Nr. 15/2016 vom 14.04.2016

Lotteriegelder gegen das Desaster mit der Gülle

Seit über dreissig Jahren versucht der Kanton Luzern, den mit Gülle überdüngten Baldeggersee zu sanieren – und trotzdem geht dem See die Luft aus. Die Chronologie eines agrarpolitischen Systemfehlers.

Von Robert Müller (Text und Foto)

Berufsfischer Andreas Hofer auf dem Baldeggersee. Seit Jahrzehnten wird hier das Verursacherprinzip ausgehebelt.

Berufsfischer Andreas Hofer fährt dem Ufer entlang und wirft grobmaschige Netze für den Hechtfang aus. Am andern Tag will er den Fischen den Laich abnehmen und in Zuchtbecken aufziehen. Das macht er auch mit den Felchen, die sich im sauerstoffarmen Baldeggersee nicht fortpflanzen können. «Erst wenn die natürliche Verlaichung der Felchen wieder gelingt, ist der See gesund», sagt Hofer, «aber davon sind wir noch weit entfernt.»

Der Baldeggersee zwischen den grünen Hügeln im Luzerner Seetal sieht idyllisch aus: keine verbauten Ufer, kein Rummel mit privaten Motorbooten. Nur Andreas Hofer und sein Bruder dürfen als Fischereipächter über den See fahren. Der See gehört seit 1942 Pro Natura – er ist ein Naturschutzgebiet.

Warnung: Burgunderblutalgen!

Hofer fährt in die Mitte des Sees und zeigt auf eine von mehreren Bojen. Rundherum steigen Luftblasen aus dem Wasser. Sie stammen aus Diffusoren, die in 65 Meter Tiefe Druckluft ausblasen. «Zwangszirkulation des Wassers» nennt sich das. Und noch etwas weist darauf hin, dass mit dem See etwas nicht stimmt: Beim Weiler Retschwil steht ein grosser Sauerstofftank. Der See leidet schon seit Jahrzehnten unter zu hohen Phosphoreinträgen, die aus den massiv überdüngten landwirtschaftlichen Böden ausgewaschen werden. Sie sind für das übermässige Algenwachstum und den Sauerstoffmangel verantwortlich. Deshalb wird der See jeweils im Sommer mit Sauerstoff beatmet.

Andreas Hofer ist nicht nur Berufsfischer, sondern auch Vorstandsmitglied von Pro Natura Luzern und grüner Kantonsrat. Im letzten Dezember hat er einen Vorstoss mit vielen Fragen über den Zustand des Sees eingereicht. Der Grund: 2015 ging dem Baldeggersee die Luft aus.

Dafür gibt es mehrere Ursachen. Zum einen war der Winter 2014/15 zu warm, sodass sich das Wasser nicht mehr auf natürliche Weise mit Sauerstoff anreichern konnte; zum andern zahlt der Kanton seit 2012 aus Spargründen nichts mehr an die künstliche Seebelüftung.

Im Frühling 2015 gab es die ersten Alarmzeichen. Im See wuchsen Burgunderblutalgen. Sie gedeihen im überdüngten Wasser besonders gut. Wenn sie absterben, sinken sie auf den Grund und werden von Bakterien abgebaut, die den Sauerstoff aufzehren. Dabei setzt ein fataler Prozess ein: Im sauerstofflosen Wasser werden Phosphoreinlagerungen aus früheren Jahrzehnten rückgelöst. Der See beginnt, sich selbst zu düngen.

Ab dem Sommer 2015 war die Wasserschicht bis drei Meter über dem Grund sauerstofffrei. Das gab es seit dreissig Jahren nicht mehr. Der für die Seesanierung zuständige Gemeindeverband musste notfallmässig zusätzlichen Sauerstoff in den See pumpen. Die Mehrkosten betrugen 70 000 Franken.

Und was tut der Kanton? WOZ-Recherchen zeigen: Die Finanzierung dieser Mehrkosten nimmt einen Verlauf, den man als überaus originell bezeichnen kann – der Kanton zahlt das Geld wegen seiner leeren Kassen auf Antrag des Gemeindeverbandes aus dem Lotteriefonds.

Höchste Schweinedichte

«Das darf doch nicht wahr sein, dass sich der Kanton aus diesem Topf bedient», empört sich Andreas Hofer, «die Sanierung des Baldeggersees ist eine Staatsaufgabe, die aus dem ordentlichen Budget finanziert werden muss.» Doch der Kanton winkt ab. In einer schriftlichen Stellungnahme schreibt er: «Die Verwendung von Lotteriegeldern (…) entsprach den gesetzlichen Rahmenbedingungen.»

