Nr. 32/2013 vom 08.08.2013

Männer, zum Tode verurteilt, vom Grizzly zerfleischt

Das Filmfestival Locarno lädt den deutschen Regisseur Werner Herzog als Ehrengast ein. Neben älteren Filmen werden auch neue Werke des in den USA lebenden Regisseurs vorgeführt, die nie in den Schweizer Kinos zu sehen waren.

Von Silvia SüessMail an Autor:in

Werner Herzog befragt in seiner Fernsehserie distanziert Todeskandidaten, hier einen Texaner, der sein Kleinkind umbrachte – weil es vom Teufel besessen gewesen sei. Still aus «Death Row II»

Die Bibel. Sie liegt auf dem mit einem weissen Tischtuch bedeckten Tisch. Die Kamera fährt darüber, macht einen Schwenk und zeigt eine leere Gefängniszelle. Sie fährt weiter in einen Raum, in dem eine leere weisse Bahre mit vielen braunen Gurten steht. Eine helle, monotone Männerstimme sagt in Englisch mit starkem deutschem Akzent: «Die Todesstrafe existiert in 33 Staaten der USA. Doch in den letzten Jahren ist sie in viel weniger Staaten tatsächlich vollstreckt worden.»

Der deutsche Regisseur Werner Herzog, der seit 1995 in den USA lebt und arbeitet, beschäftigt sich in seinen neusten Werken mit der Todesstrafe in den USA. Begonnen hat er die Auseinandersetzung mit dem Thema 2011 mit dem Film «Into the Abyss» («Tod in Texas»). Weitergeführt hat Herzog sie in Gesprächen mit TodeskandidatInnen in der vierteiligen Fernsehserie «Death Row» (2012) sowie einer weiteren vierteiligen Serie, «Death Row II» (2013). Diese ist als Weltpremiere am Filmfestival Locarno zu sehen. Fast sechzig Filme hat der 1942 in Bayern geborene Regisseur bisher realisiert. Seine letzten, in den USA produzierten Filme wurden in Deutschland kaum wahrgenommen. Doch in den USA ist Herzog ein Star. Seine Filme werden begeistert aufgenommen; tritt er an Veranstaltungen auf, wird er vom Publikum belagert.

Die Durchschnittlichkeit des Bösen

«Als Deutscher, mit einem anderen historischen Hintergrund und als Gast in den USA, bin ich, bei allem Respekt, gegen die Todesstrafe», fährt Herzogs Stimme fort. Jeder der gut fünfzigminütigen «Death Row»-Filme beginnt so. In jedem trifft er einen anderen Todeskandidaten und auch eine Todeskandidatin. Vor allem möchte er wissen, wie es sich anfühlt, auf den Tod zu warten. «Wovon träumen Sie?», fragt Herzog. Er geht ihren Geschichten nach, reist an die Tatorte ihrer Verbrechen, redet mit Verwandten, NachbarInnen, lässt sich Polizeifotos von den Tatorten zeigen und rekonstruiert die Tat. Herzog behält Distanz zu seinen ProtagonistInnen («Der Umstand, dass ich mit Ihnen rede, bedeutet nicht, dass ich Sie mag», leitet er eines der Interviews ein), psychologisiert ihre Tat nicht und versucht, möglichst nicht zu urteilen. Dadurch behält man auch als Zuschauerin eine emotionale Distanz: Die Filme lösen weder Mitleid mit noch Abscheu gegenüber den ProtagonistInnen aus, sondern sie werfen uns in einen starren, ungläubigen Schockzustand, der lange anhält. Wie können Menschen, die durchschnittlich aussehen und reden, eine so schreckliche Tat begehen?

Jede Folge von «Death Row» ist ein Minithriller. Allerdings gerät durch die manchmal effekthascherische Inszenierung der Tat eine kritische Auseinandersetzung mit der Todesstrafe in den USA in den Hintergrund. Doch Herzogs Todestraktfilme haben, wie er selbst sagt, weniger mit den USA zu tun als «mit der Frage unseres eigenen Todes. Wie sterben wir, wann sterben wir, wie anders sehen Menschen die Welt, wie anders sind ihre Empfindungen auch für uns, wenn sie wissen, wann sie sterben und wie sie sterben werden?»

Wie unterschiedlich diese Empfindungen sind, erfährt man anhand der verschiedenen Erzählungen der ProtagonistInnen. Am eindrücklichsten beschreibt Hank Skinner, der bis heute die ihm zur Last gelegte Tat bestreitet, die Erfahrung des drohenden Todes: Detailliert erzählt er von der Fahrt vom Gefängnis zur Hinrichtungszelle – «es war eine Fahrt durchs Heilige Land» –, und wortreich beschreibt er seine letzte Mahlzeit. Skinner wurde nicht hingerichtet, sondern zwanzig Minuten vor der Hinrichtung begnadigt. «Wird die Welt auch nur ein bisschen besser, wenn ich tot bin?», fragt der Todeskandidat James Barnes und antwortet gleich selbst: «Wird sie nicht.» Er wünscht sich, es wäre ein heisser Tag und er könnte in den Ozean springen.

Natur als letzte Herausforderung

Zwar sagt Herzog, der Tod treibe ihn nicht besonders um, auch sein eigener nicht. Und doch reist der Tod in vielen seiner Filme mit. Im 2009 realisierten Spielfilm «My Son, My Son, What Have Ye Done» erzählt Herzog die Geschichte eines jungen Manns, der seine Mutter mit einem Schwert abgeschlachtet hat. Der grösste Teil des Films spielt am Tatort. In Rückblenden zeigt Herzog, wie der Mann auf einer Kanureise in Südamerikas Wildnis begann, Gottes Stimme zu hören, und langsam paranoid wurde.

Auch in dem in den USA hochgelobten Dokumentarfilm «Grizzly Man» (2005) geht es um den Tod und die Natur: Im Oktober 2003 starb Timothy Treadwell zusammen mit seiner Freundin Amie Huguenard. Der militante Tierschützer wurde in Alaska von einem Bären getötet und gefressen. Es war wohl einer der Bären, die er während dreizehn Jahren immer wieder besuchte, mit denen er lebte und die er wie besessen beschützen wollte. Zwei Jahre später realisiert Herzog einen Dokumentarfilm über Treadwell. Er reist nach Alaska, besucht – ähnlich wie in «Death Row» – den Tatort, lässt den Tathergang vom Piloten erzählen, der die beiden Leichen gefunden hat, spricht mit FreundInnen, Bekannten und Treadwells Eltern. Ausserdem baut er das Filmmaterial des Tierschützers ein. Der exzentrische Treadwell hat sich ständig selbst gefilmt und sich als einsamen Helden und Kämpfer für die Bären inszeniert. War er schon immer etwas irr, so hat ihn die Einsamkeit in der Wildnis noch fanatischer gemacht – er glaubte, selbst ein Bär zu sein.

Zwischendurch spricht Herzogs monotone Stimme aus dem Off. Es war seine langjährige Cutterin Beate Mainka-Jellinghaus, die auch Alexander Kluges Filme geschnitten hat, die Herzog zu Beginn seiner Karriere überzeugte, die Texte seiner Dokumentarfilme selbst zu sprechen. «Dieses Abgehackte, wie er spricht, dieses Monotone und Pastorale – das passt doch ideal», sagt sie in der 2012 erschienenen Biografie «Werner Herzog» von Moritz Holfelder. Und dann wundert sie sich, dass sie überhaupt Herzogs Cutterin wurde, denn: «Das sind doch Männerfilme, alles Männerfilme beim Werner. Es wundert mich, dass die kein Mann geschnitten hat.» Sie habe versucht, die Filme etwas weiblicher zu machen, sie habe sich Mühe gegeben, aber: «Das wollte der Werner eigentlich gar nicht.»

Erfolg und Scheitern

Frauen kommen in den meisten Filmen des Regisseurs kaum vor und wenn, dann in unbedeutenden Rollen. Es ist wohl kein Zufall, dass von der «Death Row»-Serie der Film über Linda Carty der schwächste ist. Herzog scheint keinen Zugang zu der Frau zu finden und lässt sie, im Unterschied zu seinen männlichen Protagonisten, kaum zu Wort kommen.

In Herzogs Spiel- wie Dokumentarfilmen geht es um Abenteurer, um Entdecker. Im Zentrum stehen besessene und egomanische Männer, die sich in der Natur als der letzten menschlichen Herausforderung bewähren, überleben, wahnsinnig werden oder sterben. Dies war schon in den Filmen am Anfang seiner Karriere der Fall: «Aguirre, der Zorn Gottes» (1972) handelt von einer Expedition spanischer Eroberer im Urwald des Amazonas im 16. Jahrhundert. Und auch sein berühmter «Fitzcarraldo» (1982) reist Anfang des 20. Jahrhunderts durch den Dschungel auf der Suche nach Kautschuk. In beiden Filmen wird die Hauptfigur von Klaus Kinski gespielt, und um die Dreharbeiten beider Filme ranken sich Legenden von Streit und Drohungen zwischen den zwei Egomanen und von den unerträglichen Bedingungen am Drehort.

Herzog scheint selbst wie eine Figur aus seinen Filmen: ein Mann, der in wilder Natur alles riskiert und keine Angst hat zu scheitern. Vielleicht ist das ein Grund, warum Herzog in den USA ein Star ist: Du schaffst es, wenn du wirklich willst – der amerikanische Traum. Aber Herzog zeigt auch das Scheitern. Gerade in seinen jüngsten Filmen. Der gewaltsame Tod als letzte Konsequenz einer gewalttätigen Gesellschaft. Die verurteilten TodeskandidatInnen halten dem US-Publikum einen Zerrspiegel vor. Fasziniert kann es sich abwenden.

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