Nr. 05/2016 vom 04.02.2016

Mit patriotischen Smileys gegen den «dekadenten Westen»

Gegen «Gayropa» und für ein starkes Russland: Eine Organisation junger Kreativer inszeniert den russischen Präsidenten Wladimir Putin als Übervater der Nation. Ist dies das neue Gesicht der Kremlpropaganda?

Von Simone Brunner, Moskau

Eine ehemalige Gasfabrik im Zentrum Moskaus. Im letzten Stock eines umgebauten Gasspeichers stapeln sich Staffeleien und bunte Sitzsäcke. Während draussen die Bauarbeiter hämmern, haben sich kleine Gruppen in Nischen versammelt. Brainstorming. Sie tragen Sneakers und Slimjeans und kritzeln Schlagworte auf die Whiteboards. Es gibt eine Designerecke mit Kleiderpuppen und eine Filmschule. «Ich sehe eine grosse Zukunft für Russland», prangt an der Decke. «Im Himmel ist Gott», steht auf einem Plakat, «auf Erden ist Russland.»

Hier treffen sich junge Maler, Designerinnen und Filmemacher aus ganz Russland, die sich zur Organisation Setj (deutsch: Netz oder Netzwerk) zusammengeschlossen haben. Wer im Netzwerk aufgenommen wird, kann die schicken Räume von Setj als Plattform für seine Kreativität nutzen. Unter einer Bedingung: absolute Treue zum russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Rund tausend Kreative werden derzeit von Setj unterstützt, sie sind zwischen achtzehn und dreissig Jahre alt. Wer die Gruppe, die vor zwei Jahren gegründet wurde, finanziert, ist geheim. Zuletzt war von kremlnahen Unternehmen die Rede. Jugendpolitik gehört in Russland zum Aufgabenbereich des ersten Stellvertreters der Präsidialadministration. Zumindest einzelne Projekte von Setj werden also wohl aus staatlichen Fonds kofinanziert.

Ganz auf Kremllinie

Die «Hipster Putins», wie sie zuweilen spöttisch genannt werden, sorgen immer wieder für Aufregung. Zu Neujahr haben sie Bücher mit Putin-Zitaten an russische BeamtInnen verschickt. Aus Protest gegen Emojis (Bildschriftzeichen), die Regenbogenfamilien und händchenhaltende Männer abbilden, haben sie ihren eigenen patriotischen Emojikatalog entworfen. «Es gibt Dinge, die passen einfach nicht zur russischen Kultur», sagt Setj-Chef Makar Wichljanzew. Jetzt gibt es Hammer und Sichel, Balalaikas, Smileys mit dem Antlitz des russischen Nationaldichters Alexander Puschkin und ein Emoji, das den tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow darstellt. Und sechs Smileyvarianten mit Putin.

Für diese Generation von RussInnen ist der Putin-Kult ganz selbstverständlich: «Sie sind heute zwanzig Jahre alt, und Putin ist seit sechzehn Jahren an der Macht», sagt Wichljanzew. Er selbst ist 31 Jahre alt, trägt eine runde Brille und einen bunten Strickpullover. «Sie leben gemeinsam mit Putin. Er war für sie schon immer da – so wie Autos oder Facebook.»

In einer Nische sitzt Gleb Krajnik. Weisses, aufgeknöpftes Hemd, Tattoos, Bart. «Die Jugend will eigentlich immer rebellieren», sagt er. Deswegen hat er einen Ring entworfen mit dem Kopf Putins und der deutschen Inschrift «Putinversteher». Entstanden ist das Wort «Putinversteher» in Deutschland – als Beschreibung für Personen, die die russische Position in der Ukrainekrise verteidigen. «Da Putin heute international ein Aussenseiter ist, ist es cool, mit ihm zu sympathisieren», so Krajnik.

Der Putin-Ring ist das bekannteste Projekt von Setj, inzwischen gibt es schon eine ganze Modekollektion. Models, die Kleider mit Putin-Prints tragen, laufen längst über die russischen Laufstege. Und immer wieder gebe es auch Bestellungen aus dem westlichen Ausland, sagt Krajnik. Wer das Label trägt, gehöre zum «Orden der Putinversteher» und stelle sich «gegen die Doppelmoral des Westens und gegen bärtige Frauen», wie es auf der Website heisst – unter Anspielung auf die österreichische Dragqueen Conchita Wurst.

