Nr. 12/2016 vom 24.03.2016

Whistleblower wider Willen

Zwei Thurgauer, die sich seit Kindheitstagen kennen, hoben den mächtigsten Banker der Schweiz aus dem Amt. Seither haben sie kein Wort mehr miteinander gesprochen. Jetzt stehen beide zusammen vor Gericht.

Von Carlos Hanimann

Selten sind die Wachhunde der Demokratie schläfriger als vor einem Feiertag. Es war also für die meisten JournalistInnen schon etwas spät, als der Bankrat, die Aufsichtsbehörde der Nationalbank, am Freitagabend des 23. Dezember 2011 ein merkwürdiges Communiqué verschickte: «Gerüchte gegen den Präsidenten erweisen sich als haltlos.» Merkwürdig war: Es wurden Gerüchte und Vorwürfe ausgeräumt, von denen bis dahin kaum jemand gewusst hatte – dass er nämlich «im Zusammenhang mit der Einführung eines Mindestkurses gegenüber dem Euro in unzulässiger Weise persönliche Vermögensvorteile erlangt haben soll».

Die mediale Aufregung folgte mit mehr als einer Woche Verspätung – und fiel umso heftiger aus. In der sogenannten Hildebrand-Affäre jagte eine Neuigkeit die andere, JournalistInnen schossen gegen alles und jeden, der sich bewegte, sodass am Ende nicht mehr ganz klar war, auf wen eigentlich gezielt worden war: Warum hatten sich die Gemüter in jenen ersten Januartagen 2012 so erhitzt? Weshalb trat Philipp Hildebrand am 9. Januar 2012 zurück? Weil er sich des Insiderhandels schuldig gemacht hatte? Ging es um Devisenspekulationen des obersten Zentralbankers? Um seine Geldpolitik? Seine Glaubwürdigkeit? Oder um die seiner Frau? Drehte sich die Affäre in Wahrheit um Christoph Blocher? Gab es ein politisches Komplott der SVP? Und war am Ende nicht irgendwie Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf an allem schuld?

«Eine Insel des Anstands»

Heute, vier Jahre später, hat sich der Pulverdampf verzogen. Übrig geblieben sind Strafverfahren gegen zwei Beteiligte, die ganz am Anfang des Politskandals stehen, während die grossen und mächtigen Antagonisten der Affäre sich den Staub von den Schultern klopfen: Gegen Hildebrand wurde kein Verfahren eröffnet, er ist heute Vizevorstand von Blackrock, dem weltweit grössten Vermögensverwalter; und das Strafverfahren gegen Blocher wurde vergangenen Dezember eingestellt. Dafür stehen nächsten Mittwoch in Zürich vor Gericht: der ehemalige Bankangestellte Reto T. – er soll das Bankgeheimnis mehrfach verletzt haben – und SVP-Kantonsrat und Rechtsanwalt Hermann Lei – er soll ihm dabei geholfen und ihn dazu verleitet sowie das Schriftgeheimnis verletzt haben. Lei wurde im Herbst 2013 per Strafbefehl schuldig gesprochen, was er jedoch anfocht.

Reto T. und Hermann Lei, beide Jahrgang 1972, wuchsen im thurgauischen Weinfelden auf. Sie besuchten gemeinsam Kindergarten und Primarschule. Als die «Hildebrand-Affäre» im Januar 2012 in vollem Gang war und ein Detail nach dem anderen über die Akteure bekannt wurde, kursierte in den Medien auch ein Foto aus jenen Kindheitstagen. Hinten, mit Brille, Fransen und leicht schiefem Blick: Hermann Lei. Eine Reihe davor, in die Kamera lachend: Reto T. – es ist das einzige Foto, das bisher von T. publik wurde.

Später verloren sich T. und Lei aus den Augen. Lei studierte Jus, T. machte eine kaufmännische Lehre und einen Fachhochschulabschluss. Er arbeitete bei der Zürcher Kantonalbank, wo er mit dem späteren Zürcher SVP-Kantonsrat Claudio Schmid ein Büro teilte, und wechselte 2005 zur Bank Sarasin, für die er bis zu seiner Entlassung am 3. Januar 2012 im IT-Support tätig war.

Eine juristische Auseinandersetzung mit seiner Exfreundin führte den Bankangestellten wieder zu Hermann Lei, der mittlerweile Rechtsanwalt war. Lei half ihm in der Sache, gewann das Vertrauen von T. Er vertrat sogar dessen Mutter in einem anderen Verfahren. Später würde T. in einem E-Mail an die Medien schreiben: «Herr Lei war mir eine grosse Stütze, eine Insel des Anstandes. (…) Und so war meine Loyalität hoch.»

Mitte Oktober 2011 wurde Reto T. laut Anklageschrift der Zürcher Staatsanwaltschaft von Bürokollegen auf ein Bankkonto des damaligen Nationalbankpräsidenten Philipp Hildebrand und gewisse Dollartransaktionen aufmerksam gemacht – unter anderem auf den Kauf von rund einer halben Million US-Dollar im Wert von 400 000 Franken im August und deren Verkauf für 475 000 Franken im Oktober. Zwischen diesen Transaktionen hatte ein währungspolitisch aussergewöhnliches Ereignis stattgefunden: Die Nationalbank legte im September eine Untergrenze zum Euro bei 1.20 Franken fest. Als T. die Transaktionen auf Hildebrands Konto studiert hatte, druckte er die Auszüge aus und nahm sie zu sich nach Hause. Denn er vermutete, dass der Nationalbankpräsident, der scharfer Kritik der SVP ausgesetzt war, höchstpersönlich mit Fremdwährungen spekulierte.

