 Jahre lang wussten die Hinterbliebenen von Würenlingen nicht, was damals genau passiert war. Jetzt wissen sie es.»

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