Nr. 14/2016 vom 07.04.2016

Kunst nach dem Touretteprinzip

Von David Hunziker

Die Form des Albums ist Kanye West zu eng geworden. Ob sie nun von seinem aufgeblasenen Ego oder von seiner überbordenden Kreativität gesprengt wird: Was dabei herauskommt, ist durchaus bemerkenswert.

Bereits zum zweiten Mal hat West eine überarbeitete Version seines noch frischen Albums «The Life of Pablo» auf verschiedenen Streamingdiensten veröffentlicht. Die Analyse dazu reicht er auf Twitter jeweils gleich selber nach: «Life Of Pablo is a living breathing changing creative expression» – das Album als organisches, in ständiger Veränderung befindliches Gebilde.

Wie die meisten Teile des Albums hat Kanye West den Song «Wolves» seither einer konstanten Transformation unterzogen: Nachdem sich West zuerst für eine Gesangsspur des Sängers Frank Ocean anstelle derjenigen der Sängerin Sia und des Rappers Vic Mensa entschieden hatte, revidierte er diesen Schritt zuletzt wieder. Ocean durfte dennoch auf dem Album bleiben, seinen Beitrag hat West in einen neuen Song mit dem lapidaren Titel «Frank’s Track» ausgegliedert. Nicht nur die Grenzen des Albums verschwimmen im Zuge dieser Eingriffe, auch diejenigen der einzelnen Songs.

Kanye Wests meist sehr unterhaltsame, oft unerträglich selbstgerechte oder vulgäre, aber immer wieder auch selbstreflexive Tweets sind genauso Teil dieses bizarren Gesamtkunstwerks – worüber West selbst keine Zweifel lässt, wenn er sie grossspurig als eine Form zeitgenössischer Kunst bezeichnet.

Eine weitere Selbstanalyse lautet: «Everyone has made mistakes. I just make them in public.» Das Prinzip von Wests Kunst ist das Tourettesyndrom: Alles muss raus, alles ist öffentlich. Doch wo kann es noch Fehler geben, wenn man einen Künstler auf nichts mehr festlegen kann?

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