Nr. 08/2016 vom 25.02.2016

Dem Himmel entgegen, in Tunnel hinein

Schönheit im Schäbigen: Der Walliser Nicolas Steiner beweist sich mit seinem Dokumentarfilm «Above and Below» als grosser Alchemist des Kinos.

Von Florian Keller

Ein bisschen Mars in der Wüste von Utah: Die Geologin April in Nicolas Steiners «Above and Below». Foto: Cineworx

Es ist frostig auf dem Mars, eine dünne Schneedecke auf rotem Gestein. Ein Schwenk, dort drüben liegen ein paar Kühe. Ist denen nicht zu kalt? Und überhaupt: Was machen die hier, und gibt es eigentlich Schnee auf dem Mars?

Die Kühe stören die Illusion vom fremden Planeten. Wir sind hier auf dem irdischen Trainingsgelände der Mars Society in der Wüste von Utah. In einem behelfsmässigen Raumanzug stapft die Geologin April, Exsoldatin mit Vergangenheit im Irak, durch die bizarre Landschaft. Sie probt hier einen Traum, von dem sie weiss, dass sie seine Erfüllung wahrscheinlich nicht selber erleben wird.

Liebesnest im Untergrund

Hoch hinaus, die Erde unter sich lassen: Die Marsträumerin April verkörpert die eine Stossrichtung in «Above and Below», dem neuen Film von Nicolas Steiner, der damit sein Studium an der Filmakademie in Ludwigsburg abgeschlossen hat. Und weil der Walliser seinen Dokumentarfilm weit weg von zu Hause gedreht hat, übersieht man leicht, dass das sehr schweizerische Obsessionen sind, die hier fortwirken: dem Himmel entgegen, in Tunnel hinein. Bloss dass Steiner sein Personal eben nicht daheim in den Alpen gefunden hat, sondern im Westen der USA, zwischen Utah und Kalifornien.

Steiner hat also nicht nur den Mars auf Erden gesucht, sondern ist auch in den Unterbauch des amerikanischen Traums gestiegen und hat dort Menschen getroffen, die unter der Erde hausen. Menschen wie Rick und Cindy, die sich jedes Mal, wenn der Regen kommt, ein neues Bett aus dem Sperrmüll fischen müssen, weil ihr altes weggeschwemmt wird. In einem Entwässerungskanal haben sich die beiden ein notdürftiges Liebesnest eingerichtet, im betonierten Untergrund einer Stadt, deren blinkende Skyline wir erst nach einer halben Stunde kurz zu sehen bekommen: Es ist Las Vegas, die obszöne Metropole von Glück und Exzess.

Es sind Höhlenmenschen des Konsumzeitalters, die Nicolas Steiner porträtiert, aus dem Raster ihrer gesicherten Existenz gefallen. Da ist der Einsiedler David, der in der Wüste im kalifornischen Hinterland einen verlassenen Militärbunker bewohnt. Oder Lalo, noch einer dieser Menschen aus den Tunnel von Las Vegas. «Hier unten, das ist die Wirklichkeit», sagt er einmal. Die ebenerdige Welt dagegen, das sei ein Ort der Illusionen und der Träume. Das mag wie eine mutwillige Verdrehung von Platons Höhlengleichnis klingen – aber hier in Las Vegas ist das gar nicht so weit weg von der Wahrheit.

Steiner ist kein Purist des Dokumentarischen. Er greift auch mal in die Realität ein, an der er teilnimmt, gestaltet sie ungeniert mit. Das hat er schon in seinem Dokumentarfilm «Kampf der Königinnen» (2011) so gehalten, wo er einen Mann vom Radio auf einer Reportage über den Walliser Kuhkampf begleitete und dabei unmerklich die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit ritzte – denn der Radiomann mit erhöhtem Harndrang war ein Schauspieler.

Diesmal zielt Steiner in seiner Stilisierung der Wirklichkeit mehr auf Momente visueller Überwältigung. Etwa, wenn ein unterirdischer Kanal mit massenhaft Pingpongbällen geflutet wird, die dann wie leuchtende Zauberkugeln durchs Dunkel treiben, ein ungeordnetes Ballett des Zufalls. Oder wenn Feuerwerk gezündet wird, als der Einsiedler David unter freiem Himmel sein Schlagzeug spielt – ein analoger Spezialeffekt, handgezündet.

«Above and Below» ist also nicht die sozialkritische Reportage, die man sich aus solchen Lebenswelten ja auch hätte vorstellen können. Nicolas Steiner und sein Kameramann Markus Nestroy interessieren sich mehr für das Schöne im Schäbigen, für die Poesie im Gebrauchten. Nicht unproblematisch: Prekäre Existenzen werden so zu einer Feier des Lebens montiert, und der Soundtrack von Paradox Paradise euphorisiert die Trostlosigkeit. Aber so apolitisch, wie das klingt, ist das doch nicht, weil der Film diese Outcasts würdigt, ohne ihre Lebensweise an irgendeiner Normalität zu messen.

Spiel aus Licht, Schatten, Sound

Das ist virtuos gemacht, und fast vergisst man, dass Steiner den konzeptuellen Rahmen, den er sich gesteckt hat, nur bedingt ausreizt. Der Traum von der Besiedelung des Mars bleibt erzählerisch unterentwickelt – abgesehen davon, dass Richard Dindo diese Fantasie schon umfassender (und lustiger!) dokumentiert hat, in seinem Film «The Marsdreamers» (2009). Aber Steiner beweist sich mit «Above and Below» als hochbegabter Alchemist, der die elementaren Kräfte des Kinos zu einem Trip an den Rändern des Daseins verwebt.

Alles hier ist ein lyrisches Spiel aus Licht, Schatten, Sound. Und gegen Schluss führt Steiner alles zusammen in einer Montage von erhabener Pracht. Scheinbar ungeschnitten, in einem einzigen Schwenk, verknüpft er hier die Welten seiner Figuren, vom Mars auf die Erde und hinunter in die Kanalisation. Das Bild der Marsträumerin hängt dabei verkehrt herum, kopfüber steht April auf rotem Gestein, unter ihr der blaue Himmel.

«Above and Below». Regie: Nicolas Steiner. Schweiz/Deutschland 2015. Ab 25. Februar im Kino.

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