Nr. 05/2016 vom 04.02.2016

«Das Risiko ist zwar klein, aber es existiert»

Die Weltgesundheitsorganisation hat wegen des Zika-Virus den globalen Gesundheitsnotstand erklärt. Tropenmediziner Christoph Hatz über die Risiken des Virus und wieso die Schweiz kaum betroffen sein wird.

Von Ulrike Baureithel

WOZ: Herr Hatz, seit kurzem ist von der Zika-Infektion die Rede. Warum erst jetzt?
Christoph Hatz: Zika ist seit 1947 als Virus bekannt, seit der Entdeckung gab es fünfzehn Fälle bei Menschen, diese hat man jedoch als unbedeutend eingestuft. 2007 wurden mehrere Hundert Fälle auf einer Pazifikinsel beobachtet, die meisten ohne Komplikationen. 2013 kam es zu grösseren Ausbrüchen, zuerst in Mikronesien, dann in Polynesien. Damals war man sich aber nicht über das Risiko von Mikrozephalie bewusst.

Macht dieses Auftreten von Schädelfehlbildungen die Infektion so gefährlich?
Genau. Die Krankheit an sich ist eher harmlos, vier von fünf Erkrankten haben kaum oder gar keine Symptome. Bei einer zweiten Komplikation kann es zu Lähmungen kommen, die man bereits beim Auftreten der Epidemie im Pazifik festgestellt hatte. Für Schwangere allerdings scheint die Infektion gefährlich zu sein, wobei man noch nicht sicher weiss, ob die Schädigung des Embryos in allen drei Abschnitten der Schwangerschaft auftreten kann.

In Brasilien ist jetzt die Rede von über 4000 Fällen von erkrankten Neugeborenen mit einschlägigen Schädelschädigungen.
Die Zahlen sind schwer zu beurteilen, weil es bislang keine standardisierten Messverfahren gab. Das hat sich mittlerweile geändert. Aber ein zwanzigfacher Anstieg von Mikrozephaliefällen ist auch bei einer möglichen Berechnungsfehlerquote sicher kein Zufall. Bei zwei im Mutterleib und bei zwei nach der Geburt verstorbenen Kindern hat man Virusbestandteile nachweisen können – der letzte Beweis eines Zusammenhangs ist jedoch noch nicht geführt.

Trotzdem wird in einigen lateinamerikanischen Ländern Frauen geraten, ihre Schwangerschaften aufzuschieben. Zu Recht?
Wenn man von einem Infektionszusammenhang ausgeht, ist die Angst berechtigt, und Vorsichtsmassnahmen sind vertretbar.

Schwangeren Frauen wird vielfach abgeraten, in Gebiete zu fahren, in denen Zika auftritt. Wie gross ist die Gefahr tatsächlich?
Experten für Reisemedizin raten Frauen, die schwanger sind oder es werden wollen, sich eine Reise in ein Risikogebiet gut zu überlegen. Das Risiko ist zwar klein, aber es existiert. Da wir den Zeitpunkt, zu dem die Schädigung auftreten kann, noch nicht kennen, gilt dies für die gesamte Zeit der Schwangerschaft.

Christoph Hatz.

In der Schweiz war bisher von zwei Fällen die Rede. Könnte die Mücke auch hier Fuss fassen?
Im Moment brauchen wir keine Angst zu haben. Eine mögliche Überträgermücke gibt es zwar in Europa, aber im Winter ist sie nicht aktiv. 2007 bei der Chikungunyaepidemie in Italien war ein Patient in der schlimmsten Zeit, nämlich im Sommer, erkrankt zurückgekommen, und zahlreiche Mücken steckten sich an ihm an. In Frankreich wurde der Virus im Winter aus La Réunion eingeschleppt, was mangels Überträgermücken keine Fälle bei der Bevölkerung verursachte. Und das gilt in diesem Fall sicher auch, mit Ausnahme vielleicht für die südlichsten Ecken Europas, wenn es wärmer wird.

Und im Sommer?
Tatsächlich können solche Viren im Sommer von der asiatischen Tigermücke übertragen werden. Wenn die Viren mit Patienten in die Schweiz kämen, wäre es theoretisch möglich, dass es zu vereinzelten Übertragungen in Europa kommt. Eine Epidemie ist eher unwahrscheinlich. Wir sind gewarnt, und wir haben in der Schweiz ein Meldesystem, das es ermöglicht, sofort zu reagieren und Mücken zu bekämpfen.

Warum wurde der Kampf gegen die Gelbfiebermücke, die auch Zika überträgt, bislang nicht aufgenommen?
Der Virus wurde bislang als nicht gefährlich taxiert, weil er nicht von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Von einer Epidemie wie jetzt in Lateinamerika konnte man nicht ausgehen. Eine wirksame Mückenbekämpfung wurde aber tatsächlich in vielen Ländern vernachlässigt.

Ist Zika eine Armutskrankheit?
Ja, wie auch das Dengue- und das Chikungunyafieber. Sie betreffen vor allem Leute, die Mücken am meisten ausgesetzt sind, etwa in den Favelas, wo es sehr schwierig ist, die Brutstätten der Mücken zu bekämpfen.

Erachten Sie einen Grosseinsatz von Soldaten wie in Brasilien als sinnvoll?
Er wird sicher die Situation verbessern, das haben wir schon in anderen Gebieten gesehen. Singapur hat vor Jahrzehnten mit drakonischen Massnahmen das durch die gleiche Mücke übertragene Denguefieber ganz aus dem Stadtgebiet vertreiben können. Nun ist Singapur nicht vergleichbar mit einer lateinamerikanischen Favela. Dort wird es schwieriger, aber der Einsatz wird sicher zu einer Reduktion der Mücken führen, solange wir über keine Impfung verfügen. Und dadurch werden auch Dengue und Chikungunya zurückgedrängt.

Prof. Dr. Christoph Hatz lehrt Tropen- und Reisemedizin an der Uni Basel, ist Chefarzt des Tropen- und Public-Health-Instituts und leitet das Zentrum für Reisemedizin an der Uni Zürich.

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