Nr. 10/2016 vom 10.03.2016

Natürlich

Stefan Gärtner über einen Vogel aufseiten der Privilegierten

Von Stefan Gärtner

Es ist so eine Sache mit der Polizei. Einerseits ist sie der bewaffnete Arm der herrschenden Klasse, und wenn, um mit dem Kollegen Dietmar Dath zu schimpfen, «die Polizeimacht und die Militärmacht der Klassengesellschaft nicht gebrochen werden, dann regiert die polizeiliche Personalhoheit und die militärische Gebietshoheit irgendeiner Grössenordnung, irgendeines Regelkreises über die Blöden wie die Armen gleichermassen, ohne Ansehen der Person, und sorgt mit ihren Vollstreckungsorganen dafür, dass wir gepfändet, aus Wohnungen geworfen, eingesperrt, medizinisch falsch oder gar nicht behandelt werden, dass unsere Kommunikation behindert oder abgestellt wird, wenn sie nicht ins Spiel passt, dass unser Zugang zu Energie und Information den Interessen derer gehorchen, die sich Arbeit, Aufmerksamkeit, Energie, Information und Kommunikation aneignen können, um Arbeit, Aufmerksamkeit, Energie, Information und Kommunikation von Leuten, die dieses Geld nicht haben, in ihrer idiotischen Wirtschaftsweise zu vernutzen».

Andererseits bin ich im Leben dreimal beklaut worden, und dreimal war ich selbstverständlich bei der Polizei, und wo ich «selbstverständlich» hinschreibe, wird das «andererseits» obsolet. Ist die Klassengesellschaft weg, braucht es keine Polizei mehr. (Ich fürchte, das stimmt nicht, aber als These für einen Abituraufsatz reicht es allemal.)

Von diesem Zustand ist die Schweiz noch es bitzeli entfernt, weshalb Globi in seinem neusten Abenteuer («Globi und der Goldraub») mit der «Sondereinheit Skorpion der Stadtpolizei Zürich» (srf.ch) kooperiert. Die Stadtpolizei stand denn auch beratend zur Seite und hat zufrieden ein Foto zur Veröffentlichung freigeben lassen, auf dem ein mannsgrosser Globi neben zwei vermummten Sondereinheitsmitgliedern in Kampfmontur posiert, was zeigen mag, wie sehr sich die Zeiten seit meiner Kindheit, in der die Polizei allenfalls als Onkel bei der Radfahrprüfung anwesend war, geändert haben.

Globi, das ist so was wie der reichsdeutsche Lurchi von Salamander, eine Werbefigur also: «Es muss ein Paukenschlag gewesen sein, als das Warenhaus Globus 1932 ein Fabelwesen für die Kinder ankündigte. An zwei Tagen hintereinander liess Globus in der NZZ die Geburt des ‹Globi› in Bildergeschichten abdrucken – vom Ei in der Sahara, aus dem das lustige Wesen schlüpfte, bis zu seiner Landung in der Limmatstadt, wo es von Kindern umringt wird und sie auffordert: ‹Ich weiss etwas, das zeig ich euch, kommt alle in mein lustig Reich!› – das Motto, das bis heute erfolgreich funktioniert.» Wobei freilich das, was nicht erfolgreich funktioniert, überhaupt nicht funktioniert. Es darf heut wirklich jeder Knüppel in die Zeitung, sogar in die ehrwürdige «Neue Zürcher».

Kein Skandal dagegen, wenn sich Kinderbuch und bewaffnete Macht kurzschliessen. Das Kinderbuch ist sowieso eher eine Sache fürs privilegierte Kind, dessen natürlicher Verbündeter die Polizei ist, und ebenso natürlich ist es, wenn ein Kaufhausmaskottchen der Polizei bei der Suche nach Gold hilft, statt sich mit den Armen und Blöden gegen Gold und Geld und deren Sachwalter zu solidarisieren. «Die Stadtpolizei Zürich sucht seit Jahren mit verschiedenen Aktionen nach Aspiranten, etwa mit der Aufschrift ‹Lust mitzufahren? Vorne, natürlich› auf Einsatzwagen» (toponline.ch).

Natürlich. Man kann es gar nicht kursiv genug drucken.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

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