Nr. 04/2016 vom 28.01.2016

Ein fantastischer Drogentrip

Von Silvia Süess

«Aus 3000 Kilometern Höhe war Kolumbien ein Paradies aus unberührtem Regenwald», sagt der US-Drogenfahnder in «Narcos», der Serie über den Drogenbaron Pablo Escobar. «Aber am Boden sah alles anders aus.» Auch dem 1981 geborenen kolumbianischen Regisseur Ciro Guerra erschien der Amazonas auf der Landkarte von Kolumbien wie ein grosser, unbekannter Fleck: «Es ist der Amazonas, ein unübersichtliches Gebiet, das wir auf ein paar wenige Konzepte reduzierten: Coca, Drogen, Flüsse, Indios, Krieg. Ist das wirklich alles?»

Ausgehend von dieser Frage hat Guerra näher auf den Amazonas geschaut und einen Spielfilm realisiert, der wie ein fantastischer Drogentrip durch den Dschungel wirkt. Eine Odyssee durch Zeit und Raum, so physisch wahrnehmbar, wie man das selten im Kino erlebt – das brachte dem Film eine Oscar-Nomination für den besten fremdsprachigen Film ein.

Ausgangspunkt von «El abrazo de la serpiente» («Die Umarmung der Schlange») sind zwei Reisen von zwei weissen Naturforschern im Amazonas: Der deutsche Ethnologe Theodor Koch-Grünberg reiste 1909 in den kolumbianischen Dschungel, der US-Botaniker Richard Evan Schultes 1940. Beide treffen auf Karamakate, einen Schamanen, der als letzter Überlebender seiner ethnischen Gruppe einsam in einer Hütte lebt (grossartig: Antonio Bolívar als alter und Nilbio Torres als junger Karamakate). Mit beiden macht sich der Schamane auf eine Reise durch die Flüsse des Amazonas, auf die Suche nach einer Pflanze, die den einen heilen und dem anderen die Träume zurückgeben sollte. Durch Rückblenden werden die Geschichten gekonnt miteinander verwoben.

Die wunderschön durchkomponierten Schwarzweissbilder zeigen in zum Teil irren Szenen, wie die Kautschukgier der Weissen sowie der missionarische Eifer der Christen das Leben im Amazonas total verändert haben. Es ist ein ungewohnter und schonungsloser Blick, den Guerra auf den Amazonas wirft. Es wird klar: Wer die Geschichte eines Landes, ja eines ganzen Kontinents verstehen will, muss zwingend die Geschichten der Menschen im «unberührten Regenwald» kennen.

Ab 28. Januar 2016 im Kino.

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