Nr. 07/2016 vom 18.02.2016

Im Land der Gespenster

Tausende von Flüchtlingen überquerten letztes Jahr die Grenze nach Ungarn. Jetzt hält ein gleissender Zaun die Menschen fern. Aber auf den menschenleeren Bildern vom Zaun sind sie als Phantome immer noch gegenwärtig.

Von Ursula Häne (Fotos) und Florian Keller (Text)

Was ist das eigentlich Verstörende an diesem Bild? Es sind nicht die Rollen an Stacheldraht, die sich schier endlos in der Ferne verlieren. Was wirklich verstört, ist dieser Glanz. Rostfreier Stahl, blitzblank und vor allem: fabrikneu, schnell hochgezogen. Das Gleissen dieses Zauns sagt uns: Das hier ist ganz neu, das passiert jetzt.

Es ist das Gleissen der Geschichtsvergessenheit.

Müsste man es, gerade in Europa mit seiner geteilten Geschichte, nicht besser wissen? Ich bin fast zu spät geboren, den sogenannten Eisernen Vorhang habe ich nur noch als verblassende Metapher mitbekommen. Und jetzt steht plötzlich wieder so einer da, in einer Landschaft von durchaus malerischer Trostlosigkeit: ein Vorhang von glänzendem Stahl. Unüberwindlich zieht er sich durch eine Schneise im Unterholz, und diesmal nicht als Metapher, sondern sehr handfest. Aber wehe der Hand, die sich daran festhalten will.

Bei dem Typ Stacheldraht, der hier verwendet wurde, spricht man gemeinhin von Nato-Draht. Aber natürlich hat das Ding auch einen bürokratischen Namen, der weniger militärisch klingt. Seine offizielle deutsche Bezeichnung, weiss Wikipedia, lautet «Widerhakensperrdraht». Das muss man der deutschen Sprache lassen: Manche Dinge heissen immerhin so schrecklich, wie sie sind.

«Wir haben nur eine Nachricht für Flüchtlinge: Kommt nicht!» Das verkündete der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban am 3. September 2015 in Brüssel. Die Botschaft war unmissverständlich. Und sie war gekoppelt an ein nonverbales Zeichen, das Orban an der Grenze zu Serbien und Kroatien setzte. Zwischen Juli und Oktober 2015 liess er dort auf einer Strecke von rund 470 Kilometern diesen Grenzzaun errichten. Gebaut wurde er vom Militär, dazu wurden Strafgefangene und Arbeitslose abkommandiert. Gesamtkosten: 94 Millionen Euro. Damit der Grenzstreifen auf einer Breite von zehn Metern befestigt werden konnte, musste der ungarische Staat teils Land von Privaten abkaufen. Um das möglich zu machen, musste eigens ein neues Gesetz erlassen werden.

Der Zaun als Talisman

Die Botschaft, die Orbans Zaun aussenden soll, ist klar: «Kommt nicht!» Aber kein Zeichen ist eindeutig. Auch nicht, wenn es auf Betonfundamenten ins Land gerammt wird, aus Stahl gebaut und mit Stacheldraht bekränzt.

Schon im offensiven Silberglanz dieses Zauns lauert ein obszöner Hintersinn. Galten Silberpatronen im Volksglauben nicht als ultimatives Mittel, um Vampire unschädlich zu machen? So funktioniert schliesslich die nationalhygienische Ideologie eines Viktor Orban: Da kommen welche, die uns aussaugen wollen. Und nach dieser vampiristischen Logik sollen auch die ungarischen Grenzzäune wirken. Sie dienen in erster Linie als Talisman gegen ein Phantasma, hier: das Phantasma des sogenannten Flüchtlingsstroms.

Da ist noch etwas, worauf diese Zäune mit ihrem fabrikneuen Glanz hinweisen, ohne dass das so beabsichtigt wäre. Sie machen deutlich: Jede Grenze ist fingiert, willkürlich. Dabei liegt es in der Natur eines Zauns, dass er nicht blickdicht ist. Ganz egal was tatsächlich dahinter liegt: Allein durch den Durchblick, den er gewährt, befeuert der Zaun unsere Fantasien, steigert er das Begehren nach dem Raum, von dem er uns fernhalten soll. Das heisst, ein Grenzzaun überhöht den Sehnsuchtsort, den er abschliessen soll. Der Häftling sieht durch den Gefängniszaun und denkt: Da drüben wäre ich frei. Der Flüchtling sieht durch den Grenzzaun und denkt: Da drüben wäre ich sicher, und frei. Dort beginnt die Gated Community, die sie Europa nennen.

