Nr. 08/2021 vom 25.02.2021

Der Nawalny-Kosmos

Der Kremlkritiker Alexei Nawalny kämpft nicht allein gegen die Autokratie. Während er im Gefängnis sitzt, führen landesweit seine Teams den Kampf gegen Präsident Wladimir Putin weiter. Ein Einblick in die Bewegung.

Von Simone Brunner

113 Millionen Menschen schauten sich auf Youtube den von Alexei Nawalnys Crew produzierten Film an: Ausschnitte aus «Ein Palast für Putin. Die Geschichte der grössten Bestechung».

Wer sich mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin anlege, dürfe kein Feigling sein, sagt Anastasia Korsakowa. Es ist 22 Uhr in Krasnojarsk, der drittgrössten Stadt Sibiriens. «True Love» steht auf ihrem grünen T-Shirt, sie wirkt müde, aber konzentriert.

Über den verschlüsselten Messengerdienst Telegram erzählt Korsakowa von ihrer zehntägigen Haft, aus der sie erst vor wenigen Tagen entlassen wurde. Sie war zum ersten Mal im Gefängnis, der Schrecken ist ihr anzusehen. Eine Erfahrung, die sie jetzt auch mit ihrem prominenten Chef teilt: Alexei Nawalny wurde Anfang Februar zu zwei Jahren und acht Monaten Lagerhaft verurteilt.

Von Kaliningrad bis Wladiwostok

Nach der Behandlung wegen eines Giftanschlags stieg der russische Oppositionspolitiker im Januar in Berlin in einen Flieger und wurde in Moskau noch an der Passkontrolle festgenommen. Anschliessend folgte ein umstrittenes Verfahren. Während Nawalny seine Strafe jetzt absitzen muss, kämpfen seine MitstreiterInnen weiter. Doch auch sie leiden unter zunehmenden Repressionen, Razzien und Festnahmen. Dutzende aus Nawalnys Team wurden in den vergangenen Wochen inhaftiert oder unter Hausarrest gestellt, mehrere führende MitarbeiterInnen, wie Nawalnys Wahlkampfleiter Leonid Wolkow, leben inzwischen im Ausland. Einige haben unter dem Druck der Behörden ihre Aktionen aufgegeben. Doch Menschen wie Korsakowa sind die Rädchen im Nawalny-Kosmos, die den Widerstand gegen Putin weiterhin am Laufen halten.

Seit zwei Jahren leitet die 39-jährige Korsakowa den Regionalstab der Nawalny-UnterstützerInnen in Krasnojarsk, wo zuletzt selbst bei 35 Minusgraden für die Freilassung des Kremlkritikers protestiert wurde. Früher arbeitete Korsakowa als Boulevardjournalistin, heute erzählt sie Geschichten wie aus einem Politthriller. Sie selbst spielt darin eine Hauptrolle. Zuletzt wurde zweimal ihre Wohnung durchsucht, Korsakowa tauchte zwischendurch unter. Sie schaltete ihr Handy aus, wechselte von Wohnung zu Wohnung, um einer drohenden Festnahme zu entgehen.

Doch dann passten sie PolizistInnen auf der Strasse ab, zehn Tage verbrachte sie wegen «Aufruf zu nichtgenehmigten Massenprotesten» im Gefängnis. Nicht allen in ihrem Umfeld gefällt ihr Einsatz für Nawalny, wo sie doch alleinerziehende Mutter einer vierzehnjährigen Tochter ist. Korsakowa engagiert sich aber gerade deswegen: «Ich will nicht, dass meine Tochter in einem Land aufwächst, in dem man für ein kritisches Posting in den sozialen Netzwerken ins Gefängnis kommen kann.»

Von Kaliningrad bis Wladiwostok gibt es 37 dieser sogenannten Regionalstäbe der Nawalny-UnterstützerInnen. Diese wurden eigentlich als Wahlkampfteams für die Präsidentschaftswahlen 2018 gegründet, zu denen Nawalny letztlich nicht einmal zugelassen wurde. Doch das landesweite Netzwerk ist geblieben, mit jeweils einer Leitung, MitarbeiterInnen und Freiwilligen. «Im Prinzip funktionieren wir wie eine Partei», sagt Alexei Worsin, der den Regionalstab in der fernöstlichen Stadt Chabarowsk leitet, «nur sind wir von den Behörden niemals offiziell registriert worden.»

