Nr. 12/2016 vom 24.03.2016

Die willenlose Masse

Wenn Flüchtlinge protestieren, folgt gleich die Unterstellung, sie seien von AktivistInnen angestachelt oder von Medien in Szene gesetzt worden.

Von Noëmi Landolt

Flyer des «Kommandos Norbert Blüm».

Es waren saftige Titel: «Mysteriöses Flugblatt lockte Idomeni-Flüchtlinge auf Todesmarsch» («Blick»), «Treiben Helfer Flüchtlinge in den Tod?» (ebenda), «Flüchtlinge bewusst in den Todesfluss geschickt» («Kronenzeitung»). Der Boulevard war in Hochform, bürgerliche Medien zogen nach: «Die gefährlichen Helfer» («Spiegel»), «Polit-Aktivisten bringen Flüchtlinge in Lebensgefahr» («Die Welt»). Was war geschehen?

Am 14. März, einem Montag, waren am Mittag gut 2000 Flüchtlinge aus dem Lager beim griechischen Grenzort Idomeni aufgebrochen, um zu Fuss über die Grenze nach Mazedonien zu gelangen. Zahlreiche UnterstützerInnen halfen ihnen dabei, einen Fluss zu überqueren, indem sie ein Seil von einem Ufer zum anderen spannten und die Menschen durch den Fluss begleiteten. Auf der anderen Seite wurde der Tross vom mazedonischen Militär aufgehalten. HelferInnen und JournalistInnen, die auch vor Ort waren, wurden verhaftet, die Flüchtlinge in Lastwagen nach Griechenland zurückgeschafft.

Unter Generalverdacht

Als Auslöser des Marschs wird ein Flyer in arabischer Sprache vermutet, der die Flüchtlinge aufforderte, sich in einer grossen Gruppe zur Grenze aufzumachen. Welche Rolle dieser spielte und wer dessen VerfasserInnen sind, ist nach wie vor ungeklärt; der in sozialen Medien genannte «Marsch der Hoffnung» folgte nicht der auf dem Flyer angegebenen Route und überquerte den Fluss an einer anderen Stelle. In der Nacht vor dem Marsch waren zudem drei afghanische Flüchtlinge im selben Fluss ertrunken, jedoch wiederum an einer anderen, einige Kilometer entfernten Stelle. Das reichte aus, um eine Geschichte von skrupellosen linken AktivistInnen zu stricken, die Flüchtlinge auf einen «Todesmarsch» gelockt, sie in einen «Todesfluss» geschickt hätten.

Das mit «Kommando Norbert Blüm» unterzeichnete Flugblatt mag tatsächlich auf das Konto von ein paar unüberlegten Autonomen gehen. Es enthielt Falschinformationen, wie zum Beispiel, dass das Lager in Idomeni demnächst geräumt werde. Dass der Flyer verantwortungslos und das ganze Unterfangen gefährlich war, steht ausser Frage. Dass nun aber jene Menschen, die den Flüchtenden über den Fluss halfen und die teils schon seit Monaten auf den Beinen sind, um das Leben in Idomeni ein bisschen erträglicher zu machen, unter Generalverdacht gestellt und in Leserforen als «Mörder» beschimpft werden, ist infam. Noch weiter gingen die österreichische «Kronenzeitung» und die deutsche «Junge Freiheit», die auf Fotos die HelferInnen einkreisten, damit alle LeserInnen sie sich auch ganz genau ansehen konnten.

Wo immer Flüchtlinge protestieren und sich organisieren, wird also unterstellt, dass sie von AktivistInnen und Medien dazu angestachelt wurden, dass das Ganze gar inszeniert und orchestriert sei, um einer politischen Agenda zu dienen: mit dramatischen Bildern Grenzöffnungen erzwingen. Ein Blog der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» titelt etwa: «Wie man in Idomeni eine humanitäre Katastrophe inszeniert» – als ob die humanitäre Katastrophe, die in Idomeni und an vielen anderen Orten auf den Fluchtrouten längst Alltag ist, erst noch inszeniert werden müsste. «Es ist nicht das erste Mal, dass scheinbare Verzweiflungsaktionen der Flüchtlinge in Wirklichkeit von selbst ernannten Menschenrechtlern angezettelt wurden», will zudem die «Welt» wissen. Ähnliches war über die jüngsten Proteste in Calais zu hören, wo AktivistInnen Flüchtlinge zum Steineschmeissen angestachelt haben sollen. Als Flüchtlinge in Idomeni vor rund drei Wochen während einer Demonstration das Tor im Grenzzaun eindrückten, hiess es, die Proteste seien von Pressefotografen inszeniert worden. Belegen soll das die Präsenz zahlreicher FotografInnen am anderen Ufer, die die Menschen bei der Überquerung fotografierten.

Wer hilft, muss schuld sein

Offenbar ist es für viele unvorstellbar, dass auch geflüchtete Menschen fähig sein sollen, sich aus eigenem Antrieb kollektiv zu organisieren, zu protestieren und zu demonstrieren. Also müssen jene schuld sein, die sie dabei unterstützen. Flüchtlinge werden dabei so dargestellt, wie sie von der europäischen Politik auch behandelt werden: als zwar bemitleidenswerte, aber willen- und anspruchslose, einfach manipulierbare Masse, die bereitwillig ihr Leben riskiert, um der Presse ein paar dramatische Bilder zu liefern.

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