Nr. 22/2016 vom 02.06.2016

Arme Kranke rechnen sich nicht

Wie der tropische Zika-Virus zum internationalen Medienereignis werden konnte und warum es in absehbarer Zeit trotzdem weder Impfstoffe noch Medikamente zu seiner Behandlung geben wird.

Von Toni Keppeler

Es begann mit roten juckenden Flecken an den Armen und leicht erhöhter Temperatur. «Kein richtiges Fieber», erinnert sich Carmen Martínez. Sie hat es nicht einmal gemessen. Sie fühlte sich fit genug, um jeden Tag aufzustehen und zur Arbeit zu gehen. Die 44-jährige Salvadorianerin ist Yogalehrerin und macht bei ihren Kursen selbst alle Übungen mit. Nach drei Tagen bildeten sich die Flecken zurück. Stattdessen bekam Martínez Rückenschmerzen und blutunterlaufene Augen. Dazu schwollen ihre Hand- und Fussgelenke an. Das dauerte noch einmal drei, vier Tage, dann war alles vorbei und übrig blieb nur eine grosse Müdigkeit.

Beim Arzt war sie nicht. Warum auch? Die wenigsten Menschen in El Salvador haben eine Krankenversicherung. Arztbesuche kosten Geld. Man macht sie nur, wenn es gar nicht mehr anders geht. Ihr Fall taucht deshalb – wie der von ungezählten anderen – in keiner Statistik auf.

Carmen Martínez hat die Krankheit in diesem Frühjahr erwischt. Sie wusste, um was es sich handelt, auch ohne ärztliche Diagnose. In den Medien werden die Symptome wieder und wieder beschrieben, lateinamerikanische GesundheitspolitikerInnen sprechen täglich darüber, in Behörden hängen aufklärende Plakate.

Als aber im August 2014 im Nordosten Brasiliens erst Hunderte, dann Tausende und schliesslich weit über eine Million Menschen mit denselben Symptomen erkrankten, da rätselten GesundheitsexpertInnen lange. Man tippte zunächst auf eine milde Variante des seit Jahrzehnten in Lateinamerika grassierenden tropischen Fiebers Dengue. Bei Blutuntersuchungen aber fand sich kein entsprechender Erreger.

«Eine gutartige Krankheit»

Als Nächstes hatten die Behörden Chikungunya im Verdacht. Dieses Fieber, verbunden mit heftigen Gliederschmerzen, ist vor ein paar Jahren fast überall in Lateinamerika aufgetaucht und seither nicht mehr verschwunden. Aber auch Chikungunya liess sich nicht nachweisen. Erst im April 2015 entdeckte man die wahre Ursache: Zika. Der damalige brasilianische Gesundheitsminister, der Medizinprofessor Arthur Chioro, trat erleichtert vor die Presse und sagte: «Der Zika-Virus beunruhigt uns nicht. Es handelt sich um eine gutartige Krankheit.»

Damit hätte man den Fall eigentlich abhaken können. Zika, übertragen vom Aedes aegypti genannten Moskito, breitet sich vor allem in dicht besiedelten Armenvierteln der Tropen aus. In den dort herrschenden Bedingungen fühlt sich die Stechmücke besonders wohl: feuchtheisses Klima und massenhaft abgestandenes Wasser, etwa in Pfützen auf ungeteerten Strassen und Wegen oder in offen gelagertem Müll wie weggeworfenen Altreifen. Dort legt die weibliche Mücke ihre Eier ab.

Zika ist eine klassische Armutskrankheit, und die sind den Medien in der reichen Welt allenfalls eine kleine Randnotiz wert; meist werden sie einfach ignoriert.

Zika aber wurde zum internationalen Medienereignis, und das lässt sich erklären: Zum einen ist die Krankheit in Brasilien ausgebrochen, im Jahr vor den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro, bei denen die Welt (vor allem die reiche) zu Gast sein wird und sich vor Ansteckung fürchtet. Zum anderen stellte sich Zika als eine emotional berührende Krankheit heraus: Neun Monate nach dem Ausbruch häuften sich im Seuchengebiet Geburten von Kindern mit viel zu kleinen Köpfen. Heute weiss man, dass etwa ein Prozent der Frauen, die sich in den ersten drei Monaten ihrer Schwangerschaft mit Zika infizieren, Babys mit dieser Mikrozephalie genannten Anomalie zur Welt bringen. Bei über einer Million Infizierter macht das ein paar Hundert Fälle. Das fällt auf, das lässt sich fotografieren und filmen, das berührt. Bilder von missgebildeten Kindern greifen ans Herz der MedienkonsumentInnen.

Seither geht jede auch noch so vage Vermutung als Horrormeldung um die Welt. Zika-Kinder könnten später vielleicht an der Verhaltensstörung ADHS leiden oder zu EpileptikerInnen werden, glauben ein paar ExpertInnen. Eine Schädigung der Augennerven bis hin zur Erblindung gilt als möglich, ein Zusammenhang mit dem Guillain-Barré-Syndrom als wahrscheinlich. Bei dieser noch weitgehend unverstandenen neurologischen Erkrankung handelt es sich um vorübergehende Lähmungserscheinungen, die an den Händen und Füssen beginnen und den ganzen Körper befallen können. In aller Regel erholen sich die PatientInnen schon nach wenigen Monaten. Nur wenn die Lähmung den Atmungsapparat befällt, kann die Krankheit tödlich enden.

Wer kennt die Chagas-Krankheit?