Wie soll es weitergehen, wenn der führende Kopf der Bewegung für Jahre in Haft sitzt? «Natürlich ist es nicht gerade angenehm zu wissen, dass sie versuchen, deinen Chef zu vergiften», sagt Worsin, «aber wir sind es schon gewohnt, ohne ihn zu arbeiten.» Und die Nawalny-Show darf nicht aufhören: Erst vorige Woche hat Worsin ein Youtube-Video über das «dirty business» rund um eine Müllkippe, einen Duma-Abgeordneten und den Bürgermeister von Chabarowsk hochgeladen, ganz im schnittigen Aufdeckerstil von Nawalny.

Währenddessen rüstet man sich schon längst für das nächste Ziel: die Duma- und Lokalwahlen im Herbst. Die Kremlpartei Einiges Russland schwächelt in den Umfragen, einige RegionalleiterInnen, wie Worsin und Korsakowa, möchten selbst als KandidatInnen auf lokaler Ebene antreten. Kern der Nawalny-Strategie ist zudem das System «smart voting», eine App, über die WählerInnen über die aussichtsreichsten OppositionskandidatInnen in ihrem Wahlkreis informiert werden. Eine Strategie, die auch kritisiert wird, weil dadurch teilweise auch rechte oder kommunistische KandidatInnen gestärkt werden. Doch dem Nawalny-Team ist jedes Mittel recht, um das Monopol der Kremlpartei zu brechen. Die Nawalny-MitarbeiterInnen sind Politikerinnen, Aktivisten und JournalistInnen in Personalunion, die im Corporate Design Youtube-Videos über korrupte Machenschaften der LokalpolitikerInnen hochladen und Proteste organisieren. Manche vergleichen das Nawalny-Netzwerk mit einem Franchiseunternehmen: eine Marke mit Eigenleben.

Mit Köpfchen statt mit Schlagstöcken

Wenn die lokalen Teams das Rückgrat der Nawalny-Bewegung sind, dann ist die Moskauer NGO Fonds zur Bekämpfung von Korruption (FBK) die Zentrale. Rund 41 MitarbeiterInnen hat die Organisation, die der Jurist Nawalny 2011 gründete, nachdem er sich aus dem rechtsnationalen Milieu gelöst hatte. Damals verpasste er sich das Image des Aufdeckers, der Korruption in den «obersten Etagen der Macht» verfolge, wie es auf der Website heisst.

Einer der FBK-MitarbeiterInnen ist Ruslan Schaweddinow, ein 24-jähriger Youtuber. Schon als Teenager las er Nawalnys Blog über Missstände in der Machtelite, 2013 schloss er sich als Freiwilliger dessen Kampagne zu den Bürgermeisterwahlen an. «Tschuwak, Freundchen», habe dann irgendwann Nawalny gefragt, «willst du nicht dauerhaft bei uns mitarbeiten?» Er wollte. «Ich habe Alexei immer für seine Konsequenz und seinen Mut bewundert», sagt Schaweddinow. Ob er schon damals ahnte, welche Risiken er damit eingehen würde? «Ich war mir von Anfang an bewusst, mit wem wir uns da anlegen», sagt Schaweddinow. «Aber wir haben Köpfchen, sie haben nur Schlagstöcke.»

Schaweddinow ist erst vor wenigen Wochen aus der russischen Arktis zurückgekehrt. Im Dezember 2019 drangen PolizistInnen in seine Moskauer Wohnung ein und verfrachteten ihn mit einem Flugzeug auf die Inselgruppe Nowaja Semlja im Nordpolarmeer, wo einst die Sowjets ihre Atomwaffen testeten. «Militärdienst» nannten es die Behörden, «Verbannung» nennt es Schaweddinow. «Ein Jahr lang lebte ich ohne Verbindung zur Aussenwelt.» Kein Internet, kein Telefon, kein fliessendes Wasser. Das wahre Ausmass der Coronapandemie wurde ihm erst bei seiner Rückkehr nach Moskau bewusst. Es dauerte nicht lange, bis beim FBK die ersten Witze über ihn kursierten und auf Nawalnys Youtube-Kanal eine Show über ihn lief: «Der Typ, der 2020 verpasst hat.»

