Nr. 16/2016 vom 21.04.2016

Zwischen Resignation, Verzweiflung und Zuversicht

Vor sechs Jahren erhielt Comiczeichner Reto Gloor die Diagnose Multiple Sklerose. In «Das Karma-Problem» erzählt er nun von seinem Umgang mit der Krankheit.

Von Silvia Süess

Zehn Jahre arbeitete Reto Gloor als Zeichenlehrer, dann wagte er den «Sprung ins Leere» und kündigte seine Stelle: «Von jetzt an war ich Comiczeichner und Autor.» Doch es kam ganz anders, als es sich der in Basel wohnende Aargauer Zeichner vorgestellt hatte. Im Frühling 2010, kurz nach seiner Kündigung, erhielt er eine Diagnose, die sein Leben völlig veränderte: Multiple Sklerose. Die Symptome der unheilbaren Krankheit hatte Gloor schon länger gespürt: Er hatte Mühe, mit der Feder, dem Pinsel oder dem Bleistift eine gerade Linie zu zeichnen, manchmal rutschten ihm Gegenstände aus der Hand, und er war schnell erschöpft.

In der Graphic Novel «Das Karma-Problem» erzählt Gloor nun, wie die Diagnose ihm den Boden unter den Füssen wegzog. In klaren, schlichten schwarz-weissen Bildern mit stellenweise petrolblau eingefärbten Flächen zeichnet er nach, wie er verzweifelt bei allen möglichen alternativen Ärztinnen, Heilern und Gurus Rat und Hilfe suchte, wie er in eine Depression stürzte, wie seine Partnerschaft auf die Probe gestellt wurde und wie er schliesslich in eine finanzielle Notlage geriet. Denn: «Niemand hatte auf mich als zukünftiger Star-Autor gewartet. Mein Zeichenstil war ‹trop retro›.» Drei Jahre nach der Diagnose beschliesst er schliesslich, «meinem Leben wieder Sinn zu geben, und diese Geschichte aufzuzeichnen». Seine Krankheitsgeschichte zeichnet er nicht mehr mit Feder und Tusche, wie er das in seinen früheren Arbeiten wie «Matter» (1992) und «Meyer & Meyer» (1996) machte, sondern am Computer.

Das Buch hätte eine Dokumentation seiner Heilung werden sollen, schreibt Gloor. Das ist es nicht geworden. Dafür ist «Das Karma-Problem» ein eindrückliches Dokument über seinen Umgang mit der unheilbaren Krankheit und sein ständiges Pendeln zwischen Resignation, Verzweiflung und Zuversicht.

Der Autor liest in Solothurn am Fr, 6. Mai 2016, 11 Uhr.

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