Nr. 14/2016 vom 07.04.2016

Regression ins Tralala

Wo bitte gehts hier zur Ruhmeshalle? Iggy Pop kämpft auf seinem neuen Album gegen eine «Post Pop Depression». Er gewinnt.

Von Florian Keller

Ein Crooner mit Teer auf den Stimmbändern: Iggy Pop (68).

Es war einer dieser Momente zufälliger Gleichzeitigkeit: zwei Ereignisse, die nichts voneinander wussten und die einander doch von fern zu spiegeln schienen. Von Iggy Pop, der als Sänger der Stooges einst schon Punk gemacht hatte, bevor man das so nannte, war gerade ein neues Album erschienen.

Und zur gleichen Zeit geisterte diesseits des Atlantiks ein Nachfahre des Punk mit seiner Ankündigung durch die Newskanäle, er werde seine private Sammlung mit Punkmemorabilien im Wert von fünf Millionen Pfund verbrennen. Sein Name: Joe Corré, Sohn der Modedesignerin Vivienne Westwood und des Sex-Pistols-Managers Malcolm McLaren, also ein Spross von höchstem britischem Punkadel. Als Gründer der Unterwäschemarke Agent Provocateur ist Corré, dies nur nebenbei, auch mehrfacher Millionär.

Solcher Adel verpflichtet, darum will der gut situierte Punkerbe seine Verbrennungsaktion natürlich als Protest verstanden wissen. Und zwar dagegen, dass in London jetzt vierzig Jahre Punk gefeiert werden, mit Ausstellungen in der British Library und im Museum of London und mit vielen weiteren Veranstaltungen das ganze Jahr hindurch. Ein staatlich gefördertes Punkjubiläum, grosszügig unterstützt vom konservativen Bürgermeister Boris Johnson, was tatsächlich ein Hohn ist – und angeblich mit dem offiziellen Segen der Queen, wie Corré mit Entsetzen feststellte: «Statt einer Bewegung für Veränderung ist Punk zu einem verdammten Museumsstück verkommen.»

Das ist ja mal was Neues, Gratulation zu dieser Erkenntnis. Das originale Cover von «Never Mind the Bollocks» (1977) der Sex Pistols etwa liegt nun schon seit 1990 in der Sammlung des Victoria and Albert Museum, hat also zwei Drittel seines Lebens als Schaustück in einer Vitrine verbracht. Vor der Musealisierung gibt es kein Entrinnen, auch nicht für den Punk. Selbst ein überteuertes Lagerfeuer ändert daran nichts mehr.

Das sogenannte Alterswerk

Und was hat das nun mit James Newell Osterberg jr. zu tun, einschlägig bekannt als Iggy Pop? Alles und nichts. Der eine will den Punk retten, indem er historische Souvenirs einäschert. Der andere brennt selber noch und hat es auch gar nicht nötig, irgendetwas zu retten. Iggy wirkt ja seinerseits wie ein wandelndes Museumsstück, ein Fossil seiner Ära – gezeichnet von der Zeit, aber auch notorisch unverwüstlich, wie mumifiziert zu Lebzeiten. Irgendwie fehlte bloss noch die entsprechende Musik zur Legende, das herausragende Spätwerk, das seine Kanonisierung besiegeln würde. Iggy Pop als radebrechender Chansonnier, wie er das zuletzt auf dem Album «Après» (2012) versuchte? Eher nicht.

Jetzt aber: «Post Pop Depression». Dieser Mann ist nicht als Herzensbrecher gekommen, sondern als Einbrecher: «I’m gonna break into your heart», droht uns Iggy gleich zu Beginn, geschmeidig wie ein Crooner, aber mit Teer auf den Stimmbändern. Was sucht er da drin? Keine Sorge, er kommt nicht, um zu stehlen. Iggy will bloss unter die Haut und dann immer weiter und tiefer, «till I see where you begin». Hinein in die Blutbahnen und bis zum Ursprung der Welt: Rock ’n’ Roll, du alter Triebtäter!

