Nr. 19/2016 vom 12.05.2016

Koyaanisqatsi – das Update

Von Franziska Meister

Vom Volk der Cree aus den weitläufigen Wäldern im Nordwesten Kanadas ist eine Prophezeiung überliefert. Aufgezeichnet von weissen Siedlern, die sich um 1870 an der Mündung des Clearwater River in den Athabasca niedergelassen hatten: «Es werden bleiche Männer kommen, die dem schwarzen Leim im Sand verfallen, mit dem wir die Kanus vor dem Wasser schützen. Sie werden tiefe Löcher in den Sand graben und Bäume fällen, immer weiter ins Land hinein, bis eine riesige graue Wüste zurückbleibt, übersät mit Narben aus giftigen Wasserlöchern. Heisse Winde werden aufkommen, die Luft wird zu zittern und zu glühen beginnen. Eine Wand aus Feuer wird über das Land fegen bis vor die Tore der Siedlung am Fluss. Und die Menschen werden schreiend davonrennen, die Augen blind und der Atem brennend vor Rauch.»

Vor wenigen Tagen – wir schreiben den 12. Mai 2016 – musste Fort McMurray im Nordwesten Kanadas evakuiert werden – Feuersbrünste drohen die Stadt zu verschlingen. Noch hundert Jahre nach seiner Gründung zählte der Ort kaum 7000 EinwohnerInnen. Dann setzte der Ölsandboom ein: 1980 lebten über 30 000 Menschen dort, bis letzte Woche über 70 000. Der Ölsand-Tagbau hat Tausende von Quadratkilometern umgepflügter Hügel hinterlassen, dazwischen Absatzbecken mit Wasser voller Öl-, Schwermetall- und Säurerückständen.

Fort McMurray liegt weitab der Zivilisation inmitten des borealen Waldgürtels, der die nördliche Hemisphäre unterhalb des Polarkreises umspannt. In ihm ist fast ein Drittel des weltweiten Kohlenstoffs gespeichert. Doch manifestiert sich im Nordwesten Amerikas die Klimaerwärmung besonders deutlich: Die frostfreie Periode hat sich seit den 1950er Jahren um über einen Monat verlängert, die Trockenheit nimmt zu. Als Folge verdoppelte sich seither nicht nur die Zahl der Wildfeuer, sondern auch die jährlich zerstörte Waldfläche. Allein zwischen 2000 und 2009 schleuderten die Waldbrände doppelt so viel CO2 in die Atmosphäre wie in den fünf Dekaden zuvor. Seit ein paar Jahren treten heimtückische Torffeuer auf, die monatelang weiterschwelen und ebenfalls gigantische Mengen an CO2 in die Atmosphäre tragen. Ein Teufelskreis aus Klimaerwärmung und Waldbränden, der den Klimawandel noch beschleunigt.

Die Prophezeiung der Cree endet übrigens damit, dass die Menschen die Warnung der Götter in den Wind schlagen, zurückkehren und weitermachen wie bisher. Womit sie eine gewaltige Feuersbrunst heraufbeschwören, die alles Leben vernichtet.

Die Prophezeiung der Cree ist der Fantasie der Autorin entsprungen und lehnt sich an die Untergangsprophezeiung der Hopi im Film «Koyaanisqatsi» an.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch