Nr. 14/2016 vom 07.04.2016

Game on

Etrit Hasler taucht in virtuelle Sportwelten ein

Von Etrit Hasler

Man muss derzeit wirklich weit nach Dingen suchen, die langweiliger sind als Fussball. In der Schweizer Meisterschaft hat letztes Wochenende YB-Trainer Adi Hütter dem FC Basel zum Titel gratuliert. Und das, nachdem ein wenig mehr als zwei Drittel aller Partien gespielt sind. In der Bundesliga machen es Dortmund und Bayern ein bisschen spannender – die beiden also, die seit sieben Jahren ohne Konkurrenz den Titel unter sich ausmachen. Und die x-te Debatte darum, wer denn nun der richtige Nati-Coach/Captain/Torschütze wäre und ob er Schweizer genug dafür ist, fasziniert mich etwa so wie die Frage nach Donald Trumps Penislänge. In solchen Zeiten bleibt dann nur noch die Zuflucht zu jener Welt, die immer Entertainment bietet: Computerspiele.

Games und Sport gehören zusammen, seit es Videospiele gibt – das allererste Videospiel überhaupt war bereits eine rudimentäre Tennissimulation. Nein, nicht das inzwischen legendäre «Pong», das aus zwei Balken bestand, zwischen denen man einen Ball hin- und herjagen konnte: Bereits 1958 (also vierzehn Jahre bevor Atari mit «Pong» den ersten Arcade-Kasten auf den Markt brachte) kreierte der US-Nuklearphysiker William Higinbotham auf einem Oszilloskop «Tennis for Two» – wahrscheinlich, weil er als Mitentwickler der ersten Atombombe keine Lust mehr auf Nuklearphysik hatte.

Inzwischen gibt es Sportsimulationen für so ziemlich jedes Gerät, jeden Computer, jede Spielkonsole, jedes Telefon. Dabei gibt es einen grossen Monopolisten, EA Sports, der seit der Jahrtausendwende den Standard für alle Sportspiele setzt und die Lizenz für so ziemlich jede Liga besitzt: Fussball, Eishockey, American Football, Basketball, Golf, Ultimate Fighting, Tennis, Formel 1, Rugby, Cricket und eine Zeit lang sogar für Australian Rules Football. EA Sports scheffelt Unmengen Geld, indem die Firma jedes Jahr das gleiche Spiel neu herausbringt und mit der entsprechenden Jahreszahl (wie etwa FIFA 2016) versieht, was ihnen Horden von Gamerkids Jahr für Jahr zu überrissenen Preisen gierig abnehmen.

EA-Sports-Spiele sind grafisch unglaublich gut – auf den ersten Blick sind die Bilder nicht mehr von einer echten Sportübertragung zu unterscheiden. Ebenfalls brachte EA Sports einst die unter Nerds sehr beliebte, aber eingestellte Fussball-Manager-Reihe heraus. Wer nach Alternativen dazu sucht, landet früher oder später bei der japanischen Kleinstbude Kairosoft – spezialisiert auf Simulationsspiele fürs Smartphone in Retroästhetik. Kairosoft hat mit «Pocket League Story» eines der lustigsten und süssesten Managerspiele überhaupt produziert. Die gegnerischen Mannschaften insbesondere in den höheren Ligen bestehen zwar – etwas gewöhnungsbedürftig – aus Bären, Affen und Robotern, aber das passt perfekt zum 8-bit-Cuteness-Faktor. Wer nicht so auf Fussball steht, für den gibt es auch «Tennis Club Story», «Grand Prix Story» (Formel 1) und nicht zuletzt «Pocket Stables» (Pferderennen).

Und wem das alles zu langweilig ist? Dem empfehle ich «Rocket League», das vielleicht irrste Fussballkonzept überhaupt: Anstatt Spielern stehen Buggys auf dem Feld, die in wahnwitzigem Tempo über das Feld (und die Spielfeldwände hoch) rasen und dabei versuchen, einen Ball ins gegnerische Tor zu rammen. Ziemlich hektisch, aber durchaus spassig.

Nicht mehr ganz Fussball, aber dafür viel Fantasy verspricht «Blood Bowl». Die Computeradaption des legendären Brettspiels von Games Workshop mixt eine Art American Football mit allen Rassen des Tolkien-Universums – was verständlicherweise in totalem Chaos endet. Aber es gibt wenige Dinge, die lustiger sind, als wenn ihr Trollstürmer einen Goblin, der sich am Ball festkrallt, in Richtung Endzone schmeisst, während sich ihre Ork-Linesmen mit dem Schiedsrichter prügeln. Lustiger als echter Profifussball ist das allemal.

Etrit Hasler ist professioneller Gamenerd, seit er etwa dreizehn Jahre alt ist. Das ist nicht nur gut, aber macht zwischendurch einfach mehr Spass als echter Sport.

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