Nr. 38/2021 vom 23.09.2021

Irrlichter im Urwald

Seit Wochen werden Geflüchtete an der polnisch-belarusischen Grenze hin- und hergetrieben – im Machtkampf zwischen Belarus und der EU. Was macht der Ausnahmezustand mit den Menschen an der Grenze?

Von Franziska Grillmeier, Bialystok

«Wer hier nicht wohnt, darf hier nicht rein.» Der junge Polizist beugt sich durch das Autofenster. «Kriegszone. Belarus. Umdrehen», sagt er mit Nachdruck. Es ist der Dreiklang, der jeden Versuch, von polnischer Seite aus tiefer in den Bialowieza-Urwald vorzudringen, abprallen lässt.

Man muss sich vorstellen, wie ruhig es in diesem Wald ist. So ruhig, dass das Röhren der Hirsche nachts in den Hüttenzimmern widerhallt und man die Blätter der über fünfzig Meter hohen Eichen auf den trockenen Boden fallen hört. Auch der Polizist erschrickt, als hinter ihm ein Dorfbewohner grüsst. Der Einzige, der in diesen Tagen durch die Absperrung gehen darf. Und die Presse? Ein letzter Versuch. «Kommen Sie nicht wieder.»

Hinter der Polizeisperre liegt das Dorf Usnarz Gorny. Innerhalb der Sperrzone. Noch immer harren dort mehr als dreissig afghanische Geflüchtete aus, sie schlafen auf Pappdeckeln und Plastiktüten. Eingekesselt zwischen belarusischen und polnischen GrenzschützerInnen. Seit über sechs Wochen sind sie schon dort. Mit einer grauen Katze, die sie aus Kabul mitgebracht haben und die es in die «Washington Post» schaffte, als die Zeitung wie viele andere Medien über das perfide Kräftemessen zwischen Polen und der EU mit Belarus berichtete. Ausgetragen wird dieses auf dem Rücken der Geflüchteten. Tagelang waren die Medien vor Ort, humanitäre HelferInnen campierten auf einem abgesperrten Feld und versuchten, die Menschen per Megafon zu erreichen, die sich bei sinkenden Temperaturen und ohne Zugang zu frischem Wasser und Nahrung immer schlechter fühlen. Mittlerweile ist der Kontakt zur Gruppe abgebrochen.

Stiller Ausnahmezustand

Seit dem 2. September darf niemand ausser dem polnischen Militär und den EinwohnerInnen der 183 Grenzorte die Sperrzone betreten. MedienvertreterInnen müssen ausserhalb der Sperrzone bleiben. Das Fotografieren von SoldatInnen oder GrenzschützerInnen ist verboten. Die grüne Grenze zwischen Polen und Belarus ist über 400 Kilometer lang.

Seit Monaten nutzt der belarusische Machthaber Alexander Lukaschenko Geflüchtete als Druckmittel – weil die EU im Sommer Wirtschaftssanktionen gegen Belarus erlassen hat wegen der brutalen Repression des Regimes gegen die Zivilgesellschaft. In Bussen und Armeelastwagen soll die Regierung die Menschen bis an die Grenzen zu Litauen und nun auch Polen fahren. Im August habe der polnische Grenzschutz 2500 illegale Grenzübertritte vereitelt, heisst es auf dem Twitter-Kanal des polnischen Innenministeriums.

«Wir werden nicht zulassen, dass Polen zu einer weiteren Route für den massenhaften Schmuggel von illegalen Migranten in die Europäische Union wird», sagte der Innenminister Mariusz Kaminski. Ein 180 Kilometer langer Grenzzaun soll errichtet, der Weg nach Polen allen Flüchtenden bis auf Weiteres versperrt werden. Auch sollen illegale Pushbacks von Geflüchteten zurück nach Belarus im Parlament bald legalisiert werden.

«Das bedeutet, dass Asylsuchende ohne Gerichtsverfahren bei zwei Grad in der Nacht der Wildnis überlassen werden. Bis zu zehnmal wurden manche zurück nach Belarus deportiert», sagt der Parlamentsabgeordnete Franciszek Sterczewski. «Die Menschen essen Pilze im Wald, trinken schmutziges Wasser und bekommen keine medizinische Hilfe. Das ist Folter.» Sterczewski sagt, der Ausnahmezustand sei nur deswegen eingeführt worden, um einen medialen Blackout an der Grenze zu gewährleisten, um keine Hilfe durchlassen zu müssen und Menschen ungestört illegal nach Belarus zurückdrängen zu können.

