Nr. 12/2016 vom 24.03.2016

«Sprich doch, ach, sprich doch!»

Und immer wieder tanzt Maschinenfrau Olympia. Die Künstlerin und Musikerin Michaela Melián lädt in ihrer Münchner Ausstellung «Electric Ladyland» in einen Tagtraum der Technikgeschichte.

Von Kaspar Surber, München

Die elektrifizierte Frau als Geflecht von Neonröhren: Ausschnitt aus Michaela Meliáns ­Installation «Electric Ladyland» (2016). © Michaela Melián, VG Bild-Kunst, 2016

Die Rolltreppe führt abwärts unter den Münchner Königsplatz. Bevor man ganz unten bei den U-Bahn-Zügen ankommt, landet man in einem Zwischengeschoss. Von Neonlicht beleuchtet, stehen an diesem Montagabend vor einem Eingang die Menschen Schlange. In einem nicht genutzten U-Bahn-Schacht – die Haltestelle sollte einst als Kreuzungspunkt dienen – befindet sich der Ausstellungsraum Kunstbau. Hier eröffnet die Künstlerin Michaela Melián ihre Gesamtschau «Electric Ladyland». Rolltreppe, Zwischengeschoss, Neonlicht, Kreuzungspunkt: Die zufällig vorgefundene städtische Situation passt perfekt als Eingang in das Werk von Melián, die sich in den letzten Jahren wie kaum eine zweite Künstlerin mit der Frage beschäftigt hat, wie man sich die Geschichte, und insbesondere die Technikgeschichte, überhaupt vorstellen soll.

Die Geschichte hat in Meliáns Arbeiten weniger eine zeitliche als eine räumliche Dimension. Sie liegt in Schichten, man könnte auch sagen in Tüchern übereinander, was vielleicht auch die Vorliebe der Künstlerin für Textilzeichnungen erklärt, die sie häufig auch mit der Nadel stickt. Manche Geschichten werden in der Gegenwart verdeckt, andere liegen offen sichtbar da. Verdeckt werden immer noch häufig die Geschichten von Frauen, gerade in der Technikgeschichte. Melián weist in ihren Arbeiten darauf hin, nicht moralisch mit dem Zeigefinger, sondern mit der Leichtigkeit einer Zauberin, die ein Tuch wegzieht. Aufgetaucht sind bisher unter anderen die Schauspielerin Hedy Lamarr, die das Frequenzsprungverfahren für den Funk erfand, und die Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim, die an der Entwicklung der Psychoanalyse beteiligt war.

«Ein Thema wird historisch nie ad acta gelegt», sagt Michaela Melián im Gespräch. «Es wird immer weitergegeben und scheint in neuen Formen wieder auf.» Sie interessiere sich deshalb nicht für ein vollständiges, abgeschlossenes Bild. «Blickwinkel», «Suchbewegung», «Neugierde», diese Wörter fallen, wenn sie über ihre Herangehensweise spricht.

Eine Puppe als Operettenstar

Die Spur, der Melián in ihrer neusten Arbeit folgt, ist jene der Figur Olympia. Die Maschinenfrau trat 1816 erstmals in E. T. A. Hoffmanns Erzählung «Der Sandmann» in Erscheinung, wo sie die Sinne des Studenten Nathanael betörte. Als Hoffmanns Erzählung erschien, war die Entwicklung der Automaten bereits an einen ersten Höhepunkt gelangt. Wegen ihrer Ähnlichkeit mit Menschen waren die Maschinen gleichermassen gefürchtet, wie sie faszinierten. Da war der sogenannte Schachtürke, der erste angebliche Schachcomputer, der doch nur von einem kleinwüchsigen Schauspieler im Innern der Maschine bedient wurde. Da war aber auch der Schreiber, der mit Tinte Sätze bis zu vierzig Buchstaben schreiben konnte und der bis heute in einem Museum in Neuenburg zu sehen ist. Und da waren die Träume von selbstfahrenden Fahrzeugen.

Olympia wurde zum Vorbild für unzählige Roboter, Androiden und Cyborgs in der Literatur und im Film. In der schönen Puppe, die nur «Ach» sagen kann, drückten sich männliche Besitz- und Machbarkeitsfantasien aus. Ihren nächsten Auftritt hatte sie in der Operette «Hoffmanns Erzählungen» (1881) des Komponisten Jacques Offenbach. Sie konnte nun auch ein Liedchen über Vögel trällern oder besser: mechanisch scheppern, und es war doch ein hübscher Treppenwitz von Offenbach, dass der vormalige Autor Hoffmann nun der Geliebte war. Der sollte es bekanntlich am besten wissen, dass Olympia nur eine Puppe ist. Doch auch er bittet Olympia zum Walzer, bis sie sich immer schneller dreht und so zum Sinnbild für eine Technik wird, die ausser Rand und Band gerät.

