Nr. 15/2018 vom 12.04.2018

Vom Piktogramm zum Ikarus

Mit ihrem Kurzfilm «Airport» thematisiert Michaela Müller Ein- und Ausschlussmechanismen an Flughäfen. Sie feiert damit Erfolge rund um die Welt. Jetzt ist ihr Film am Fumetto zu sehen.

Von Kaspar Surber (Text) und Florian Bachmann (Bild)

Die einen können überall auf der Welt hinfliegen, den anderen bleibt der Zutritt zum Gate verwehrt: Die Animationsfilmerin Michaela Müller am Flughafen Zürich.

Manchmal habe sie beim Malen das Gefühl, sie befinde sich nun in ihren Bildern. «Ich laufe durch sie hindurch und male weiter, was ich sehe», erzählt Michaela Müller. Wohin führt die Rolltreppe, was zeigt die Infotafel an? Und die Figur, die am Anfang nur ein Fleck ist und jetzt immer näher kommt: Ist das eine singende Frau? «Paint on Glass» heisst die Maltechnik, die Müller anwendet. Die Pinselstriche verlaufen dabei und können so gleich in ein nächstes Bild bewegt werden. Wenn alle Bilder zum Animationsfilm zusammengesetzt sind, irrt man als Betrachter selbst durch diesen Flughafen, die Rolltreppe hinunter, an der Infotafel vorbei. Nähern sich da Polizisten, um die singende Frau festzunehmen?

«Airport», der neue Film von Michaela Müller, dauert nur knapp zehn Minuten und ist dennoch eine komplexe Beschreibung des Flughafens und seiner Ein- und Ausschlussmechanismen: Die Vorfreude der TouristInnen mischt sich mit der Angst eines Ausschaffungshäftlings, und über allem ziehen die Flugzeuge ihre Kerosinbahnen. Vögel stürzen auf eine Fensterfront zu, Flüge müssen storniert werden. Dann laufen die Rollbänder wieder, und ein Piktogramm spurtet los: rennt, um den Flieger zu erwischen, rennt um sein Leben und findet sich als Symbol auf einem Wegweiser wieder. Langsam zerläuft die Form, aus den Armen werden Flügel: der Mensch als Ikarus.

«Airport» begeistert die ZuschauerInnen rund um den Globus. An mehr als fünfzig Festivals wurde der Film schon aufgeführt, von Chicago in den USA über Khartum im Sudan bis nach Bucheon in Südkorea. Im Sommer läuft er in Melbourne in Australien, dann wird er auf allen Kontinenten gezeigt worden sein. Auch in der Schweiz findet der Film Anerkennung, kürzlich wurde Müller dafür mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnet.

Die Chance von Zagreb

Bis sie zur preisgekrönten Animationsfilmerin wurde, ging die heute 45-Jährige einen langen Weg. Rückblickend erscheint er schlüssig, als wäre auch hier ein Bild in das andere geflossen. Aufgewachsen in Rorschach am Bodensee, begeistert sich Michaela Müller schon als Jugendliche für die Malerei und den Film. «Ich war scheu und introvertiert, da bot sich die Malerei als Kunstform an.» Sie geht nach Luzern und macht dort eine Ausbildung zur Werk- und Zeichenlehrerin. Danach jobbt sie in einem Trickfilmstudio und ist im Theater Luzern für Requisiten und Spezialeffekte verantwortlich: «Seither liebe ich Opern.»

Früh schon hat es Müller in die Ferne gezogen. In Serbien hat sie ein Kulturaustauschcamp für Jugendliche aus dem ehemaligen Jugoslawien mitorganisiert. Dabei lernte sie Serbokroatisch. Als sie einmal mit einer Freundin für Videoaufnahmen in Zagreb vorbeikam, hörte sie vom Direktor der Produktionsfirma Zagrebfilm von einem geplanten Studiengang für Animation an der Kunstakademie. Sie sieht die Chance, ihre Faszination für den Film und für Osteuropa zusammenzubringen. «Ich habe dem Direktor angekündigt, dass ich mich bewerben werde, sollte der Lehrgang zustande kommen», erinnert sich Müller. Später wird sie als erste ausländische Studentin aufgenommen, mit eigenem Stundenplan: Müller muss sich nicht nur in Kroatisch prüfen lassen, sondern sich auch in der Geschichte der kroatischen Animation auskennen.

Die sogenannte Zagreber Schule hat nämlich eine lange Tradition. Trickfilmer wie Dusan Vukotic mit «Surogat» oder Vlado Kristl mit «Don Kihot» (beide 1961) etablierten einen abstrakten Stil, der weit über Jugoslawien hinaus Beachtung fand. Der Animationsfilm und auch das Puppenspiel mit ihrer vermeintlich poetisch-harmlosen Zeichensprache eigneten sich in den kommunistischen Staaten, um Gesellschaftskritik zu üben. 1972 wurde in Zagreb auch das Animafest begründet, das zweitälteste Zeichentrickfilmfestival der Welt. Ihre Technik, die Glasmalerei, sei allerdings nicht typisch kroatisch, meint Müller: Stilprägend für das Genre war der Film «The Street» (1971) der US-Amerikanerin Caroline Leaf.

Ihr Studium in Zagreb schliesst Müller 2009 mit dem Film «Miramare» ab. Er handelt von Familienferien am Meer. Die Kinder essen Spaghetti und schlecken Gelati, bis sie eine abgesperrte Zone entdecken: Gleich neben dem Campingplatz befindet sich eine Flüchtlingsbaracke. Was Müller in «Airport» weitertreibt, ist hier schon angelegt: die unterschiedlichen Privilegien, die auf engstem Raum zu einem Neben- statt einem Miteinander führen.

Wie eine Sportlerin

Sechs Jahre hat Müller an «Airport» gearbeitet. «Die Arbeit an meinen Filmen gleicht einem Marathon», erzählt sie. Drei Jahre nimmt das Zeichnen in Anspruch. In dieser Zeit lebt sie wie eine Sportlerin: «Wenn ich nicht diszipliniert bin, werde ich nie fertig.» Nach dem Frühstück geht sie in ihre abgedunkelte Zeichenkammer und sitzt stundenlang über dem leuchtenden Glastisch. «Obersupereinsam» sei die Arbeit, nur Radio hören könne sie dabei. So habe sie alle «Kontext»- und «Reflexe»-Sendungen von SRF 2 der letzten zehn Jahre nachgehört sowie – in deprimierenden Weltlagen – Pumuckl-Hörspiele.

Jedes Bild, das Müller malt, nimmt sie direkt mit einer Kamera auf. Pro Tag entstehen acht bis zwölf Bilder, das ergibt eine Sekunde Film. Für die zehn Minuten von «Airport» brauchte sie rund 7000 Bilder. Neben den Zeichnungen ist auch der Sound wichtig: Gemeinsam mit dem Musiker Fa Ventilato fährt sie für Field-Recordings an Flughäfen.

Wenn Müller spricht, blickt sie oft leicht entrückt in die Ferne. Der Blick mag von den einsamen Tagen des Zeichnens kommen, er täuscht allerdings darüber hinweg, wie präzise hier eine die Gegenwart beobachtet: «Ich habe alles geschaut, gehört, aufgesaugt, was ich über Flughäfen finden konnte.» Eine riesige Materialsammlung sei entstanden: Literatur über Nichtorte und über das Fliegen habe sie studiert, sogar eine Biografie einer Flight Attendant gelesen. Zudem habe sie Nachrichten über die Flüchtlingspolitik gesammelt.

«Es kann nicht so bleiben, dass die einen, die zufällig aus einem reichen Land stammen, mehr Rechte haben als andere, die in einem Kriegsgebiet geboren werden», meint Müller. Nirgends zeigten sich diese Vorrechte so stark wie am Flughafen: Die einen können in zwanzig Stunden überall auf der Welt hinfliegen, den anderen bleibe der Zutritt zum Gate verschlossen. Eine schnelle Lösung dieses Problems will Müller mit ihrer nachdenklichen Art nicht präsentieren. Sie hofft auf die direkte Begegnung. Dabei sei es auch an den Privilegierten, sich selbst auf den Weg zu machen, nach Begegnungen zu suchen. «Als ich nach Kroatien ging, war ich voller Vorurteile. Nach und nach habe ich sie verloren.»

Türen gehen auf

Heute verbringt Müller auch viel Zeit in New York. Ein Stipendium hat sie in diese Stadt gebracht, wegen ihres Freundes kehrt sie immer wieder zurück. Dank des Erfolgs von «Miramare» konnte sie den nächsten Film produzieren. Unterstützung erhält sie dabei nicht nur aus der Schweiz, sondern auch aus Kroatien, wo sie längst zur einheimischen Animationsfilmszene gezählt wird. So half ihr ehemaliger Dozent Aleksandar Battista Ilic beim Drehbuchschreiben. «Wenn man ernsthaft etwas verfolgt und beharrlich arbeitet, dann bewegt sich durch den Einsatz etwas. Türen gehen auf, und man trifft auf andere, die ebenfalls unterwegs sind», sagt Müller. Es klingt, als male sie gerade das nächste Bild.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 88-385775-2
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH 75 0900 0000 8838 5775 2
Verwendungszweck Spende woz.ch