Es ist gerade das Internet, das den «Nawalniki» noch etwas Freiraum bietet: Über die sozialen Netzwerke, Youtube, Facebook und Tiktok, erreicht Nawalny Millionen, die mit der drögen Kremlpropaganda im Fernsehen nichts mehr anfangen können. Doch mit Nawalnys Inhaftierung hat der Youtube-Kanal «Nawalny» mit 6,38 Millionen AbonnentInnen sein prominentes Gesicht verloren. Funktioniert das Medienunternehmen Nawalny auch ohne Nawalny? «Alexei ist unser wichtigstes Gesicht», sagt Maria Pewtschich, «aber jetzt müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen.» Dass derzeit die bekannten Köpfe der Bewegung in Russland entweder in Haft sitzen oder unter Hausarrest stehen – Internetverbot inklusive – und dass zunehmend kritische Postings in den Netzwerken unter Strafe gestellt werden, macht es nicht leichter.

Die grössten Schweinereien

Die 34-jährige Pewtschich leitet das Team für investigative Recherchen beim FBK und schreibt die Drehbücher für Nawalnys Youtube-Videos. Seit 2011 wurde kaum eine Enthüllung publiziert, an der sie nicht massgeblich mitgewirkt hätte. Noch an dessen Krankenbett entwarf sie mit Nawalny den Plan, einen Film über Putin zu drehen. Ein Sujet, das sich aufgedrängt habe. Das Endprodukt, «Ein Palast für Putin», wurde auf Youtube 113 Millionen Mal angeklickt.

Pewtschich, die bis zuletzt kaum in der Öffentlichkeit stand und von der BBC als «die unbekannteste Person der FBK-Organisation» bezeichnet wurde, gibt heute Interviews im Dreissig-Minuten-Takt, fast auf die Minute genau. Sie sitzt in ihrer Küche in London, trägt einen schwarzen Kapuzenpulli mit FBK-Logo, im Hintergrund stehen frische rote Tulpen in einer Vase. «Wir haben uns bei den Recherchen immer auf die Beamten konzentriert, die gerade die grössten Schweinereien machen», sagt sie trocken. Die Vergiftung Nawalnys mit dem Nervengift Nowitschok – welche grössere Schweinerei konnte es schon geben, abgesegnet vom ersten Mann im Staat, Wladimir Putin?

Pewtschich war es auch, die Nawalny auf seiner Sibirienreise begleitete, auf der er vergiftet wurde. Sie war es, die die Plastikflaschen in seinem Tomsker Hotelzimmer sicherte und nach Deutschland brachte, wo Nowitschok nachgewiesen werden konnte. Sie sass neben seiner Ehefrau Julia im Flieger, als Nawalny im Koma nach Berlin überstellt wurde, und sie sass mit am Tisch, als Nawalny von Berlin aus den Täter anrief, der am Telefon gestand, Nowitschok auf seine Unterhose gestrichen zu haben. Hat sie selbst keine Angst? Im Videogespräch räumt Pewtschich ein, dass sie sich nicht einmal in Grossbritannien richtig sicher fühle. «Aber was soll ich schon machen?», fragt sie. «Manche werden nun mal Kriegsreporter, und manche werden Oppositionelle.» Dann schiebt sie hinterher: «Für mich gibt es schon lange keinen Weg mehr zurück.»

Es ist ein hartgesottener Kern aus jungen, professionellen IT-Spezialistinnen, Youtubern und ehemaligen Journalistinnen, die Nawalny über die Jahre um sich geschart hat. Ob sie den langen Atem haben werden, um all der Polizeigewalt, den Festnahmen, Inhaftierungen und Einschüchterungen zu trotzen, noch dazu, wenn ihre Führungsfigur in Haft ist? Dass besonders auch für sie selbst schwere, repressive Zeiten angebrochen sind, werten sie als Beweis, der Stachel im Fleisch des Kremlsystems zu sein. «Das zeigt doch nur», glaubt Korsakowa in Krasnojarsk, «dass sie Angst vor uns haben.»

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