«Wir sind in Lebensgefahr»

Die afghanische Gruppe im Dorf Usnarz Gorny ist nicht die einzige, die im Grenzgebiet feststeckt. Die Flüchtlingsorganisation Chlebem i Sola (deutsch: Mit Brot und Salz), die sich normalerweise um Geflüchtete in Warschau kümmert, erreicht eine Nachricht von einer Syrerin, die sich Boushra nennt: «Helfen Sie uns! Wir sind in Lebensgefahr», sagt sie am Telefon. Mit einer Gruppe von Geflüchteten ist sie weiter südlich bei Terespol zwischen polnischen und belarusischen GrenzschützerInnen blockiert. Mit ihr vier Frauen, achtzehn Männer und drei Kinder. Die Jüngste soll sechs Jahre alt sein. «Seit zwei Tagen haben wir nichts mehr gegessen und getrunken», sagt Boushra, «ein Mann ist zusammengebrochen, er braucht dringend einen Arzt.»

Sie schickt ein Video hinterher. Es zeigt polnische Grenzschützer mit Sturmhauben und Schlagstöcken. Das Bellen eines Schäferhunds, der von einem Polizisten am Halsband zurückgehalten wird, übertönt immer wieder die Stimme einer Frau, die bittet: «Lassen Sie nur diesen Mann durch. Bitte. Helfen Sie nur ihm. Er stirbt sonst.» Die Kamera schwenkt auf einen Mann, der ohnmächtig in den Armen von drei weiteren Männern liegt. Chlebem i Sola schickt einen Krankenwagen an den Standort, den die Syrerin per Chat übermittelte. Demnach befindet sich die Gruppe auf polnischem Gebiet.

Nach kurzer Zeit rufen die Sanitäter erzürnt zurück: «Die Patienten sind auf der belarusischen Seite. Das ist nicht unser Gebiet.» Ob die Gruppe von der polnischen Grenzpolizei aufgegriffen und zurück auf belarusisches Gebiet gebracht wurde, lässt sich nicht klären. Doch wenige Stunden später teilt Boushra via Facebook ein weiteres Video: Darin sieht man polnische Polizei vor einer Menschengruppe stehen. Rot-weisses Absperrband ist rund um eine Gruppe Menschen gespannt, die ohne Unterlage, in Regenjacken, dicht gedrängt im Matsch auf einer Waldlichtung liegen. Dahinter zwei Grenzpolizisten aus Belarus mit Schilden. «Wir fühlen nichts mehr», sagt Boushra, «keiner hört uns zu. Seit Tagen liegen wir im Eiswasser. Medizinische Hilfe wird nicht zugelassen.»

Tagelang wird es so weitergehen. Immer wieder bricht der Kontakt ab. Inzwischen gibt es Berichte von toten Geflüchteten an der Grenze. Man weiss nicht, ob sie erfroren, verhungert oder an Erschöpfung gestorben sind.

«Als wären sie Irrlichter», sagt die 29-jährige Ania Szychowska, «so fühlt sich die Situation an. Ohne zu wissen, wie man den Menschen helfen kann, kippt das Gefühl irgendwann in Verzweiflung um.» Die polnische Regierung habe in den letzten Jahren viele Gesetze gebrochen, die Justiz abgebaut, die Pressefreiheit eingeschränkt, ein Klima der Angst und der Abschottung gefördert, doch diesmal fühle es sich noch persönlicher an, sagt sie. Das Gefühl der Hilflosigkeit schneide einem die Luft ab.

Flugblätter und Landkarte

An diesem Freitag ist die studierte Linguistin über drei Autostunden an das Sperrgebiet gefahren. Zusammen mit einer Kollegin will sie DorfbewohnerInnen darüber aufklären, was sie tun können, sollten sie in den Wäldern oder Feldern auf Menschen in Not stossen. In ihrem Rucksack trägt sie eine gefaltete Landkarte und ein Päckchen Flugblätter mit.

«Viele DorfbewohnerInnen wissen nicht mehr, ob es legal ist, Menschen zu helfen», sagt Szychowska. An jeder Ecke eine Polizeisperre. Uniformierte, die AnwohnerInnen auffordern, ihren Kofferraum zu öffnen. Der Transport von Geflüchteten, die illegal über die Grenze gekommen sind, ist illegal. Genauso wie Geld für Hilfe anzunehmen. Essen und Wasser zu geben jedoch nicht. «Wenn du einen Flüchtling in deiner Nähe triffst, kannst du ihm helfen», steht auf der Vorderseite des Flugblatts.

