Nr. 10/2016 vom 10.03.2016

Aus den heroischen Zeiten

Von Stefan Howald

Ist das nun ein Geschichts- oder ein Wanderbuch? Natürlich beides. Aber die historischen Ereignisse und Orte und Personen werden so spannend und vielfältig präsentiert, dass man das Wandern zuweilen vergessen könnte. Kein Wunder, wird doch bereits im Titel versprochen, jene Orte aufzusuchen, «wo die Schweiz entstand».

1995 veröffentlichten Ursula Bauer und Jürg Frischknecht ihr erstes Wanderbuch der etwas anderen Art, und in den letzten zwei Jahrzehnten haben sie ihre Methode, zuverlässige Wanderhinweise mit politischen, kulturellen, alternativen Hintergrundinformationen zu verknüpfen, verfeinert und ihren trockenen Witz kultiviert.

Der Titel ist gelinde provokativ. Gemeint ist natürlich die Entstehung der modernen Schweiz, im Gegensatz zur alten Eidgenossenschaft und als deren Überwindung. Die drei Kleinstädte, die wandernd vorgestellt werden, repräsentieren drei Phasen dieses Übergangs: Solothurn als Ambassadorenstadt für den französischen König und das Söldnergeschäft steht für das Ancien Régime, Aarau als erste Hauptstadt der Helvetik symbolisiert den Aufbruch in die Moderne und den Liberalismus, Olten als Verkehrsknotenpunkt repräsentiert die Industriegesellschaft.

Achtzehn Stadtwanderungen werden angeboten, eingerahmt von zwei längeren Aare- und Jurawanderungen in der Umgebung. Gebäude und Orte geben Geschichten und Umbrüche preis. Das geht von der Trutzigkeit des Solothurner Zeughauses über den Ort, wo die erste demokratische Boulevardzeitung entwickelt wurde, bis zu temporären Arbeitersiedlungen.

Die Gegenwart kommt beiläufig in den Blick, auf der Suche nach Verköstigungen, in den gelegentlich mitgeteilten Wandergewohnheiten der Mitmenschen. Und in den Fotoessays von Sabina Bobst zu den drei Städten, die Menschen im heutigen Stadtbild zeigen. Was ist auf dem Weg in die postmoderne Schweiz geschehen?, fragt man sich. Wie wurde der Aargau vom Vorreiterort der Helvetik zum Atomenergie- und SVP-Kanton? Und warum ist im industriell geprägten Kanton Solothurn die SP nur die drittgrösste Partei? Das mag sich als melancholischer Schatten übers ebenso erholsame wie anregende und lehrreiche Wandern legen.

Die AutorInnen stellen ihr Buch vor am Donnerstag, 10. März 2016, um 18.30 Uhr im Stadtmuseum in Aarau und am Dienstag, 15. März 2016, um 19 Uhr im «Baseltor» in Solothurn.

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