Damit ist Setj ganz auf Kremllinie. Immerhin sei Russland die letzte Bastion, die konservative Werte wie die traditionelle Familie, Religion und Patriotismus hochhalte. Werte, die sich im «dekadenten Westen» – gern auch als «Gayropa» verspottet – längst aufgelöst hätten, so das russische Kulturministerium in einer Erklärung. Die Annexion der Halbinsel Krim feierte Setj mit einer Posterserie über die russischen Soldaten, die die Halbinsel besetzt hatten. AktivistInnen haben zuletzt Graffiti an Hauswände gesprayt – je ein Buchstabe in sieben verschiedenen russischen Städten, die zusammen «spasibo» (danke) ergeben. Das Video hätten Setj-AktivistInnen dann zu Putins Geburtstag hochgeladen, als «Geschenk», erzählt Pressesprecherin Anastasia Melnik mit glänzenden Augen.

Putin, die Vaterfigur

Auf den ersten Blick kommt Setj wie ein Start-up aus der Kreativbranche daher. Das Manifest der Organisation will aber so gar nicht zu diesem modernen Silicon-Valley-Image passen. «Der Weg, der uns vom Vater vorgezeichnet wurde, ist nicht der Kampf mit dem Vater, sondern mit der ganzen Welt – in diesem Kampf sind wir mit dem Vater vereint, sind wir eins mit ihm», heisst es auf der Website. «Wir streben nicht nach der Macht des Vaters – wir teilen sie mit ihm, lernen von ihm, eignen uns diese Macht an, und gemeinsam mit dem Vater bündeln wir unsere Energien für unsere Gegenwart und Zukunft.»

Der Vater? Natürlich Wladimir Putin. «Laut Untersuchungen ist jeder zweite Russe, der heute in seinen Zwanzigern ist, nur mit einem Elternteil aufgewachsen», sagt Wichljanzew. «Putin soll für sie eine Vaterfigur sein.» Putin als Übervater der Nation? Das hat Setj den Vorwurf eingebracht, einen an die Sowjetunion erinnernden, wenn nicht gar sektenähnlichen Personenkult um den russischen Präsidenten zu betreiben. Putin ist die zentrale Figur in den Filmen, den Bildern und den Fotografien von Setj. Wichljanzew wiegelt ab. «Putin ist einfach für viele ein Vorbild. Sportlich, erfolgreich, er wird respektiert.» Und er setzt grinsend hinzu: «Und immerhin gefällt er ja auch den Frauen.»

Keine politische Organisation

Hervorgegangen ist Setj aus dem Dunstkreis der kremltreuen Organisation Naschi (die Unsrigen). Naschi wurde 2004 gegründet, um Proteste gegen die Regierung zu verhindern. Die AktivistInnen sind indes vor allem mit Pro-Kreml-Demonstrationen sowie Hetze und Gewaltaktionen gegen RegierungsgegnerInnen aufgefallen. Nach den Massenprotesten in Russland im Winter 2011/12 wurde Naschi aufgelöst.

«Im Internetzeitalter ist es wichtiger denn je, mit den Köpfen der Leute zu arbeiten, statt auf die Strasse zu gehen», sagt Wichljanzew, selbst ein Naschi-Mitglied der ersten Stunde. «Sowohl der Arabische Frühling als auch der Maidan haben über Twitter stattgefunden.» Es ist das neue, freundliche Gesicht der Kremlpropaganda – in Abgrenzung zum Image der Raufbolde von Naschi. Soft Power und Emojis gegen liberale Werte.

Setj als eine politische Organisation zu sehen, ginge allerdings zu weit, sagt der russische Journalist Grigory Tumanow: «Putin ist für die Jugend zu einem populären Maskottchen geworden.» Und bei Setj würden sich Menschen versammeln, die sich «nicht für Politik interessieren, aber sich einfach gerne hübsch anziehen und Graffiti malen wollen.» Ausserdem würden Organisationen wie Setj von der Patriotismuswelle profitieren, die Russland seit der Annexion der Krim erfasst hat. Den jungen Kreativen selbst kommen die patriotischen Sprüche dementsprechend leicht über die Lippen. «Ich liebe mein Land, und ich finde, dass wir gemeinsam dafür arbeiten müssen», erklärt Ljuda, eine blonde junge Frau mit Undercut-Frisur, die zuletzt patriotische Bilder für eine Ausstellung gemalt hat. «Russland muss sich endlich von seinen Knien erheben.»

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