Nr. 05/2016 vom 04.02.2016

Gleichstellung nur für diejenigen, die sie sich leisten können

Rechtskonservative sind plötzlich Feministen, Feministinnen kritisieren den Islam. Das klingt paradox, ist aber nichts Neues. Der Feminismus ist schon früher rassistisch instrumentalisiert worden.

Von Meret Michel

Feminismus scheint gerade in Mode zu sein. Nach Köln äusserten sich plötzlich Dutzende weisse, konservative Männer besorgt über den Schutz und die Integrität der Frau. SVP-Politiker wie Walter Wobmann oder Ulrich Schlüer bekämpfen den Islam in Form von Minaretten und Burkas schon länger im Namen der Gleichstellung. Ausgerechnet Wobmann, der auch lange gegen Kitas war, weil schliesslich die Frau für die Erziehung der Kinder zuständig sei, und der Gleichstellung für das «wohl überflüssigste Thema unserer Zeit» hält. Ausgerechnet Schlüer, der noch vor zehn Jahren dagegen stimmte, häusliche Gewalt in der Ehe zur Straftat zu erklären.

Es geht diesen Männern ja auch nicht um die Frauen und deren Rechte: Sie missbrauchen den Feminismus für ihre fremdenfeindliche Politik, die offensichtlichen Widersprüche sind dabei Teil der Propaganda. Schützenhilfe bekommen sie dabei ausgerechnet von Feministinnen.

«Freie Welt»?

Die wohl bekannteste unter ihnen ist Alice Schwarzer. Sie sieht im Islam eine Gefahr für jene Gleichstellung, für die sie vierzig Jahre lang gekämpft hat, und hat mit «Die Gotteskrieger und die falsche Toleranz» (2002) und «Die grosse Verschleierung» (2011) schon zwei Bücher zum Thema Islam herausgegeben. Sie fordert ein Kopftuchverbot an Schulen und ruft auch mal zu Demonstrationen gegen Verhüllung auf. Nach den Übergriffen in Köln schrieb sie: «Der Terror kam (noch) nicht aus der Kalaschnikow oder von Sprengstoffgürteln, er kam aus Feuerwerkspistolen und von Feuerwerkskrachern. Und von den grabschenden Händen der Männer. Die Jungs üben noch.»

Aber auch in der Schweiz schlagen Journalistinnen, die regelmässig über das, was man gemeinhin als «Frauenthemen» versteht, sowie über Feminismus schreiben, denselben Ton an. Im September schrieb die «Tages-Anzeiger»-Autorin Michèle Binswanger unter dem Titel «Wer wir sind»: «Wir», die westliche Gesellschaft, müssten von den «Neuankömmlingen» aus dem Nahen Osten ein Bekenntnis zu «unseren Werten» der Gleichstellung fordern. Dies sei die Bedingung dafür, «Teil der freien Welt zu sein»: «Eine Gesellschaft, die Frauen unterdrückt, kann langfristig nicht erfolgreich sein. Wer das nicht akzeptiert, hat hier nichts verloren.» In dieselbe Kerbe schlägt ihre Kollegin Bettina Weber, ebenfalls im «Tages-Anzeiger»: «Es geht immer um eine Haltung. Eine Haltung, die Frauen als minderwertig betrachtet und ihnen weniger Rechte zugesteht. Das ist mit unserem Verständnis einer zivilisierten Gesellschaft nicht zu vereinbaren.» Und auch die Stylejournalistin und Bloggerin Sabrina Pesenti, die auf «Blonderblog» vor allem über die neusten Trends aus der Modewelt schreibt, fühlte sich offenbar verpflichtet, etwas zur islamophoben Debatte aus feministischer Perspektive beizutragen: «Wir sind in Europa! Und wenn ein Mann mit muslimischem Glauben sich öffentlich weigert, in Europa notabene, Frauen als nicht zu würdigende Person zu behandeln, interessieren mich seine Beweggründe grad mal gar nöd.» Die «freie Welt», unsere «zivilisierte Gesellschaft», Europa auf der einen Seite, und auf der anderen Seite die muslimischen, patriarchalen Gesellschaften. Auf diesem Grundsatz baut die Logik dieses feministisch getarnten Rassismus auf.

