Nr. 07/2016 vom 18.02.2016

Tod eines «untypischen» Journalisten

Der italienische Wissenschaftler und Journalist Giulio Regeni wurde mutmasslich von der ägyptischen Polizei ermordet. Geriet er ins Visier, weil er über die unabhängigen Gewerkschaften forschte?

Von Jens Renner

Giulio Regeni

Am 25. Januar machte sich Giulio Regeni im Zentrum Kairos auf den Weg zur Geburtstagsfeier eines Bekannten. Neun Tage später, am 3. Februar, wurde seine Leiche am Rand der Strasse zwischen Kairo und Alexandria gefunden. Obwohl diverse Verwundungen auf Folterung hinwiesen, behauptete die Polizei zunächst, Regeni sei bei einem Verkehrsunfall gestorben. Als sich das nicht halten liess, kamen nacheinander Version zwei und drei ins Spiel: Regeni sei Opfer eines Raubüberfalls geworden oder – in einem durchweg homophoben Land besonders perfide – von schwulen Sexualpartnern umgebracht worden. Zwei in diesem erfundenen Zusammenhang verdächtige Männer wurden verhaftet und schnell wieder auf freien Fuss gesetzt.

Paranoides Regime

Wahrscheinlich, wenn auch bislang nicht beweisbar, ist ein anderer Tathergang: Der 28-jährige Regeni wurde von der Polizei verschleppt, tagelang verhört und gefoltert und schliesslich am 31. Januar oder am 1. Februar ermordet. Für diesen Hergang spricht einiges: Am 25. Januar, dem fünften Jahrestag der Revolution gegen Hosni Mubarak, war das Zentrum von Kairo, wo Regeni wohnte, von Polizeikräften besetzt, die jede Demonstration gegen das repressive Regime des Staatspräsidenten Abdel Fattah al-Sisi verhindern wollten. Nur staatliche Akteure, so der ägyptische Blogger und Aktivist Wael Abbas, seien in der Lage, Menschen tagelang festzuhalten und dann zu ermorden, ohne Spuren zu hinterlassen.

Stellt sich die Frage nach dem Motiv. Hier kommt nach Ansicht von BeobachterInnen einiges zusammen: die allgemeine Paranoia des Regimes; eine auch in der Bevölkerung weitverbreitete Fremdenfeindlichkeit und insbesondere die Neigung der Staatsorgane, länger in Ägypten ansässige AusländerInnen als Spione zu verdächtigen; Giulio Regeni erforschte als Doktorand der Universität Cambridge schliesslich die Aktivitäten der unabhängigen ägyptischen Gewerkschaften. Er war selbst kein Aktivist, besuchte aber gewerkschaftliche Versammlungen und hatte Kontakt zu den ProtagonistInnen. Darüber berichtete er in der linken italienischen Tageszeitung «Il Manifesto» – unter Pseudonym, weil er sich der Gefahr durchaus bewusst war.

Die jungen Intellektuellen

Nach seinem Tod veröffentlichte «Il Manifesto» Regenis letzten Artikel unter seinem vollen Namen: eine Reportage über eine Konferenz im Center for Trade Union and Workers’ Services (CTUWS) in Kairo. Als Marxist in der Tradition Antonio Gramscis (1891–1937) hielt sich Regeni an dessen Maxime, den «Pessimismus des Verstands» mit dem «Optimismus des Willens» zu verbinden: Das Regime ist stark, jede Opposition wird verfolgt, aber es gibt auch Ansätze von Widerstand, die dem Regime gefährlich werden könnten. Vielleicht ist er durch sein – überwiegend wissenschaftliches – Interesse an gewerkschaftlichem Widerstand ins Visier der Staatsmacht geraten.

Luciana Castellina, die 86-jährige Altmeisterin des linken Journalismus in Italien, wies in einem Kommentar zu Regenis Tod darauf hin, welche Rolle die «untypischen» JournalistInnen heute bei der Berichterstattung aus vielen Teilen der Erde spielen. Da selbst grössere Zeitungen sich kaum noch AuslandskorrespondentInnen leisten können oder wollen, werden die Berichte junger Intellektueller, die als Stipendiaten ins Ausland gehen, immer wichtiger. Wenn sie kritisch berichten, begeben sie sich in die gleichen Gefahren wie ihre professionellen KollegInnen. Einer von ihnen, der das mit dem Leben bezahlte, war Giulio Regeni. Dass die Wahrheit über seinen Tod ans Licht kommt und die Schuldigen bestraft werden, halten ägyptische AktivistInnen für unwahrscheinlich.

Giulio Regeni wollte kein Held sein, aber berichten, was er sah. Am 12. Februar wurde er in seinem norditalienischen Heimatort Fiumicello (Provinz Udine) beigesetzt – ohne Fahnen, Slogans und Fernsehen, wie die Eltern verfügten. Sein letzter Artikel, «In Egitto, la seconda vita dei sindacati indipendenti» (In Ägypten, das zweite Leben der unabhängigen Gewerkschaften), ist auf Italienisch und auf Englisch auf der Website von «Il Manifesto» nachzulesen.

Nachtrag vom 7. April 2016

Italien erwartet Antworten

Neun Tage nachdem er spurlos verschwunden war, wurde der 28-jährige italienische Wissenschaftler und Journalist Giulio Regeni am 3. Februar bei Kairo tot am Strassenrand aufgefunden. Sein Körper wies schwere Verletzungen auf. Mit wachsender Ungeduld drängt die italienische Regierung seither auf Aufklärung des Falls, während die ägyptischen Behörden weiterhin mit abstrusen Erklärungen aufwarten.

Dabei ist gemäss neuen Berichten eine Beteiligung des Regimes von Abdel Fattah al-Sisi wahrscheinlich – mutmasslich wegen Regenis Kontakten zu unabhängigen ägyptischen Gewerkschaften. So ergaben Autopsien in Ägypten wie in Italien, dass Regeni vor seinem Tod bis zu sieben Tage lang systematisch gefoltert worden war. Zudem liegt der italienischen Polizei eine Aussage vor, wonach Regeni am Tag seines Verschwindens von Sicherheitsleuten angehalten worden sei.

Solchen Darstellungen widersprach das ägyptische Regime bisher vehement. Ende März verkündete es, die Mörder seien identifiziert: eine kriminelle Bande, deren vier Mitglieder am 24. März von Sicherheitskräften getötet worden waren. Der Reisepass und andere Gegenstände Regenis seien bei ihnen gefunden worden.

Mehrere italienische Regierungsmitglieder verkündeten umgehend, dass sie diese Geschichte nicht glaubten. Einen Tag später widerrief das ägyptische Regime seine Behauptung.

Am Dienstag dieser Woche sollte schliesslich eine Delegation aus Kairo in Rom eintreffen, um den Stand der Ermittlungen darzulegen. Kurzfristig und ohne Begründung verschob die ägyptische Regierung den Besuch. Sollten die ägyptischen Behörden bei der Aufarbeitung des Falls weiterhin nicht kooperieren, könnte Italien die beliebte Tourismusdestination als «unsicheres Land» einstufen.

Raphael Albisser

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