Die umstrittene Finanzspritze ist nur ein Tiefpunkt in der von Hoffnungen und Enttäuschungen geprägten Seesanierung. Die Probleme reichen weit zurück. Ab 1900 kippten Dörfer und die Industrie im grossen Stil ihre Abwässer in den See. In den siebziger Jahren wurde das mit Abwasserreinigungsanlagen gestoppt. Doch dem See ging es nicht besser. Denn ab 1960 hatte die massive Intensivierung der Landwirtschaft den See mit einer nie gesehenen Gülleschwemme geflutet. Auch der Sempacher- und der Hallwilersee waren betroffen. Ihnen geht es mittlerweile besser – der Baldeggersee bleibt ein Sorgenkind.

Bei den Überdüngungen spielt die Agrarpolitik eine zentrale Rolle. Das zeigt die Umwelthistorikerin Bettina Scharrer vom Centre for Development and Environment der Universität Bern in ihrer 2013 publizierten Lizenziatsarbeit. In der vor einem Monat mit einem Forschungspreis ausgezeichneten Arbeit «Dem Sempachersee kommt die Gülle hoch» liefert Scharrer neue Erkenntnisse über die Landwirtschaftspolitik, die ab den sechziger Jahren von den BäuerInnen mehr Produktivität in der Tierhaltung verlangte.

Der Kanton Luzern spielte mit, besonders massiv in der Schweinehaltung. Mit 425 000 Schweinen ist der Kanton landesweit Spitzenreiter, die Region um die Mittellandseen, auch «Schweinegürtel» genannt, hat die höchste Schweinedichte der Schweiz. Allein im Einzugsgebiet des Baldeggersees leben mehrere Zehntausend Sauen, breit verteilt auf mittelgrossen Betrieben.

Die Intensivierung funktionierte über die «innere Aufstockung». Darunter versteht man einen Ausbau der teils oder ganz bodenunabhängigen Masttierhaltung auf der Basis von zugekauften, importierten Futtermitteln. «Der Boom war gewaltig», sagt Bettina Scharrer, «doch mit mehr Futtermitteln wurde auch mehr Gülle produziert. Dabei fehlten aber die Landflächen, um die Gülle umweltgerecht auszutragen.» Die Bauern taten es dennoch, und so wurden in den Boomjahren die Böden und auch die Seen tonnenweise mit Phosphor überdüngt. Dazu muss man wissen: Schweinegülle enthält besonders viel Phosphor.

Bei der Lösung der Seeüberdüngung spielen die VertreterInnen der Intensivhaltung eine entscheidende Rolle. Es gelang ihnen, über Jahrzehnte hinweg trotz künstlich belüfteter Seen die hohen Tierbestände zu halten und sich für Düngereinschränkungen entschädigen zu lassen. «So konnten die Folgekosten für überdüngte Böden und somit für die Verschmutzung der Allmendressource Wasser der Allgemeinheit aufgebürdet werden.»

Die Konsequenzen waren heftig. Vor über drei Jahrzehnten starben Hunderttausende Fische. Doch eine Reduktion der Tierbestände, wie sie von GewässerbiologInnen, Pro Natura und von Links-Grün gefordert wurde, blieb chancenlos. Denn neben den TiermästerInnen und ihren Verbänden, so hat Scharrer festgestellt, profitieren auch die Futtermittel- und die Fleischindustrie von der intensiven Tiermast: «Die Beteiligten waren sehr gut vernetzt. Noch 1991 schafften sie es bei der Revision des Gewässerschutzgesetzes, für Aufstockungsbetriebe Ausnahmen zu erwirken, um die hohen Tierbestände erhalten zu können.»

Die Profiteure der Misere

Selbst der ökologische Leistungsnachweis, der mit den Direktzahlungen verknüpft wird, bleibt ein schwacher Hebel. Das zeigt der jüngste Versuch des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW). 2013 wollte es im Rahmen der Direktzahlungen das Güllen einschränken. Das jedoch bekämpfte der Luzerner Bauernverband vehement und bekam dabei Unterstützung vom kantonalen Landwirtschaftsamt. Der Bauernverband wollte sogar sämtliche Güllevorschriften kippen. Pro Natura hingegen verlangte noch schärfere Einschränkungen, und so blieb letztlich alles beim Alten. «Im Sinn eines Kompromisses haben wir auf die Verschärfungen verzichtet», sagt Victor Kessler vom BLW.

Man darf das als Sieg der Tiermastlobby interpretieren. «Wir haben die Verschärfungen bekämpft, weil sie für uns im Vergleich zu Bauern in andern Landesteilen zu einem Standortnachteil führen würden», sagt Stefan Heller, Geschäftsleiter des Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverbands. Einen Erfolg verbuchte das BLW dennoch: Nicht mehr alle BäuerInnen bekommen Anreizzahlungen, wenn sie überschüssige Gülle in andere Landesgegenden verfrachten, also «Gülletourismus» betreiben.

Davon betroffen ist auch der Jungbauer Konrad Jund. Er hält achtzig Zuchtsauen, daneben produziert er mit Rindern Weide-Beef für die Migros sowie Erdbeeren und etwas Getreide.

Sein Hof liegt in Römerswil, im Einzugsgebiet des Baldeggersees. «Ich muss zwanzig Prozent meiner Gülle wegbringen», erzählt Jund. «Dafür bekam ich bisher 2000 Franken – doch für dieses Jahr ist mir der Beitrag gestrichen worden.»

Überhaupt ist Jund verärgert. Er ist überzeugt, dass die heutige Bauerngeneration keine Schuld an der Überdüngung des Baldeggersees trifft: «Das Problem sind die Altlasten aus früheren Jahrzehnten; es ist falsch, mit dem Finger auf uns Bauern zu zeigen.»

Leer geht Konrad Jund trotzdem nicht aus. Wie die meisten BäuerInnen hat er mit dem Kanton im Rahmen von «Phosphorprojekten» einen freiwilligen Seevertrag abgeschlossen: Wenn er insgesamt weniger und im Winter gar keine Gülle austrägt sowie leicht grössere Pufferstreifen bei Gewässern und Wegrändern einhält, bekommt er Entschädigungen (150 Franken pro Hektare).

Diese Freiwilligkeit ist erklärte Strategie des Kantons Luzern. Franz Stadelmann von der Dienststelle Landwirtschaft und Wald bestätigt: «Nicht die Reduktionen bei den Tierbeständen, sondern Einschränkungen bei der Phosphordüngung sollen im Zentrum stehen.» Und er weist auf die Bedeutung der Landwirtschaft im Kanton hin: Sie erzielt eine Wertschöpfung von rund einer Milliarde Franken, wovon siebzig Prozent aus der Tierhaltung stammen.

Im Klartext: Der Kanton verzichtet politisch aus Rücksicht auf die Einkommen bei den Tiermästern auf schärfere Massnahmen. Der Preis dafür ist hoch. Für die Sanierung der Mittellandseen haben die SteuerzahlerInnen schon über hundert Millionen Franken bezahlt.

Bei Pro Natura als Eigentümerin des Sees sitzt der Frust tief. «Der Kanton Luzern fährt immer noch die Anreizschiene, obschon es nie ein Monitoring über den Erfolg der freiwilligen Massnahmen gab», sagt Samuel Ehrenbold, Geschäftsführer von Pro Natura Luzern. Und Berufsfischer Andreas Hofer doppelt nach: «Es hätte politische Entscheidungen gebraucht, die den Mästern wehtun. Doch das Gegenteil ist passiert: Die Mäster bekommen Geld, damit sie den See nicht noch mehr kaputtmachen. Sie verdienen sogar mit der ganzen Misere, statt dass sie für den Schaden geradestehen müssten.»

Schwer verdauliche Mengen

Jetzt nimmt der Kanton einen neuen Anlauf. Dieses Jahr soll ein Forschungsprojekt starten mit dem Ziel, jene Flächen auszuscheiden, aus denen am meisten Phosphor in den See gelangt.

Die Phosphorkonzentrationen im See seien zwar unter einen bestimmten Zielwert gesunken, sagt Werner Göggel von der Dienststelle Umwelt und Energie des Kantons. «Doch die Einträge vor allem aus der Landwirtschaft sind immer noch doppelt so hoch wie für den See verträglich.» Gegenwärtig sind es 4,5 Tonnen pro Jahr – der See «verdaue» aber nur 2,2 Tonnen. Mit der Seebelüftung werde der Baldeggersee bloss im Gleichgewicht gehalten; um ihn gesunden zu lassen, müsse der Phosphoreintrag mindestens halbiert werden.

Man könnte mit dem Güllen auch ganz aufhören. ForscherInnen der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz haben ausgerechnet, dass in einigen Böden so viel Phosphor eingelagert ist, dass die Nutzpflanzen dreissig oder mehr Jahre davon zehren könnten – ohne einen einzigen Tropfen zusätzliche Gülle.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Lotteriegelder gegen das Desaster mit der Gülle aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr