Nr. 04/2016 vom 28.01.2016

Die Strahlkraft des Hugo Chávez schwindet

Kein Andrang vor den Knochen des Comandante, dafür lange Schlangen vor dem Supermarkt gleich daneben. Nur wenige VenezolanerInnen verteidigen das Vermächtnis ihres Vorbilds.

Von Jürgen Vogt, Caracas

Von der Metrostation El Silencio ruckelt der Bus in das Quartier 23 de Enero hoch. Oben am Hang liegt die Kaserne Cuartel de la Montaña. «4F» prangt da in grossen Lettern. Es spielt auf den 4. Februar 1992 an, als der junge Fallschirmspringer Hugo Chávez von hier aus einen Putschversuch unternahm. Der Staatsstreich scheiterte, in einem kurzen Interview im Fernsehen übernahm Chávez die alleinige Verantwortung. Das machte ihn über Nacht weltweit bekannt und mit ihm die Kaserne und das Stadtviertel. Seit seinem Tod 2013 liegen seine Gebeine im Mausoleum in der Militäranlage.

Wer die Haltestelle an der Kaserne verpasst, fährt eine grosse Schleife durch die engen Strassen über die Hügel im Nordwesten der Hauptstadt Caracas. Bunt bemalte Häuser und Hütten ziehen sich die Hänge hinauf, alle paar Meter ist ein Porträt des Comandante an die Wände gemalt; mal riesig und mit dem Blick in die Zukunft gerichtet, mal schaut ein eher kleiner Chávez direkt in die Augen des Betrachters. «Chávez vive!» – Chávez lebt! Das Quartier 23 de Enero ist mehr als nur eine, es ist die Chávez-Hochburg. Ein Porträt seines Nachfolgers Nicolás Maduro aber findet man auf keiner Wand.

Die Menschenschlange vor der Kaserne ist mehrere Hundert Meter lang. Geduldig wartet man dort auf Einlass. Aber nicht etwa, um die Gebeine von Chávez zu ehren. Die Schlange steht vor einem Supermarkt mit subventionierten Lebensmitteln, der ebenfalls in der Kaserne untergebracht ist. Plötzlich hört man aufgeregte Rufe nach einem Sanitäter. Eine Frau ist in der Mittagshitze zusammengebrochen, eilig wird sie zum Kasernentor getragen. Immer wenn sich dieses Tor öffnet, werden die Wartenden in kleinen Grüppchen eingelassen.

«Einfach nur schlecht»

Maria Flores steht schon eine Stunde an. Die Rentnerin hält sich im Schatten der Bäume auf. Heute gebe es Reis, Kaffee, Maismehl und Eier zu kaufen, weiss sie. «Gestern gab es ein Huhn pro Person.» Ihr Mann habe angestanden und Glück gehabt. «Schlecht» sei die Lage, «einfach nur schlecht». Sie schaut sich um, ob jemand mithören könnte. Seit 32 Jahren wohne sie im Quartier 23 de Enero. Es sei immer schwierig gewesen hier, aber jetzt? Seit Tagen komme kein Wasser aus der Leitung. «Dort», sie deutet auf ein grosses Gebäude, «dort hängt die Wäsche zum Trocknen aus den Fenstern.» Offenbar gebe es dort Wasser. Aber dort habe auch ein Colectivo das Sagen. In diesem Stadtviertel gibt es gleich mehrere davon.

Mit Colectivo meinen die VenezolanerInnen bewaffnete Gruppen, die mit Motorrädern durch die Stadt ziehen und Angst und Schrecken verbreiten. Das stimmt – und doch wieder nicht ganz. Hervorgegangen sind diese Colectivos aus Nachbarschaftsgruppen zur gegenseitigen Hilfe. Zudem haben sie Ordnung in Gegenden geschaffen, die von der Polizei gemieden wurden. In der Chávez-Ära wurden sie immer militanter und verstanden sich zum Teil als paramilitärisch organisierte Unterstützergruppen ihres Comandante. Wer nicht für Chávez war, hatte Angst vor ihnen.

Bei der Parlamentswahl vom 6. Dezember vergangenen Jahres aber hätten die Menschen ihre Angst überwunden, sagt Jorge Millán, der in diesem Distrikt siegreiche Kandidat der Opposition. Am Abend nach dem Urnengang habe eine unglaubliche Stille über dem Viertel gelegen. Denn bald schon stand fest: Zum ersten Mal hatte die Opposition im Quartier 23 de Enero gewonnen, mit einem deutlichen Vorsprung von sechzehn Prozentpunkten. «Die Probleme hier sind dieselben wie in ganz Venezuela», sagt Millán, «prekäre Arbeitsplätze, Mangel an allem und eine extrem hohe Gewaltkriminalität.» 2015 zählte das regierungsunabhängige Observatorio Venezolano de Violencia (OVV) 27 875 gewaltsame Todesfälle. Venezuela ist damit weltweit eines der gewalttätigsten Länder ausserhalb von Kriegsgebieten: Auf 100 000 EinwohnerInnen kamen im vergangenen Jahr 90 gewaltsame Tode. Nur in El Salvador (104 Morde pro 100 000 EinwohnerInnen im Jahr) wurden noch mehr gezählt.

Milláns Wahlerfolg zeigt die Erosion des Chavismus. «Eine Sache ist die Chávez-Verehrung, eine andere das Verlangen nach einem normalen Leben», sagt er. Ja, die Menschen hätten die Regierung abgestraft, «aber es gibt auch die Hoffnung, besser zu leben – ohne Schlange zu stehen und ohne Angst».

Bescheidener Kaffeebecher

Die Gruppe der BesucherInnen des Chávez-Mausoleums ist klein, es gibt keine Wartezeit. Es geht vorbei an den Fahnen der Länder, die der Comandante in seinem Leben besucht hat, dann tritt man in den Innenhof zum Sarkophag. Es ist 12 Uhr, Wachablösung: Stechschritte, eine Posaune wird geblasen, die Gardisten rufen: «Viva Chávez! Viva la patria!» Im Nebenraum stehen Reliquien. Ein kleiner Kaffeebecher aus Blech etwa soll die Bescheidenheit des Comandante beweisen.

Gegenüber der Bushaltestelle vor der Kaserne steht ein Holzhäuschen mit einem Altar. An den Brettern hängen Bilder von Chávez und Zettel mit Sprüchen und Wünschen, wie in einer Wallfahrtskapelle. «Würde er noch leben, sähe es ganz anders aus», sagt ein kräftiger Vierzigjähriger, der anonym bleiben will. «Jetzt sitzen die Teufel schon im Parlament.» Er aber werde das Vermächtnis des Comandante gegen die Konterrevolution verteidigen. Er dreht sich um und geht zu seinem Motorrad.

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