Das war der Anfang des Skandals, der Auslöser der politischen Affäre, die Hildebrand sein Amt und Reto T. seine Existenz kostete.

«Ausführung der Tat aktiv gefördert»

In der Folge wandte sich Reto T. erneut an Hermann Lei. Ob er ihn als Freund oder Anwalt aufsuchte, darüber gehen die Aussagen der beiden mittlerweile auseinander. Am Morgen des 4. November 2011 setzte Reto T. Lei jedenfalls in dessen Kanzlei von seinem Verdacht in Kenntnis, zeigte ihm Printscreens der Kontoauszüge und hinterlegte diese dann «aus Sicherheitsgründen in einem verschlossenen und von ihm mit Datumsangabe versehenen sowie auf der Rückseite unterzeichneten Briefumschlag» in Leis Büro.

Laut Anklage brach Reto T. an diesem Tag das Bankgeheimnis. Und später drei weitere Male, als er erst dem SVP-Kantonsrat Claudio Schmid, dann zwei «Blick»-Reportern sowie schliesslich dem SVP-Übervater Christoph Blocher von möglichen Insidergeschäften Hildebrands erzählte. Gemäss Staatsanwaltschaft soll Hermann Lei dabei Reto T. «nicht nur bestärkt», sondern auch «die Ausführung der Tat aktiv» gefördert haben. Darüber hinaus habe er versucht, T. zur Kontaktaufnahme mit der «Weltwoche» zu bewegen und ihn so zu einer weiteren Bankgeheimnisverletzung zu verleiten. Der Bankangestellte allerdings lehnte ab. Später schrieb er den Medien: «Ich habe mich ausdrücklich für eine Untersuchung der Ereignisse eingesetzt, nicht für eine ‹Bestrafung›.»

Also holte Reto T., so die Anklageschrift weiter, am Abend des 6. Dezember den Umschlag mit den kompromittierenden Dokumenten bei Hermann Lei ab und verbrannte sie zu Hause noch am gleichen Abend.

Die Sache schien gut zu enden. Aber was T. zu dieser Zeit nicht wusste: Hermann Lei hatte ihn hintergangen. Laut Strafbefehl öffnete Lei nämlich, «ohne dazu berechtigt zu sein, den verschlossenen Briefumschlag» und fertigte Kopien der Kontoauszüge an. Danach übermittelte er sie Blocher und der «Weltwoche».

Der Rest ist Geschichte: Die «Weltwoche» veröffentlichte die Kontoauszüge, Hildebrand versuchte, seinen Kopf mit einer Pressekonferenz und der Veröffentlichung weiterer Dokumente zu retten. Aber Hildebrand wankte, seine Glaubwürdigkeit war angeschlagen. Am 9. Januar 2012 nahm der oberste Banker der Schweiz seinen Hut.

Hermann Lei bestreitet die rechtliche Würdigung der Staatsanwaltschaft rundweg. Reto T. will sich noch nicht offiziell äussern, es ist aber klar, dass er die Anklage zumindest in Teilen bestreitet.

«Nur einen Anwalt um Rat gebeten»

Es gehört zu den Besonderheiten dieser Politaffäre, dass ausgerechnet die zwei Akteure, die sich eigentlich spinnefeind sein müssten, nicht schlecht übereinander reden: «Ich habe durchaus Verständnis für diesen Mitarbeiter», sagte Philipp Hildebrand über Reto T. Dieser wiederum äusserte sein Bedauern über «die Vorverurteilung von Herrn Hildebrand», als dieser durch die Zeitungsspalten geschleift wurde. «Das hat er nicht verdient.»

Von seinen vermeintlichen Verbündeten hingegen sieht sich Reto T. verraten: von Lei, dem er in einem E-Mail fragwürdige Methoden unterstellte («Er zerstörte mit dieser unüberlegten Vorgehensweise meine Existenz»); und von Blocher, Schmid, der SVP und der «Weltwoche», die den Bankangestellten für eine Kampagne gegen «Gauner» und «Falschmünzer» Philipp Hildebrand instrumentalisierten und dann versuchten, T. der Öffentlichkeit als Whistleblower zu verkaufen.

Allerdings war Reto T. in dieser Affäre höchstens ein Whistleblower wider Willen. In einem E-Mail an die Medien schrieb er im Januar 2012: «Ich wollte ja gar nie so einer sein.» Er habe bloss «einen Anwalt um Rat» gebeten.

Reto T. und Hermann Lei haben seit jenen turbulenten Tagen, als sie für den Rücktritt des Nationalbankpräsidenten Philipp Hildebrand sorgten, nicht mehr miteinander gesprochen. Nächste Woche begegnen sie sich in Zürich vor Gericht.

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