El Salvadors stellvertretender Gesundheitsminister Eduardo Espinoza, ein gelernter Arzt, forderte angesichts solcher noch unbewiesener Schreckensvisionen die Frauen seines Landes auf, in den nächsten beiden Jahren nicht schwanger zu werden. In stockkatholischen Ländern wie Kolumbien debattiert man wegen Zika über eine Lockerung des strikten Abtreibungsverbots. Mit dem Klimawandel und den dadurch steigenden Temperaturen könnte die Krankheit auch näher an die industrialisierte Welt im Norden rücken (vgl. «Zika in Europa» im Anschluss an diesen Text).

Ohne die Bilder der missgebildeten Kinder und heraufbeschwörbare Gefahren würde Zika ignoriert wie jede andere Armutskrankheit. Wer kennt schon zum Beispiel die Chagas-Krankheit, die so gut wie überall in Lateinamerika verbreitet ist? Rund achtzehn Millionen Menschen sind damit infiziert – im Fall von Zika rechnen die schlimmsten Projektionen mit vier bis sechs Millionen. Zika spürt man, wenn überhaupt, wie eine leichte Grippe, und nach einer Woche ist alles vorbei. Vier von fünf Angesteckten merken gar nichts, und spätestens nach zehn Tagen ist auch der Erreger aus ihrem Körper verschwunden. Die Chagas-Krankheit dagegen geht in ihrer etwa einen Monat währenden akuten Phase mit hohem Fieber, Durchfällen und Bauchschmerzen einher. Danach bleibt sie für immer im Körper und zerstört, oft erst nach Jahren, die Nervenzellen im Verdauungstrakt und lässt das Herz krankhaft wachsen. Bei etwa zehn Prozent der Infizierten führt sie zu einem langsamen und grausamen Tod.

In Bolivien trägt rund ein Viertel der Bevölkerung den Erreger in sich, im Westen von Honduras mehr als die Hälfte. Die Krankheit ist seit 1909 bekannt. Es gibt bis heute weder einen Impfstoff zum Schutz vor Chagas noch ein Medikament zur Behandlung. Das gilt genauso für Zika (bekannt seit 1947), Dengue (seit spätestens 1635 bekannt) und Chikungunya (1952 zum ersten Mal beschrieben).

Alle diese Krankheiten haben eines gemein: Sie befallen fast ausschliesslich arme Menschen in armen Ländern und raffen Jahr für Jahr Zehntausende dahin. Chagas wird von einer Raubwanze übertragen, die im Stroh von Dächern und in Wänden aus einem Gemisch von Stroh und Lehm lebt – die typische Hütte armer Leute auf dem Land. Zika, Dengue und Chikungunya werden alle von Aedes aegypti übertragen, der Mücke, die sich in den hygienischen Bedingungen der überfüllten städtischen Armenviertel besonders wohlfühlt.

Gäbe es keine Favelas in den Städten und keine bittere Armut im Hinterland, wären Chagas, Zika, Dengue und Chikungunya kein Problem. Und befielen diese Krankheiten nicht überwiegend Arme, gäbe es längst Impfstoffe zu ihrer Verhinderung und Medikamente zu ihrer Behandlung. Die Pharmaindustrie aber ist – mit der kubanischen als einziger nennenswerter Ausnahme – privatwirtschaftlich organisiert und also an Profit orientiert. Mit armen Leuten in armen Ländern lässt sich kein Profit machen. Schon gar nicht, wenn die Krankheiten, an denen sie leiden, mehr beschrieben als verstanden sind und oft epidemisch auftreten und dann wieder abklingen oder scheinbar ganz verschwinden. Bevorzugt werden Medikamente für Krankheiten entwickelt und produziert, die bekannt und erforscht sind und die häufig und vorhersehbar in Ländern mit genügend Kaufkraft auftreten.

So haben WissenschaftlerInnen der Gesundheitsbehörde der USA zwar einen Impfstoff entwickelt gegen das oft tödliche West-Nil-Fieber, das vorwiegend in Afrika und nur sehr selten in Nordamerika und Europa auftritt. Sie fanden dann aber trotz erfolgreicher klinischer Tests keinen Pharmakonzern, der bereit gewesen wäre, das Präparat industriell zu produzieren – keiner der angefragten Firmen schien es rentabel genug zu sein. Jetzt arbeiten ForscherInnen in staatlichen Labors der Vereinigten Staaten an einem Zika-Impfstoff und befürchten einen ähnlichen Ausgang.

Die Pharmariesen zaudern

Zwar wird in rund einem Dutzend kleinerer Firmen und Labors inzwischen über Zika geforscht – dafür gibt es jetzt Geld von der Weltgesundheitsorganisation. Die Grossen der Pharmabranche aber geben sich zaudernd. So hat der britische Konzern Glaxo Smith Kline nur vage gesagt, er werde «die Machbarkeit prüfen». Das will auch Sanofi Pasteur in Frankreich tun, merkte in einer Presseerklärung aber gleich an: «Es gibt noch zu viele unbekannte Faktoren.»

Der wesentliche unbekannte Faktor ist der Markt: Wird es in drei, fünf oder zehn Jahren, wenn ein Impfstoff oder Medikamente marktreif sein könnten, überhaupt genügend Zika-Kranke geben, mit deren Geld Investitionen und Gewinne hereingespielt werden können? Der jetzt in Lateinamerika grassierende Ausbruch wird dann sicher vorbei sein. In Brasilien ist die Zahl der Neuinfektionen schon jetzt rückläufig. Wann und wo der nächste Ausbruch kommen wird, weiss niemand. Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass es wieder in einer armen Weltgegend sein wird, vielleicht noch viel ärmer, als es der Nordosten Brasiliens ist. Und eben deshalb wird es auch dann weder Impfstoff noch Medikamente geben.

Weiterer Artikel zum Thema
Vernachlässigte Krankheiten: Rassismus am Krankenbett

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch