Nr. 15/2017 vom 13.04.2017

Sein Sarkasmus ist mit Liebe getränkt

Er tut es um des Reimes willen: Das neue Album von Father John Misty bietet ein prima Gegengift für zynische Zeiten. Es heisst «Pure Comedy» und ist grandios.

Von David HunzikerMail an AutorIn

Wer entlarvt die Hipster, wenn Father John Misty mal nicht mehr ist? Foto: Guy Lowndes

Schon wieder Sex mit Taylor Swift. In «Famous» fabulierte bereits Kanye West darüber, dass zwischen ihm und der Sängerin noch was laufen könnte. Nun, bei Joshua Tillman alias Father John Misty geschieht der Akt gleich täglich – allerdings in der Virtual Reality. Hier macht sich wohl einer darüber lustig, dass man mit einer solchen Zeile Spektakel generiert, während er es gerade selber tut. Oder wir können auch seiner lapidaren Begründung folgen, es habe sich eben kein anderer Popstar auf «Oculus Rift» gereimt (das ist die Virtual-Reality-Brille).

Doch während es bei Kanye West nur um ihn selber geht, hat Father John Misty sämtliche narzisstischen Entertainer und überhaupt die Unterhaltungsindustrie im Visier. Der Song «Total Entertainment Forever» vom aktuellen Album «Pure Comedy» ist ein sarkastisches Stück Gesellschaftskritik, eine Cyberpunk-Apokalypse. Der Sänger stellt sich darin vor, wie jemand eines Tages unsere Spezies entdeckt: zu Hause sitzend, immer noch an die Unterhaltungsmatrix angestöpselt, mit einem Lächeln im Gesicht. Wir haben uns zu Tode amüsiert.

In einem Meer von Ironie

Beste Unterhaltung ist auch die Musik, die dazu spielt. Der mitreissende, mit satten Bläsern gepimpte Folkrocksong ist ganz und gar kein Cyberbluff, sondern erstklassiges, analoges Kunsthandwerk. Durch das ganze Album zeigt sich Father John Misty einmal mehr als Songwriter auf der Höhe der Zeit. Der Ernst der Sache ist unschwer zu erkennen. Schliesslich ist hier einer am Werk, der seine Songs ganz unbescheiden mit der Kritischen Theorie vergleicht.

Aber braucht es wirklich «noch einen weissen Typen im Jahr 2017, der sich so verdammt ernst nimmt», wie er sich in der dreizehnminütigen autobiografischen Folkballade «Leaving LA» gleich selber nennt? Man kann sich natürlich darüber nerven, dass Father John Misty jeden kritischen Kommentar über sich gleich auch noch vorwegnehmen will, bis alles in einem Meer von Ironie ertränkt ist. Oder man anerkennt, dass Tillman gerade das Gegenteil davon will.

«Does Humor Belong in Music?», fragte Frank Zappa einst suggestiv in einem Albumtitel. Die Geburt von Father John Misty ist ein emphatisches Ja zu dieser Frage. Nachdem Joshua Tillman als junger Mann vor seinen evangelikalen Eltern nach Seattle geflüchtet war und sich eine Weile als Tellerwäscher durchgeschlagen hatte, spielte er Schlagzeug bei den Fleet Foxes und veröffentlichte einige Alben als J. Tillman – depressive Folksongs mit impressionistischen Texten oder einfach poetischer Nonsens, wie er das heute nennt. Darum ist Father John Misty nicht nur irgendeine absurde Figur, sondern eine Annäherung an die Absurdität der Existenz, mit der sich alle identifizieren können.

In «Ballad of the Dying Man» liegt ein Selbstgerechter, also ein bisschen einer wie Tillman, auf dem Sterbebett und ist plötzlich ganz nackt. Während er sich noch fragt, wer denn jetzt all die «Homophoben, Hipsters, ein Prozent und falschen FeministInnen» entlarven wird, wenn er nicht mehr ist, und ein letztes Mal seinen Newsfeed prüft, dämmert es ihm: «Wir gehen so ahnungslos, wie wir gekommen sind.» Father John Misty will immer wieder zurück aus der Arroganz der abstrakten Analyse und hinab zum banalen Rest, der darunterliegt.

Das erinnert an «Holy Shit» von «I Love You, Honeybear» (2015), seinem Meisterwerk über die Liebe zur Fotografin Emma Elizabeth Tillman, mit der er seit 2013 verheiratet ist. Die Liebe, heisst es dort, sei bloss eine aus menschlicher Schwäche geborene Institution oder auch eine von Ressourcenknappheit getriebene Ökonomie, aber: «Ich sehe nicht, was das mit dir und mir zu tun hat.» Was Tillman auf «Honeybear» mit der Liebe gemacht hat, macht er nun auf «Pure Comedy» mit der Politik.

Doch zuerst wirkt alles schrecklich hoffnungslos. Der Titelsong ist eine sarkastische Abrechnung mit der gesamten Menschheit, deren Geschichte er als eine chaotische, grausame und ganz und gar sinnlose Horrorshow beschreibt. Erlösung bringt nicht einmal die Revolution. In «Things It Would Have Been Helpful to Know before the Revolution» haben die Menschen im Angesicht der ökologischen Katastrophe das System gestürzt und wandeln jetzt etwas verloren durch die Stadt und merken: Es ist dann doch etwas langweilig so ganz ohne Proteste, Partys und Werbung.

Liebesbrief an die Menschheit

Spätestens am Schluss gelangen wir zu einem richtigen Leben im Falschen, zumindest dem Gefühl nach. Er habe irgendwo gelesen, dass dieses menschliche Experiment in zwanzig Jahren oder so sein gewalttätiges Ende erreichen werde, singt Father John Misty in den letzten Zeilen des Albums. «Aber ich schaue dich an, während unsere zweite Runde Drinks kommt», im Hintergrund spielt der Pianist «This Must Be the Place» von den Talking Heads und «es ist ein Wunder, am Leben zu sein.»

Tillman versteht «Pure Comedy» als Liebesbrief an die Menschheit. Darum auch all die Abgründe, denn: «Man gibt sich ja keine Mühe, etwas infrage zu stellen, was man nicht liebt.» Wir können Father John Misty so hören wie er die Talking Heads in jener Szene: als Gegengift gegen den Zynismus.

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