Nr. 09/2016 vom 03.03.2016

Eine unendliche Geschichte

Ruth Wysseier über knackige Körper zum 8. März

Von Ruth Wysseier

Wie muss man sich das vorstellen? Klettern, Schwierigkeitsgrad 8b+. Zwölf Seillängen, 320 Meter, in steilstem Fels. Winzige Griffe, vom rauen Stein blutig geschürfte Hände. Zwei Stunden lang in denselben drei Metern Fels die nächsten Griffe suchen, scheitern, sich abwechseln im Vorstieg, aufgeben, noch mal probieren, tagelang.

Die Bündnerin Nina Caprez und ihre Partnerin Barbara Zangerl knackten letzten September die «unendliche Geschichte», eine der schwersten Mehrseillängenrouten im Rätikon. Sie waren die ersten Frauen, die diese Wand schafften, 25 Jahre nach der Erstbegehung durch einen Österreicher, der ein Jahr gebraucht hatte, bis er sie am Stück durchsteigen konnte.

Mir kommt dieser Spitzensport sehr männlich vor: Er braucht brutal viel Training, Kraft, Konzentration, Mut, Liebe zum Risiko, die Bereitschaft, weit über die Schmerzgrenzen hinauszugehen. Ich beneide diese Athletinnen, die mit ihren attraktiven, muskulösen Körpern der Natur und der Schwerkraft trotzen. Ich bewundere sie, weil ein Feministo-Mephisto in mir flüstert, dass wahre Feministinnen nur die sind, die nicht lockerlassen, bis sie etwas genauso gut können wie die Männer. Und alles andere – von wegen Körperbau, Sozialisation, fehlender Killerinstinkt – faule Ausreden für weibliche Bequemlichkeit sind.

Im Klettern könnten die Genderunterschiede eines nicht allzu fernen Tages überwunden werden, weil die Bewegungsmuster von Männern und Frauen sich dabei weniger unterschieden als in anderen Sportarten, steht im Fachblatt «Die Alpen». Vielleicht deshalb lehnen viele Spitzenkletterinnen es ab, ihre Leistung mit dem Attribut First Female Ascent (erste weibliche Begehung) sichtbar zu machen. Auch Caprez sagt, sie sehe keinen Unterschied zwischen Jungs und Mädels, nur den zwischen Erstbegehung und Wiederholung.

Dass die schwersten Routen bisher fast ausschliesslich von Männern eröffnet wurden, liegt nicht unbedingt am Schwierigkeitsgrad, dort ist der Abstand zu den Frauen klein. Es scheint, dass es vielmehr diese letzte pionierhafte Verrücktheit ist, an das Unmögliche zu glauben, eine Linie zu visionieren, die den kletternden Frauen fehlt.

Anderen fehlt einiges mehr, fällt mir auf, gerade weil es wieder mal 8. März wird. Vieles, was Frauen mit ihrem Körper anstellen, lässt einen zweifeln am Erfolg des Feminismus. Oder wie finden Sie es, wenn Frauen sich nicht nur vom Hals an abwärts kahl rasieren, sondern auch noch die Schamlippen schönheitschirurgisch zurechtschnippeln lassen? Und dann diese aufgeblasenen Brüste und gebotoxten Autopneulippen! Igitt! Wie Gummisexpuppen.

Jugendwahn und Gefallsucht lassen zahlreiche Frauen ihrem Körper Schreckliches antun. Schrecklicher wird nur noch sein, was das Alter mit uns anstellt – auch wenn Jane Fonda in einem Sololauf scheinbar das Gegenteil beweist.

Ruth Wysseier muss zugeben, dass Jane Fonda für eine 78-Jährige von weitem jedenfalls fantastisch aussieht.

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