Nr. 04/2014 vom 23.01.2014

«Ich hatte Angst. Trotzdem dachte ich mir: Ich muss da hin»

Kreml-kritisch, doch dabei oft auch fremdenfeindlich: Der russisch-deutsche Soziologe Mischa Gabowitsch analysiert Russlands widersprüchliche Protestkultur – mit durchaus positivem Fazit.

Von Yves Kramer

Kira Sokolowa, 35-jährige Kunstpädagogin aus Tscheljabinsk am Südural, hatte sich nie für Politik und deren Rituale interessiert. Dann folgten die skandalösen Parlamentswahlen vom 4. Dezember 2011. Sokolowa las von den dreisten Wahlfälschungen, sie sah in den Nachrichten Bilder erster spontaner Proteste in Moskau, und sie klickte im Internet auf Videos, die den brutalen Umgang der PolizistInnen mit den unabhängigen WahlbeobachterInnen in ihrer Stadt zeigten. Was sie da sah, schockierte sie. Sollte sie sich den Protesten anschliessen? «Ich war unerfahren, ich hatte Angst. Trotzdem dachte ich mir: Ich muss da hin.»

Die Episode von Kira Sokolowa entstammt dem vorzüglichen Buch «Putin kaputt!?», das der Soziologe und Zeithistoriker Mischa Gabowitsch im Auftrag des Suhrkamp-Verlags geschrieben hat. Gabowitsch, der 1977 in Moskau zur Welt kam, leitet heute in Potsdam ein Forschungsprojekt zum Wandel von Russlands Protestkultur. In «Putin kaputt!?» schildert der profunde Kenner des heutigen Russland anschaulich und facettenreich, was Ende 2011 passierte, als viele Menschen in Russland plötzlich Mut fassten und sich gegen das autoritäre «System Putin» stellten. Gabowitsch beschreibt die Bewegung mit viel Sympathie, ohne je Gefahr zu laufen, sie zu verklären.

Neugier und frischer Wind

Wie Kira Sokolowa ging es vielen BürgerInnen, die sich erstmals an öffentlichen Protesten beteiligten. «Sie waren überwältigt, als sie erkannten, wie viele andere ihren Unmut teilten», schreibt Gabowitsch. Sie trugen Neugier und frischen Wind in die weitgehend friedlichen Demonstrationen und sorgten für eine unübersichtliche Protestgemeinde ohne fassbares politisches Programm.

Die eigentlichen Schlüsselfiguren des Protests sieht Mischa Gabowitsch aber in den rund 3500 einheimischen WahlbeobachterInnen, die er in die Tradition der BürgerrechtlerInnen stellt, die sich umso mehr auf die Gesetze berufen, je weniger sie befolgt werden. Die Augenzeugenberichte dieser WahlbeobachterInnen waren es, die die Protestwelle ins Rollen brachten und ihren Charakter bestimmten. Dagegen gelang es keiner Partei aus dem linken, liberalen oder nationalistischen Lager, dem Protest ihren Stempel aufzudrücken. Personen, die für die Bewegung sprachen, taten dies oft aufgrund ihrer medialen Prominenz, was dem Protest in den Augen von Gabowitsch ein falsches Gesicht verlieh und ihn eher hemmte als weiterbrachte.

Für Gabowitsch verkörpert der populäre Antikorruptionsblogger Alexei Nawalny die Hoffnungen und Einstellungen der Protestierenden am besten: Nawalny, der insbesondere in gebildeten Kreisen gut ankomme, verbinde einen smarten Politikstil neuen Zuschnitts mit einer für Russland charakteristischen ideologischen Verschmelzung von «ethnokulturellem Weltbild» und Fremdenfeindlichkeit.

Doch nicht alle nehmen Nawalny gleich ernst. Es gibt auch Stimmen, die ihn einen populistischen Clown nennen, aus taktischen Gründen aber schweigen, da man «auf derselben Seite der Barrikaden» stehe. Unabhängig davon kritisiert Gabowitsch, die Fremdenfeindlichkeit werde unter den Protestierenden zu wenig problematisiert.

Im Gegensatz zu Nawalnys Einfluss blieb jener des feministischen Kunstkollektivs Pussy Riot eher gering. Denn anders als im Westen, wo Pussy Riot mit ihrem aufrührerischen Punkgebet in der Christ-Erlöser-Kathedrale eine Zeit lang alles überstrahlten, seien deren Aktionen in der Bewegung selbst nie zum wichtigsten Thema geworden.

Das grosse Versprechen

Trotz all der Proteste: Das System Putin ist nicht kaputt. Wladimir Putin, der sich in den Medien gerne als Reiter mit nacktem Oberkörper inszeniert, sitzt weiter fest im Sattel – auch, so Gabowitsch, weil es der Bewegung bisher nicht gelungen sei, Teile der Eliten und des Machtapparats auf ihre Seite zu ziehen.

Trotzdem fällt Gabowitschs Fazit insgesamt positiv aus: Die Bewegung habe zu einer Verjüngung und geografischen Ausweitung der grossstädtischen Protestkultur geführt, neue politische Räume geöffnet und einen gesellschaftlichen Umbruch in Gang gesetzt. Darin sieht Gabowitsch «das grosse Versprechen» der Bewegung. Mit Putins Abgang allein wäre dagegen in seinen Augen wenig gewonnen. Ob die Bewegung dieses Versprechen einlösen kann? Die Zukunft wird es zeigen.

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