Nr. 28/2012 vom 12.07.2012

Mit Schwabbelbauch gegen den Neoliberalismus

Sportlerinnen müssen sexy aussehen, um sich besser vermarkten zu können. Damit werden Geschlechterklischees bestätigt – aber der Sport baut auch ein neues Frauenbild auf. Ist das Selbstermächtigung oder Selbstunterwerfung? Und soll die Autorin deshalb wirklich auf ein bisschen Jogging verzichten?

Von Susi Stühlinger

Beim Blick in den Spiegel wurde die Autorin kürzlich gewahr, etwas aus der Form geraten zu sein, und folgerte daraus, dass es an der Zeit sei, wieder mal «ein bisschen was zu machen». So stellte die bekennende Sportmuffelin ein ihr angemessen scheinendes Programm aus ein paar Kraftübungen und etwas Jogging zusammen, auf dass sie in Bälde gesünder und weniger schwabbelig sein werde. Dann fasste sie, gänzlich unabhängig davon, den Auftrag für einen Text. «Schreib etwas über Sexualisierung des Sports», hiess es; dabei sollte es in erster Linie um die Sexualisierung von Spitzensportlerinnen in den Medien gehen. Die Thematik führte allerdings bald weit über diese Fragestellung hinaus und erwischte die Schreibende mit ihren kläglichen Ertüchtigungsversuchen auf dem falschen Fuss. Dazu später mehr.

Letztes Jahr erschien ein Buch mit dem Titel «Die Sexualisierung des Sports in den Medien». Es bietet auf dreihundert Seiten einen knappen, informativen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung. In der Einleitung zitieren die HerausgeberInnen die Illustrierte «Quick» mit einem Vorbericht zu den Olympischen Spielen in München von 1972: «Die Damen tragen die kürzesten Höschen aller Zeiten. Die Herren lassen die nackten Muskeln spielen. Die Atmosphäre ist – unbewusst – mit Sex geladen, wenn der olympische Wettkampf beginnt.»

Im «Playboy» posieren

Seit 1972 ist die Sexualisierung des Sports in den Medien rasant vorangeschritten und hat immer wildere Blüten getrieben; heute scheint es fast schon selbstverständlich, wenn die Nachwuchsspielerinnen des deutschen Frauenfussball-Nationalteams für den «Playboy» posieren oder die mittlerweile zurückgetretene Biathletin und zweifache Olympiasiegerin Magdalena Neuer sich auf Plakaten eines Unterwäscheherstellers in sexy Dessous räkelt.

Die Gründe dafür sind vielschichtig. Fangen wir mit den positiven Aspekten an: Während in den siebziger Jahren nur rund zwanzig Prozent der OlympiateilnehmerInnen weiblich waren, wird das Geschlechterverhältnis bei den diesmaligen Olympischen Spielen in London praktisch ausgeglichen sein. Wurden Frauen früher von gewissen Disziplinen ausgeschlossen, starten sie heute in allen. Das Augenmerk liegt jedoch – und damit sind wir mit den positiven Aspekten vorläufig am Ende – bei Frauen heutzutage öfter auf ihren (sekundären) Geschlechtsmerkmalen denn auf ihren sportlichen Leistungen.

Nun springen Männer tatsächlich noch immer höher und rennen noch immer schneller als Frauen. Damit ist ihnen, bei entsprechender Leistung, nicht nur die mediale Aufmerksamkeit gewiss, sondern es winken ihnen auch lukrative Verträge mit den Sponsoren. Bei Frauen liegt die Sache komplizierter: Sport wird von Medienschaffenden, Funktionärinnen und Sponsoren nach wie vor als primär männliche Domäne wahrgenommen. Deshalb hält sich zäh ein heteronormatives Wertbild – eines, das Heterosexualität als einziges Richtmass nimmt –, nach dem der Mann männlich und stark sein soll und die Frau ein bisschen stark sein darf, aber bitte nicht allzu stark – zu muskulöse, «männliche» Athletinnen kommen bei den überwiegend männlichen Rezipienten nicht gut an.

Die beiden Geschlechter

So kennt der Sport nur zwei Geschlechter: Wenn bei Sportlerinnen der leiseste Verdacht über «zu viel Männlichkeit» aufkommt, ist das mediale Geschrei gross und die Athletin diskreditiert – so geschehen wegen der südafrikanischen 800-Meter-Läuferin Caster Semenya an der Leichtathletikweltmeisterschaft 2009 in Berlin. Aufgrund ihres (zu) männlichen Aussehens musste sich Semenya nach dem Gewinn der Goldmedaille wegen Verdachts auf «Intersexualität» einem Geschlechtstest unterziehen; sie durfte die Medaille letzten Endes behalten. Anders die Inderin Santhi Soundarajan, der bei den Asienspielen von 2006 die Silbermedaille aberkannt wurde, weil ein Gentest sie als nicht weiblich klassifizierte – 2007 unternahm Soundarajan einen Suizidversuch. Transgender und Homosexualität passen nicht in die heteronormative Welt des (Medien-)Sports, der noch immer auf den heterosexuellen Mann ausgerichtet ist. Zwar hat sich die US-amerikanische Tennisspielerin Martina Navratilova schon 1980 als lesbisch geoutet, zwar hat sich die schwedische Skifahrerin Anja Pärson unlängst zu ihrer Homosexualität bekannt, zwar liess die deutsche Stabhochspringerin Yvonne Buschbaum eine Geschlechtsangleichung vornehmen und lebt heute als Mann unter dem Namen Balian Buschbaum – doch noch immer sind solche Durchbrechungen der Heterosexualität Einzelfälle, obwohl das heteronormative Wertbild aus feministischer Sicht längst in den Müllkübel der Geschichte gehört.

Der heterosexuelle Sportkonsument mag also «weibliche» Frauen. Unter dem wachsenden Konkurrenzdruck sind die Athletinnen gezwungen, sich «sexy» zu vermarkten, um sich im Werbemarkt vorteilhaft zu positionieren. Die Sportverbände halten dem nichts entgegen, im Gegenteil: Um die mediale Aufmerksamkeit der Randsportart Beachvolleyball zu erhöhen, beschloss der Verband, dass die Spielerinnen nur noch mit einem Zweiteiler bekleidet sein dürfen, dessen Höschen an der breitesten Stelle maximal sieben Zentimeter misst. Die Haltung der Verbände lässt sich auch mit den Worten von Steffi Jones, OK-Präsidentin der Frauenfussball-WM 2011, auf die Frage nach Fotos von Spielerinnen im «Playboy» illustrieren: «Wenn eine unserer Spielerinnen das tun möchte, darf sie das. Wir haben viele Mädels, die das Aussehen dazu hätten. Warum sollten wir da einen Riegel vorschieben?»

Technologien des Selbst

Nun haben sich aber Frauen im weiterhin männlich dominierten Sport zunehmend ihren Platz erkämpft. Im Tennis werden sogar gleiche Preisgelder ausbezahlt. Dieser Platz ist freilich ein besonderer. Frauen dürfen sportlich sein, auch «hart» wie die Ironladys beim Ironman. Aber zugleich müssen sie attraktiv bleiben. Die Sportlichkeit wird dabei zum besonderen Attribut ihrer Attraktivität. Die Tennisspielerin Anna Kurnikowa, die vor zehn Jahren trotz Ausbleibens grosser sportlicher Erfolge wegen ihres Aussehens viel mehr Geld verdiente als erfolgreichere Konkurrentinnen, ist abgelöst durch eine Tennisspielerin wie Maria Scharapowa, die gleichzeitig eine gute Athletin und attraktiv ist. Das Muskulöse wird, verfeinert, zum neuen Attribut von Weiblichkeit. Durchsetzungskraft und Siegeswille werden in ein neues weibliches Idealbild integriert: schön wie «Frauen», durchtrainiert und ehrgeizig wie «Männer». Die Sportlerin kreiert ein anderes Schönheitsideal als das anorektische Model.

Das zeigt sich besonders deutlich beim Frauenfussball. Fussball gilt, im Gegensatz zu Sportarten wie Reiten oder Turnen, die eher als weiblich anerkannt und in denen Frauen seit längerem zugelassen sind, immer noch als Männerbastion. Frauenfussball bleibt vorläufig ein blosser Zusatz zum richtigen Fussball. Fussballerinnen müssen sich deshalb in Aussehen und Verhalten zuerst einmal diesem Bild anpassen: hart im Nehmen, hart im Geben, robust, unzimperlich. Zugleich müssen sie, im Konkurrenzkampf um mediale Aufmerksamkeit, sich als attraktiv präsentieren, ihren Körper als «erotisches Kapital» einsetzen.

Diese Konstruktion ist allerdings zweideutig. Die Sportfunktionärin Steffi Jones unterstellt, dass die Spielerinnen sich sexy vermarkten, ausziehen «wollen» – was sie wegen der Publizität und der besseren Chancen auf dem Werbemarkt auch tatsächlich tun. Im Beachvolleyball sind im März 2012 die Bekleidungsvorschriften gelockert worden – doch die meisten Athletinnen bleiben bei der alten, sexy Bekleidung.

Dieses «Ausziehenwollen» verweist auf jene Problematik, die der französische Philosoph Michel Foucault unter den Begriffen «Gouvernementalität» und «Technologien des Selbst» gefasst hat. Foucault behauptet, dass in der modernen, liberalen Gesellschaft die Mechanismen staatlicher «Regierung» zur Lenkung und Führung von Menschen durch Techniken der Selbstregierung abgelöst würden. Das heisst: Ein Individuum eignet sich herrschende Werte und Normen an und handelt nach ebendiesen ohne Anleitung oder gar Zwang von oben, als scheinbar autonomes Individuum, ganz Herr seiner oder Frau ihrer selbst.

Sportlerinnen inszenieren also ihre sexualisierte Körperlichkeit, können damit Aufmerksamkeit und Geld erringen, verstehen sich als eigenständig und bedienen zugleich die herrschenden machtmässigen und ökonomischen Interessen. Das erfolgreich gelebte Leben ist subjektiv eine Selbstermächtigung und zugleich sozial eine Selbstunterwerfung.

Ein Ausblick auf den Arbeitsmarkt

Foucaults Thesen der «Selbstregierung» treffen in der neoliberalen Welt nicht nur auf Spitzensportlerinnen zu. In der Welt des «Anything goes» sind alle für ihren Körper verantwortlich, einen Körper, der sich den herrschenden Werten anpasst. Während im «Dritten Reich» oder in den Ostblockstaaten körperliche Ertüchtigung «von oben» verordnet wurde, müssen heute alle «freiwillig» um ihre eigene Fitness besorgt sein, um auf dem Arbeits- ebenso wie auf dem Psychomarkt zu bestehen. Frei nach dem Motto: Du kannst ja, und wenn du nichts tust, bist du selber schuld.

Grosse internationale Unternehmen helfen dem «Du kannst ja» gern mit Vergünstigungen für ihre MitarbeiterInnen in Fitnessstudios nach – und immer öfter wird eine Anstellung oder Beförderung nur jenen zuteil, die nebst den erforderlichen Qualifikationen auch die entsprechenden Werte des Fitnessregimes und den attraktiven Körper mitbringen. So strampeln sich die Körper selbstermächtigt im Fitnessstudio ab.

Drei Stimmen im Kopf

Der Körper der Schreibenden bewegt sich indes mühsam auf die Zielgerade der vorgenommenen Joggingstrecke zu, und die Gedanken kreisen um die Position des eigenen Körpers in der neoliberalen Gesellschaft und um die Widersprüchlichkeit der foucaultschen «Selbstregierung». Es sagt die Stimme im Kopf: «Du tust das nur dir zuliebe, bei der WOZ ist deines Wissens noch niemand wegen einem bisschen Bauchfett entlassen worden.» Und dann sagt eine andere Stimme: «Aber du tust es doch nur, um deinen Körper in die Form zu bringen, die dir von der Gesellschaft als Ideal vorgegaukelt wird.» Und eine dritte: «Wie auch immer, es ist doch einfach gesund, und du fühlst dich besser, Gesellschaft hin oder her.»

Ausgelaugt, noch in den verschwitzten Trainingsklamotten – die vom Wühltisch gekauft und von keiner sexy inszenierten Sportlerin beworben wurden – beschliesst die Schreibende: Fitness, solange es Spass macht und guttut; und wenn sie Zeiten der Faulheit überkommen, dann soll der Schwabbelbauch gern stehen bleiben – als Statement gegen die heimtückischen Zwänge des Neoliberalismus.

Literatur zum Thema:
Wolfgang Fritz Haug: «Die neuen Subjekte 
des Sexuellen». In: Wolfgang Fritz Haug: 
«High-Tech-Kapitalismus». Analysen zu Produktionsweise, Arbeit, Sexualität, Krieg und Hegemonie. Hamburg 2003. Argument Verlag. 
320 Seiten, hier Seiten 179–195.
Daniela Schaaf / Jörg-Uwe Nieland: «Der Widerspenstigen Zähmung. Zur Sexualisierung des Frauenfussballs». In: «Das Argument» Nr. 290: 
«Sport als ideologische Macht und kulturelle Praxis». Karlsruhe 2011. 166 Seiten, hier Seiten 61–67.
Daniela Schaaf / Jörg-Uwe Nieland (Hg.): 
«Die Sexualisierung des Sports in den Medien». 
Herbert von Halem Verlag. Köln 2011. 312 Seiten.

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