Michaela Melián stiess bei der Beschäftigung mit Jacques Offenbach auf Olympia. Der Komponist interessierte sie, weil er antike Stoffe populär aufbereitete. «Er bezog sie auf die aktuellen Verhältnisse, kritisierte das Militär, die Kirche, den Kapitalismus. Und die Leute pfiffen seine Melodien als Gassenhauer.» Indem er Kirchen- und Volkslieder für seine Operetten adaptierte, habe er frühen Pop gemacht. Offenbach lebte im glitzernden Paris der Weltausstellungen, in der eine technische Errungenschaft die nächste jagte. «Von dort lassen sich zahlreiche Parallelen zu heute ziehen: Die Künste blühten, die Gesellschaft war vergnügungssüchtig. Gleichzeitig steuerte man auf einen Börsencrash zu, wurden die Armen aus der Stadt verdrängt.»

Wandfries der Labore

Melián hat in ihren Arbeiten stets Musik und Kunst miteinander verbunden. Sie studierte Cello und Malerei. 1980 war sie Mitherausgeberin eines Magazins mit dem subversiven Namen «Mode und Verzweiflung», daraus entstand die Band Freiwillige Selbstkontrolle, kurz F.S.K. Für ihre Installationen verwendet sie Zeichnungen und Videos, Musik und Text. Damit ein Thema den Kunstraum wieder verlässt, erscheint eine Bearbeitung zusätzlich meist als Hörspiel. Ein Beispiel ist die Arbeit «Föhrenwald», die ebenfalls in der Gesamtschau zu sehen ist: Darin geht es um die gleichnamige Siedlung ausserhalb Münchens, die erst als Arbeitermustersiedlung genutzt wurde, im Zweiten Weltkrieg dann als Lager für ZwangsarbeiterInnen und danach als Camp für Jewish Displaced Persons.

Auch «Electric Ladyland» ist eine Verbindung von Klang und Musik. Für ihre Darstellung der Olympia hat Melián zuerst viel Tempo aus dem Walzer genommen. Die Arie, die Olympia bei Offenbach singt, bildet noch die Grundlage. Aber das Stück, das Melián daraus komponiert hat, schreitet langsam vorwärts, zum Signal eines Echolots, kombiniert mit dem Schlag eines Metronoms – wie ein Tanz in Zeitlupe. Überhaupt ist das Stück in der Ausstellung nie als Einheit zu hören. Sechzehn Lautsprecher, verteilt im Kunstbau, betonen einzelne Klänge, so, als würde man als Zuhörer durch ein Orchester schreiten und das Stück einmal von diesem oder von einem anderen Instrument aus hören. Streicher und Gitarren, Kalimba und Akkordeon sind elektronisch vermischt mit Alltagsgeräuschen. Dazwischen ruft ein Kinderchor zur Puppe: «Sprich doch, ach, sprich doch!»

Links und rechts entlang des mehr als hundert Meter langen Kunstbaus sind Stoffbahnen als Fries aufgezogen. Sie wirken, als ob man sozialrealistische Wandbilder wie die des mexikanischen Malers Diego Rivera ins digitale Zeitalter übersetzt hätte: Reagenzgläser stehen neben Mikroskopen, Zahnräder und Atomstrukturen greifen ineinander, Laborküchen und Tonstudios entstehen daraus, einander zum Verwechseln ähnlich. Immer wieder ergibt sich aus den Strichzeichnungen ein Maschinenmensch, der sich darauf wieder in Nullen und Einsen verliert.

Tanzende Wachleute

Sie habe selbst eine positive Einstellung zur Technik, meint Melián. «Bestimmt kontrolliert sie einen ein Stück weit. Aber sie stellt auch unglaubliche Errungenschaften zur Verfügung.» Sie denkt an die Smartphones, die Flüchtlingen heute Orientierung bieten. Und auch an ihren eigenen Werdegang als Künstlerin. «Der Computer hat mir eigene Aufnahmen erlaubt, ohne dass ich im Tonstudio von irgendeinem Spezialisten angewiesen wurde, wie ich mich als Frau zu verhalten hätte.» Keine Angst also, dass die Technik ausser Kontrolle gerät, wie die sich immer schneller drehende Olympia? Melián muss lachen. «Es ist ja gerade der Charakter der Technik, dass sie sich immer ein Stück weit ausser Kontrolle befindet.»

Verteilt im Kunstbau sind Sitzkissen und grosse Schaukeln. Setzt man sich in eine der Schaukeln, verwandeln sich der Sound und die Wandzeichnungen zu einem Tagtraum. Es scheint, als würden die MuseumswärterInnen, die gemessen durch den Raum schreiten und alle paar Minuten wie WächterInnen über die Zeit auf die Uhr blicken, leicht zu tanzen beginnen. Man kann beim Schaukeln ganz schön ins Nachdenken kommen über die technischen Prothesen, die einem ständig als der neuste Schrei verkauft werden und die doch eine ganz alte Geschichte haben. Ein paar Gewissheiten über grossartige Innovationen und bösartige Gefahren geraten ins Wanken. Ist die Technik am Ende doch immer beides, wie dieses heiter-melancholische «Electric Ladyland»? Und was hat das alles mit Jimi Hendrix zu tun, dessen gleichnamiges Album der Ausstellung den Titel gab? «Have you ever been to Electric Ladyland? Electric women wait for you and me», heisst es darin.

Ein Wärter rüttelt jetzt freundlich, aber bestimmt an der Schaukel: Bitte nicht so fest schwingen.

«Electric Ladyland» in: München, Lenbachhaus. Bis 12. Juni 2016. www.lenbachhaus.de

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