Neun Songs und vierzig Minuten später träumt Iggy Pop davon, alles hinzuschmeissen und nach Paraguay zu verschwinden, dazu trällert er wie ein Kind mit Grabesstimme. Regression ins Tralala: Ist das der Sound des Pensionsalters?

Das sogenannte «Alterswerk» ist ja eine Disziplin, die im klassischen Rock-’n’-Roll-Mythos eigentlich gar nie vorgesehen war: Wer schnell lebt und jung stirbt, braucht sich um so bürgerliche Kategorien wie ein würdiges Altern nicht zu kümmern. Aber spätestens seit Rick Rubin den vom Leben gezeichneten Johnny Cash für die «American Recordings» ins Studio holte, lastet ein neuer Leistungsdruck auf den Überlebenden im gewerbsmässigen Unruhestand. Das Standardprogramm, die Verwaltung des eigenen Erbes, genügt da nicht mehr. Höchste Anerkennung erlangt nur, wer seinen Mythos zu Lebzeiten in einem grossen Alterswerk transzendiert. Es muss ja nicht gleich der vorweggenommene Soundtrack zur eigenen Bestattung sein wie jüngst bei David Bowie, der mit «Blackstar» selbst seinen Tod als multimediales Popkunstwerk zu inszenieren wusste.

Mittendrin: Ein Streichkonzert

Bowie, langjähriger Freund und Mentor, geistert jetzt auch durch das neue Album von Iggy Pop, es soll auch bei diesem sein letztes sein. «German Days» ist eine rollende Reminiszenz an die gemeinsame Zeit in Berlin, das unerhört lässig zuckende «Gardenia» klingt wie ein spätes Echo auf «China Girl», das Iggy einst zusammen mit Bowie geschrieben hat. Vielleicht ist das reine Projektion der Trauergemeinde, aber jetzt, wo nach Lou Reed auch David Bowie nicht mehr da ist, klingt Pop mehr denn je wie eine singende Strassenkreuzung aus den beiden Weggefährten von einst: physischer als David, elastischer als Lou.

Sein Rick Rubin auf «Post Pop Depression» ist Josh Homme von den Queens of the Stone Age, eine Fachkraft für kontrolliert ausschlagenden Garagenrock. Zusammen mit seinem Bandkollegen Dean Fertita und dem Schlagzeuger Matt Helders von den Arctic Monkeys hat er für Iggy ein Alterswerk wie nach Lehrbuch eingerichtet: roh und trocken, aber immer im Wissen, dass diese Authentizität des Abgespeckten etwas Gemachtes ist. Die Band rumpelt superprofessionell, die Gitarren lärmen diszipliniert und so geschichtsbewusst, dass sie auch mal Erinnerungstrigger an die Stooges auslösen. Und mittendrin: ein kleines Streichkonzert. So muss man das machen, wenn man diesem Berserker ein Album schenken will, über das man dereinst wird sagen können: Vermächtnis!

Aber was soll das überhaupt sein, eine «Post Pop Depression»? In einer kulturpessimistischen Lesart wäre es die Trauer darüber, dass die Popkultur sich überlebt hat. In der egozentrischen Lesart die Depression, die uns alle befällt, wenn Pop, also Iggy, einmal nicht mehr da ist. Bei aller sehnigen Virilität, die Iggy Pop immer noch ausstrahlt, kreist er auf dieser Platte stets auch um die eigene Sterblichkeit. «Death is a pill that’s hard to swallow» (der Tod ist eine Pille, die schwer zu schlucken ist): So singt Iggy, ungewohnt verletzlich, in «American Valhalla» und begehrt Einlass in die mythologische Ruhmeshalle.

«Like a wreck, I’m sinking fast», singt er an anderer Stelle. Aber wenn dieser Mann ein sinkendes Wrack sein soll, dann ist sein Untergang eine Wucht. Am Ende von «Paraguay» steigert er sich in einen Wutanfall gegen alle und alles. Fertig Tralala, was bleibt, ist ein gestreckter Mittelfinger.

Iggy Pop spielt am Sonntag, dem 19. Juni 2016, am Rock the Ring in Hinwil.

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