Nr. 09/2016 vom 03.03.2016

Der Aufstand der Elite

Pedro Lenz über eine hochpolitische Begriffsverwirrung

Von Pedro Lenz

Wissen Sie, geschätzte Leserinnen und Leser, was ein Aufstand der Elite ist? Niemand konnte das bisher wissen, aber am letzten Wochenende wurde es uns erklärt. Gemäss einem Neonationalrat, Hobbyjogger und Göring-Versteher, dessen Name hier aus Gründen des guten Geschmacks nicht genannt werden soll, war die Ablehnung der Entrechtungsinitiative ein «Aufstand der Elite».

Möge die geneigte LeserInnenschaft sich diese Worte ein paarmal auf der Zunge zergehen lassen: «Das ist ein Aufstand der Elite.» Wer nicht bereit ist, jede neue Fremdenfeindlichkeit schulterzuckend zur Kenntnis zu nehmen, ist demnach Teil einer sich auflehnenden Elite. Die Elite in der Schweiz hat mobilisiert. Und offenbar schreckt diese Elite vor nichts zurück. Sie ist skrupellos genug, das eigene Volk zu überstimmen. Wie wir lernen können, besteht die Schweiz abstimmungstechnisch betrachtet seit vergangenem Wochenende aus 59 Prozent Elite. Das bisschen Volk, das an der Urne unterlegen ist, weil die Elite einen Aufstand gemacht hat, muss sich warm anziehen. Wenn es so weitergeht mit dieser Eliten-Aufstands-Demokratie, gibt es bald überhaupt kein Volk mehr. Dann leben hier nur noch die Elite und eine undefinierte Anzahl nicht ausgeschaffter Ausländerinnen und Ausländer.

Völker, hört die Signale vom Aufstand dieser Elite! Wo bleibt der Teamgedanke, wenn die Elite eine Mehrheit bilden will? Das ist doch, als gäbe es im Teamsport mehr Stars als Mitläufer, als müsste der FC Bayern München einen Aufstand der Elite anzetteln, um endlich wieder einmal gewinnen zu können. Aber Bayern gewinnt sowieso immer. Die Elite braucht keinen Aufstand. Es liegt in der Natur des Sports und des sozialen Zusammenlebens, dass Aufstände von unten her wachsen. Immer dann, wenn von oben Repression kommt, kann von unten der Aufstand kommen. Umgekehrt war es noch nie.

Wenn etwa die Finanzeliten aus Katar, Saudi-Arabien oder Russland einen berühmten Fussballklub kaufen, haben sie nicht einen Aufstand, sondern eine Machtdemonstration im Sinn. Die Eliten sind diejenigen mit der Macht, mit dem Geld, mit dem Erfolg und mit der Angst, irgendetwas davon verlieren zu können. Aber Aussenseiterklubs, die mit gutem Zusammenspiel und viel Herz mal ein Spiel gewinnen, wissen ganz genau, dass sie gegen die Elite längerfristig wenig auszurichten haben.

Wenn wir uns vorzustellen versuchen, was es für den Sport bedeutet, wenn die Elite in der Schweiz den Aufstand probt, könnte es uns angst und bang werden.

Jetzt, wo die Elite im Land die Mehrheit übernommen hat, werden Elitesportarten wie Polo oder Golf grossen Zulauf haben. Volkssportarten wie Fussball oder Radrennen dagegen sehen schwierigen Zeiten entgegen. Das wird schon platzmässig problematisch werden, wenn bald 59 Prozent des Volks einen Platz auf dem Golfplatz oder auf dem Polofeld beanspruchen. Es wird einen Gegenaufstand brauchen. Einen Aufstand derjenigen, die keiner Elite angehören und sich dennoch nicht zum Volk des Volksverführervolks zählen lassen wollen.

Der Aufstand der Elite wird sich eher von unten als von rechts bremsen lassen. Das werden auch diejenigen zu akzeptieren haben, die uns nun zu verstehen geben wollen, rechts und unten sei fast das Gleiche, und die Eliten kämen von links. Von rechts kommen die Milliardäre. Von rechts kommen die Fantasten, die von einem Aufstand der Eliten reden. Von rechts kommen diejenigen, die den brachialen Kampf jeder Ästhetik vorziehen.

Und was kommt von links? Von links können schöne Flanken, linke Haken oder je nach Sportart auch Volleys, Schmetterbälle und Korbwürfe kommen. Von links kommt der Fussball, den legendäre Fussballlehrer wie César Luis Menotti propagiert haben. Dass auch Eliten von links kommen, wäre dagegen sowohl im Sport als auch im Leben ziemlich neu.

Pedro Lenz ist Schriftsteller und lebt in Olten. Er freut sich auf den Tag, an dem wieder deutlich wird, wer die Eliten sind und wer eher nicht.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch