Nr. 09/2016 vom 03.03.2016

Noch immer nicht selbstverständlich

Von Andreas Fagetti

Die WOZ ist wahrscheinlich die einzige Zeitung in der Schweiz, die jedes Jahr mit einer journalistischen Sonderanstrengung den Internationalen Frauentag am 8. März hervorhebt. Auch in der aktuellen Nummer. So schreibt etwa eine junge Kollegin über die Rolle von Frauen im Arabischen Frühling, eine WOZ-Redaktorin hat sich zum grossen Interview mit einer deutschen Frauenrechtsaktivistin getroffen, und ein Journalist porträtiert eine Cyberspace-Aktivistin.

Doch dieses Mal war etwas anders. Die Kollegin, die den Effort koordiniert hatte, schlug an der Redaktionssitzung vor, nicht speziell auf den Frauentag hinzuweisen und die Texte im Blatt für sich sprechen zu lassen. Das leuchtete nicht allen ein. «Wir bieten unserem Publikum etwas Besonderes und sollen den Frauentag unerwähnt lassen? Das finde ich sehr sonderbar», sagte ein Abschlussredaktor. Eine erfahrene Kollegin fuhr ihm in die Parade: «Doch, das ergibt durchaus Sinn. Schliesslich wurde der Frauentag vor über hundert Jahren ins Leben gerufen, um ihn überflüssig zu machen: Sein Ziel war die volle Gleichberechtigung, also eine Selbstverständlichkeit.»

Auf Selbstverständliches muss man nicht speziell hinweisen. Aber die Gleichberechtigung der Geschlechter ist längst nicht so selbstverständlich, wie es den Anschein macht. Schliesslich landeten wir bei uns selbst.

Die WOZ bemüht sich um einen ausgeglichenen Geschlechteranteil. Wir haben eine Redaktionsleiterin. Gerade entwickelt es sich erfreulich: Gleich mehrere vielversprechende junge Frauen schreiben für die WOZ. Im journalistischen Alltag gelingt uns das Selbstverständliche allerdings nicht immer. Weshalb sind auch die ExpertInnen, die in unserem Blatt zu Wort kommen, meistens Männer? Appelle und Frauentage allein ändern nichts. Wir ergänzen unsere «ExpertInnenkartei». Und stellen fest: Der Frauentag wird auch nächstes Jahr nach einer journalistischen Sonderanstrengung verlangen. Denn das Selbstverständliche ist leider noch immer nicht selbstverständlich.

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