«Zuerst müssen wir zum Bürgermeister», sagt Szychowska, «oder» – sie klopft an das graue Tor eines Hauses gegenüber der Kirche – «zum Priester.» Der macht auf. Auf einen Krückstock gestützt, bittet der Geistliche ins Vorzimmer. «Hier sind noch keine Migranten vorbeigekommen», sagt er, «und warum sollten wir helfen? Helft lieber dem Nachbarn, der kein Essen hat.» Trotzdem darf Szychowska weiter Flugblätter verteilen.

An der langen Strasse stehen Häuser, die aussehen, als würden sie den Büchern von Astrid Lindgren entstammen. Saftige Gärten, dunkelbraune Holzhäuser, darüber ein wolkenfreier Himmel. Klingeln gibt es auf dem Land keine. Man ruft sich zu. Aus einem der Bauernhöfe kommt ein Jagdhund gelaufen. Der Bauer mit Latzhose pfeift ihn forsch zurück. «Meine Schwester hat ein paar Geflüchtete gefunden», sagt der Bauer, «hat ihnen frische Kleider und Wasser gegeben.» Er dreht das Flugblatt in der Hand. «Natürlich helfe ich, wenn jemand in Not ist. Es ist eine verflixte Sache.»

Ein Dorf weiter sitzt eine Bäuerin auf einer Bank in ihrem Garten. Verärgert dreht sie das Feuerzeug auf dem Holztisch, während sie spricht: «Warum sollte ich Menschen helfen, die auch Terroristen sein könnten?» Fast eine halbe Stunde steht Szychowska bei ihr im Garten. «Wir sagen ja nicht, dass alle Menschen kommen sollen, aber dass sie das Recht auf einen fairen Asylprozess haben und ihnen Wasser und Nahrung zusteht.»

An diesem warmen Herbsttag besucht Szychowska viele Häuser. Sie trifft Dichter und Bäuerinnen, Priester und Mechanikerinnen, ein gehörloses Paar mit seinem Kind, SeniorInnen und ihre PflegerInnen.

Die letzte Dame hält eine graue Katze auf dem Arm. Über den Zaun hinweg unterhält sie sich mit Szychowska auch über die Isolation in der Pandemie und darüber, wie wichtig Tiere sind. Auf der Strasse wendet ein grünes Auto. Szychowska steckt die Flugblätter in ihren Rucksack, verabschiedet sich und wird nach ein paar Schritten angehalten. «Stopp!», ruft eine rothaarige Grenzpolizistin hinter ihr. Sie schlägt die Autotür zu. Zwei weitere Polizisten steigen aus. «Sie stacheln die Bewohner also zu illegalem Verhalten auf. Ist Ihnen bewusst, was hier auf dem Spiel steht?»

«Aber was auf den Flugblättern steht, ist nicht illegal», sagt Szychowska. Sie kramt ein Flugblatt raus und gibt es der Grenzpolizistin: «Die Bürger dürfen Menschen helfen, wenn sie in Not sind.» Die Beamtin schüttelt das Blatt wie ein Taschentuch aus, lässt sich die Pässe von Szychowska und ihrer Kollegin geben und verschwindet zur Kontrolle im Auto. Es dauert, bis die Pässe wieder bei ihren Besitzerinnen sind. «Sollte die Polizei noch einmal gerufen werden, werden Sie es bereuen.» Die Drohung verhallt in der Nachmittagssonne. Die Streife fährt weiter. Im Nachbarhaus zieht eine ältere Dame einen Vorhang zu. «Ich glaube, es ist besser, wir machen für heute Schluss», sagt Szychowska.

Die Regierung bleibt hart

In Warschau sitzt die EU-Parlamentarierin Janina Ochojska im Vorraum eines Hotels. «Würden wir den Menschen Asyl gewähren und sie nicht im Wald erfrieren lassen, wäre das ein stärkeres Zeichen für Polen. Es würde Lukaschenko den Wind aus den Segeln nehmen», sagt sie. «Doch die polnische Regierung will stattdessen ihren Standpunkt weiterhin klarmachen, dass alles Fremde nur Schlechtes bringen würde. Mit diesem Klima haben sie auch die Wahl gewonnen.»

Einen Tag zuvor demonstriert eine Gruppe von etwa fünfzig Menschen vor dem Regierungsgebäude. Darunter auch die Künstlerin Katarzyna Winska. Sie nimmt ein Protestschild auf die Schultern und packt zusammen. «Es kann nicht sein, dass Geflüchtete an der Grenze verhungern, weil der Ausnahmezustand keine Krankenwagen durchlässt und die Regierungen Menschen zu politischen Geiseln machen», sagt sie. Ein Polizist kommt auf die kleine Gruppe zu. «Können Sie sich von dem Platz entfernen?», fragt er. «Es hört Ihnen doch sowieso keiner zu.»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-Leser:innen.

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