Der zynische Wunderglaube

Fotografie handelt immer auch von dem, was sie nicht zeigt. Von dem, was nicht ersichtlich ist. Was also fehlt auf diesen Bildern? Es sticht sofort ins Auge: Es sind die Menschen. Wir streifen hier durch ein Niemandsland, buchstäblich. Niemand da, niemand erwünscht. Das ist, was uns die Leere in diesen Bildern erzählt. Denn dieser Grenzzaun hat den technokratischen Traum seiner Ingenieure scheinbar bereits realpolitisch vollstreckt: Er hat einen entvölkerten Landstrich geschaffen und so die Menschen getilgt, die hier passieren könnten. Mission accomplished.

Dabei beruht dieser Traum auf einem zynischen Wunderglauben. Der Zaun hat die Menschen, die wir hier nicht sehen, ja nicht einfach zum Verschwinden bringen können. Er hat sie bloss verdrängt, sie suchen jetzt anderswo ihren Weg. Die Trostlosigkeit dieser Bilder aus der Sperrzone ist nur die Kehrseite des menschlichen Elends, das uns aus weniger scharf befestigten Grenzgebieten weiterhin tagtäglich mit den Nachrichten erreicht.

Die Menschenleere auf diesen Bildern ist also gespenstisch im eigentlichen Sinn. Denn die Menschen, die hier nicht mehr durchkommen, sind als Phantome immer noch gegenwärtig, wir denken sie unwillkürlich dazu. In dieser Überblendung durch unser besseres Wissen liegt die politische Wahrheit dieser Bilder.

Zu den Bildern

Grenzsuche

Wie sieht der Zaun aus? Führt diese nun plötzlich sehr sichtbare Grenze nur durch unbewohnte Gebiete, oder ist sie in Sichtweite von Dörfern? Würde ich Menschen am Zaun antreffen? Einheimische? Bewacher des Zauns? Protestierende? Gibt es Wege oder Strassen, die durch den Zaun unterbrochen werden? Solche Fragen stellte ich mir, bevor ich mich Anfang Januar auf die Suche nach dem ungarischen Grenzzaun machte. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass man diesen Zaun wirklich gebaut hatte.

Meinen ersten Versuch, den Grenzzaun zu finden, mache ich im Nationalpark Donau-Drau. Nach einem Kilometer Fussweg an einem Nebenfluss der Donau werde ich fündig. Der Zaun schlängelt sich entlang eines Feldwegs, der sonst wahrscheinlich nur von Traktoren befahren wird. Es herrscht eine melancholische Januarstimmung. Weder Menschen noch Häuser sind zu sehen, nur dieser Zaun, der einem ein ungutes Gefühl gibt.

Auch in den folgenden Tagen treffe ich auf der ungarischen Seite ausser ein paar Uniformierten niemanden an. Auf der kroatischen Seite begleite ich einen Bauern auf seinem täglichen zehn Kilometer langen Spaziergang, von dem ein Teil an der Grenze zu Ungarn verläuft.

Röszke ist der Grenzort, wo im September 2015 täglich bis zu 10 000 Menschen entlang der Bahngleise ins Land kamen. Heute sind die Gleise durch ein eisernes Tor auf den Schienen blockiert. Im Dorf erinnert nichts mehr an die angespannten Sommermonate. Am Dorfrand, nicht weit weg von den letzten Häusern, ist der Zaun plötzlich wieder da. Nach wenigen Minuten nähern sich Grenzpolizisten von beiden Seiten des Zauns. Sie wollen meinen Ausweis und die Autopapiere sehen. Freundlich, aber bestimmt sagen sie mir, dass ich hier nicht sein dürfe. Fotografiert werden wollen sie auch nicht.

Als ich das nächste Mal von Grenzpolizisten angehalten werde, versichere ich ihnen, dass ich mich nur für die ungarischen Pferde interessiere, was sie offenbar überzeugt. Ich muss nur kurz den Ausweis zeigen, dann lassen sie mich weiterfahren.

Ursula Häne

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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