Wahlverhalten : Die Sache mit dem Klassenbewusstsein

Nr.  6 –

Die SP ist keine Arbeiterpartei. Zu diesem Schluss kommt nun also eine Studie der Politikwissenschaftlerin Line Rennwald und des Historikers Adrian Zimmermann. Basierend auf Umfragen nach eidgenössischen Wahlen untersuchten sie den «Wahlentscheid der Arbeiter in der Schweiz im Zeitraum von 1971–2011».

Wählten 1975 noch 38 Prozent der «Arbeiter» die SP, waren es 2011 noch 16. Dagegen stieg der Anteil der SVP-wählenden «Arbeiter» von 8 auf 40 Prozent an. Ausgerechnet jene Partei, die mit ihrer Wirtschafts- und Sozialpolitik ausgesprochen «arbeiterunfreundlich» politisiert. Mit dem entscheidenden Zusatz, dass sie – in trügerischer Privilegierung der «Schweizer Arbeiter» – all jene brandmarkt, die noch schlechter gestellt sind: Sozialhilfebedürftige, IV-RentnerInnen, Asylsuchende – und ArbeiterInnen ohne Schweizer Pass.

Wen meinen die WissenschaftlerInnen, wenn sie von «Arbeitern» schreiben? Aufgrund der Datenlage hätten sie nur die «Gruppe der Arbeiter im engeren Sinn» in der Industrie, dem Baugewerbe und dem Transportsektor analysieren können, schreiben sie. Zugleich weisen sie aber darauf hin, dass mit dem Zuwachs des Dienstleistungssektors «auch der Anteil der Dienstleistungsangestellten (z. B. Verkaufspersonal, Reinigungspersonal) an der Arbeiterklasse im weiteren Sinn gestiegen» ist.

Allein die vage Definition zeigt, wie sehr der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft die sozialen Strukturen umgekrempelt hat. Das Klassenbewusstsein ist diffundiert. Gleichzeitig haben mit dem «Niedergang» der klassischen Arbeiterklasse diverse soziale Bewegungen Auftrieb erhalten – und hat sich die Parteienvielfalt in der Linken erweitert.

Doch so anachronistisch der Begriff der Arbeiterklasse heute klingen mag: Es gibt sie noch. Nur ist sie weit heterogener als noch vor vierzig Jahren. Das macht ein Klassenbewusstsein schwierig. Zumal sich auf eidgenössischer Ebene kaum noch VolksvertreterInnen finden, die die Interessen der Arbeiterklasse des 21. Jahrhunderts glaubwürdig vertreten können. In den siebziger Jahren sass mit Willi Ritschard ein Heizungsmonteur im Bundesrat. Eine solche Identifikationsfigur ist heute nahezu undenkbar.