Die Idee eines solchen Gegensatzes ist weit weg von der Realität, als ob es in der Schweiz eine einheitliche Vorstellung von gesellschaftlichem Zusammenleben gäbe. Auch wenn die Autorinnen teilweise darauf hinweisen, dass es auch in europäischen Gesellschaften noch immer patriarchale Strukturen gibt, erheben sie mit Begriffen wie der «freien Welt» die westliche Gesellschaft über alle Zweifel und über alle anderen Gesellschaften. Obwohl die westliche Gesellschaft alles andere als gleichberechtigt ist: Frauen werden bei Lohnfragen noch immer diskriminiert, sie fehlen in den Chefetagen grosser Firmen, noch immer verrichten sie den grössten Teil der Hausarbeit, und in der öffentlichen Wahrnehmung werden sie noch immer auf ihren Körper reduziert und zum Sexobjekt degradiert (Stichwort: sexistische Werbung). Doch die Mühe, zu differenzieren, scheint sich nicht zu lohnen: Zu gross ist der Applaus, den man momentan als Feministin erntet, wenn man den Islam pauschal kritisiert.

Kolonialismus aufgewärmt

Feministisch getarnter Rassismus ist nichts Neues, sondern wärmt den kolonialistischen Paternalismus wieder auf. Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich der erste britische Generalkonsul in Ägypten, Evelyn Baring, für die Aufhebung der Geschlechtertrennung in Ägypten ein und sah den Schleier als «verhängnisvolles Hindernis für die Erlangung jenes Aufschwungs der Denkweise» an, «der die Einführung der europäischen Zivilisation begleiten sollte», kämpfte aber nach seiner Rückkehr nach Britannien gegen die Einführung des Frauenstimmrechts. Die Suffragetten wiederum, jene Frauen, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Britannien für ihr Stimmrecht kämpften, hatten ein ebenso rassistisches Bild. Statt sich mit den Frauen in den Kolonien zu solidarisieren, die durch patriarchale Strukturen und die Kolonialherrschaft doppelt gestraft waren, sahen sie die westliche Emanzipation als die einzig richtige an und forderten von indischen und afrikanischen Frauenbewegungen höchstens, sich ihrer doch als richtig erkannten Vorstellung unterzuordnen. Und als indische Frauen an einer Suffrage Parade in London mitliefen, wurden sie von englischen Suffragetten als «Brownies» bezeichnet.

Feminismus als Luxusgut?

Damals wurde der Feminismus von den Kolonialherren und -damen instrumentalisiert, um die Unterwerfung anderer Länder zu rechtfertigen. Heute, um die AusländerInnen mit reinem Gewissen davon abhalten zu können, zu uns zu kommen. Mit derselben Überheblichkeit, mit der sich die Suffragetten damals nicht mit ihren Schwestern solidarisierten, sondern ihnen wenn schon den «richtigen» Weg der Emanzipation zeigen wollten, schreiben manche Feministinnen heute mit ihrem Wir-sie-Gegensatz den westlichen Gesellschaften quasi das Patent auf die Gleichstellung zu. Zu behaupten, jemand, der «unsere Werte» nicht akzeptiere, habe bei uns nichts verloren, ist einerseits eine rassistische Disziplinierungsmassnahme. Wer käme schon auf die Idee, von Einheimischen ein Bekenntnis zu gewissen Werten zu fordern? Bei ihnen reicht es, wenn sie sich an das Gesetz halten. Andererseits ist es auch unsolidarisch mit allen Frauen, die in den kritisierten patriarchalen Strukturen leben. Denn angenommen, ein Mann wird ausgeschafft, weil er in der Schweiz eine Frau missbraucht hat, und tut dasselbe in Ägypten wieder: Ist das Zweite dann weniger schlimm? Feminismus wird so zum Luxusgut, und Gleichstellung steht nur jenen zu, die sie sich leisten können.

Nach «Köln» schrieben alle nur noch über die Täter, bald über muslimische Männer oder über Männer aus Nordafrika und dem arabischen Raum. Wer über die Opfer sprach und darüber hinaus über sexualisierte Gewalt an Frauen im Allgemeinen reden wollte, wurde der Verharmlosung bezichtigt. Es ist nicht der Feminismus, der in Mode ist. Sondern die verlogene Berufung auf den Feminismus, um daraus eine pauschale Abrechnung mit dem Islam abzuleiten.

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