Nr. 10/2016 vom 10.03.2016

Vielfalt, die entgeistert

Am siebten Tag schreibt Ruedi Widmer die «Widmerwoche»

Von Ruedi Widmer

Esther Friedli, die Lebenspartnerin von Toni Brunner (SVP), ist der SVP beigetreten, um einen Tag später ihre Kandidatur für die St. Galler Regierungsratswahlen bekannt zu geben. Das Beispiel macht Hoffnung: Wenn ich noch heute der SVP beitrete, kann ich schon morgen der Lebenspartner von Yvette Estermann sein.

Vincent Raven («Dschungelcamp»), der frühere «The next Uri Geller», wird nach seinen rassistischen Ausfällen «The next Beatrix von Storch». Seine Anhänger, die Raver, wollen im August wieder für eine tolerante Welt, in der man auch mal etwas Rassistisches sagen darf, auf die Strasse (Street Parade).

Das AKW Fessenheim in Frankreich sei 2014 beinahe explodiert. Das haben Recherchen der «Süddeutschen Zeitung» und des WDR ergeben. Typische EU-Verantwortungslosigkeit. Bei Schweizer AKWs kann das nicht passieren, weil unsere Medienhäuser die Recherchebudgets genug weit zurückgefahren haben.

Die Rechten bringen triumphierende Menschen ausserhalb der SVP-Fanmeilen bekanntlich leicht aus der Fassung: Flavia Kleiner von Operation Libero, die am 28. Februar im Moment des Sieges jubelte, ist «The next Hugo Fasel».

Die bilateralen Verträge sollen nochmals vors Volk. Das Chaos zwischen den Verträgen und der Umsetzung der Zuwanderungsinitiative der SVP müsse ein für alle Mal geklärt werden. So wollen es bürgerliche Politiker. Brüssel und Berlin sind alarmiert. Im Fall eines Neins des Schweizer Souveräns droht die mittlerweile zu hundert Prozent von der Schweiz abhängige EU zu verhungern. Auch das Volk weiss nicht so recht, wie es gestern in Bern sagte.

Die vier IS-Iraker, gegen die in Bellinzona der Prozess läuft, werden zur Strafe nicht nach der Scharia, sondern nach dem Tessiner Burkaverbot hingerichtet.

Donald Trump ist neuer Präsident der Vereinigten Staaten. First Lady ist Hillary Clinton, und zum Kater im Weissen Haus wurde Ted Cruz ernannt.

In den letzten Wochen wurden eine Vielzahl sensationeller technologischer Konzepte in den Medien vorgestellt: in dreissig Minuten von Zürich nach Bern (Bahntunnel, «Tages-Anzeiger»), in zehn Minuten von London nach Australien (Raketenflugzeug), die Reparatur von Duro-Militärfahrzeugen der Schweizer Armee für nur 550 Millionen Franken oder der Flug von der Erde zum Mars in nur dreissig Minuten («Laser-Schub für Raumschiffe», «Spiegel Online»). Die Frage bleibt, weshalb ich von Zürich überhaupt noch nach Bern reisen soll, wenn ich doch gleich schnell auf dem Mars bin.

Die Rückrufaktion für Mars-Schokoriegel wegen enthaltener Plastikteilchen hat zur Folge, dass in Zukunft Juteteilchen in den Mars-Riegeln verbaut werden.

Vor dem Zürcher Kunsthaus wollen die Zürcher Grünen eine Fliegerabwehrkanone als Hafenkran aufstellen lassen, um auf das Tun des Kunstsammlers und Waffenbauers Bührle aufmerksam zu machen. Die Linken wollen bekanntlich auch, dass jeder Soldat sein Sturmgewehr im Kunsthaus lagern muss.

Der Papst sagte in einer Morgenmesse, wer nicht an Gott glaube, sei gegen Gott. Wie kann man gegen etwas sein, das es nicht gibt? Ich bin nur gegen den Papst, weil es ihn gibt.

Der deutsche Politiker Volker Beck ist mit der «Hitler-Droge» («Bild») erwischt worden. Wollte der Grüne mithilfe von Crystal Meth zur AfD konvertieren?

Ruedi Widmer ist Cartoonist in Winterthur.

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