Nr. 19/2016 vom 12.05.2016

Kulturpatriotismus im Auftrag des Staats

Polens neue Regierung fördert massiv vor allem patriotische und historisierende Kultur und streicht progressiven Projekten die Unterstützung. So flankiert sie den politischen Rechtsrutsch.

Von Jan Opielka, Gliwice

Als Symbol für Polens neue Kulturpolitik eignet sich kaum etwas besser als der lange Disput um «Ida». Der 2015 mit einem Oscar gekrönte Spielfilm von Regisseur Pawel Pawlikowski wird von vielen polnischen und ausländischen KritikerInnen nicht erst seit der US-Auszeichnung als Meisterwerk gewertet. In Polen selber ist seit den Wahlen vom Herbst die nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) alleine an der Macht. Ihr sind Filme wie «Ida», in dem die Rolle von Teilen der polnischen Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg mitunter kritisch gezeigt wird, ein Dorn im Auge. «‹Ida› hat mir nicht besonders gefallen. Der Film hat nicht sonderlich für Polen geworben, sondern ein eher negatives Bild gezeichnet», urteilte Polens Regierungschefin Beata Szydlo.

Bei Worten ist es nicht geblieben. Als der öffentlich-rechtliche TV-Sender TVP, dessen Leitung die PiS in einem eilig beschlossenen Gesetz im Januar ausgetauscht hatte, Ende Februar in seinem zweiten Programm «Ida» ausstrahlte, liefen im Vorspann des Films kommentierende Informationen, die nicht zum Film gehörten. Darunter waren Hinweise, dass viele PolInnen während des Zweiten Weltkriegs Jüdinnen und Juden gerettet haben. Die Infos galten als vermeintlicher Gegenpol zu dem im Film gezeigten polnischen Landwirt, der die Eltern der Protagonistin ermordet, das kleine jüdische Mädchen aber verschont. Die Gilde polnischer Regisseure bezichtigte die TVP-Leitung daraufhin einer «ideologischen Interpretation, die dem Zuschauer die einzig richtige Art der Wahrnehmung aufdrängt».

Glinskis Macht

Filme wie «Ida» entstanden bisher mithilfe des staatlichen Polnischen Instituts für Filmkunst (PISF), das unter polnischen KritikerInnen als massgeblich für den Aufschwung des polnischen Films gilt. Inzwischen wurden viele Positionen, die beim PISF Projekte bewerten, neu besetzt – teilweise durch PiS-nahe Fachleute. Diese ExpertInnen werden künftig direkt vom Ministerium für Kultur und nationales Erbe bestimmt, an dessen Spitze Piotr Glinski steht.

Soziologe Glinski ist im Kabinett Szydlo zugleich Vizepremierminister, was ihm eine exponierte Position sichert. In vielen politischen Bereichen hat die Regierung bereits die nationale Wende vollzogen, und die neue Kulturpolitik soll diese flankieren – indem sie auf Geschichte und Traditionen fokussiert. Zu den Prioritäten zählen künftig der Bau des Museums der Geschichte Polens, die Stärkung der «Geschichtspolitik» und die Förderung «von ein bis zwei Filmgrossproduktionen, die das Wissen um die polnische Geschichte befördern sollen». Mehr Geld soll es für das Programm «Patriotismus der Zukunft», die Feiern für das Hundertjahrjubiläum der Erlangung der Unabhängigkeit Polens im Jahr 1918 und den Denkmalschutz geben. Doch nicht alle Denkmäler fallen darunter: jene landesweit rund 500, die an den Sieg der Roten Armee über das nationalsozialistische Deutschland 1945 erinnern, werden abgebaut.

Auch in vielen Kulturinstitutionen wurde bereits das Führungspersonal ausgetauscht, etwa im Buchinstitut, wogegen viele namhafte Schriftstellerinnen, Übersetzer und Kulturschaffende vergeblich bei Glinski protestierten. Mit dem Wandel bei den staatlichen Institutionen geht eine Kurskorrektur bei der Förderung nichtstaatlicher Einrichtungen einher. Freischaffende KünstlerInnen, unabhängige Institutionen und Kulturstiftungen müssen sich darauf einstellen, dass bei der Förderung durch den Staat nun andere Kriterien gelten. «Es gibt keinen Grund, dass Gruppen, die zum Abbau polnischer Kultur, Tradition und Identität beitragen, so wie bisher favorisiert werden», kündigte Glinski bereits vor Monaten an.

Vielen progressiven Publikationen an der Schnittstelle zwischen Kultur und Politik strich das Kulturministerium in diesem Jahr die Zuschüsse, im Gegenzug erhielten konservative oder PiS-nahe Publikationen Gelder. Und eine andere Initiative erhielt den höchsten Zuschuss im Leseförderprogramm. Es handelt sich dabei um ein Programm im klerikalen TV-Sender Trwam.

Das Flugzeugunglück von Smolensk

BeobachterInnen hatten zunächst auch für die Theater einen massiven Kurswechsel befürchtet, zu dem es bislang aber nicht gekommen ist. Denn nicht alle Schauspielhäuser unterliegen direkt dem Kulturministerium, viele sind unter der Obhut von regionalen Bezirksregierungen. Darunter ist auch das Schlesische Theater im südpolnischen Kattowitz. Der polnische Dramatiker und Regisseur Ingmar Villqist hat dort vor einigen Jahren das kontrovers diskutierte Stück «Liebe in Königshütte» inszeniert. Darin ging es um ein Internierungslager, in dem polnische Behörden nach dem Zweiten Weltkrieg Volksdeutsche zu Tode quälten. Wie wird es künftig um solche Stücke stehen? «Die Theaterszene ist sehr solidarisch und in der Lage, politischen Druck abzuwehren», sagte Villqist zu Beginn des Jahres.

Diese Freiheit können jedoch nicht alle bewahren. Katarzyna Janowska, bisherige Chefin des öffentlich-rechtlichen TV-Kultursenders TVP Kultura, der mit einem Jahresbudget von umgerechnet fünf Millionen Euro ein beachtliches Kulturprogramm bot, schmiss zum Jahresende ihren Job hin. Viele ihrer KollegInnen vor allem in Nachrichtensendungen der TVP-Familie wurden entlassen. Laut einem Ende April eingebrachten Mediengesetz soll der öffentlich-rechtliche Rundfunk nun in «nationale Medien» umbenannt werden – und die dazu passenden Inhalte liefern. Die Journalistin Janowska sieht in der neuen Kultur- und Geschichtspolitik indes ein Spiegelbild der in zwei gebrochenen polnischen Gesellschaft: «Und seit der Katastrophe von Smolensk vertieft sich dieser Bruch dramatisch.»

Tatsächlich bildet das Flugzeugunglück von Smolensk, bei dem 2010 Präsident Lech Kaczynski und über neunzig meist hochrangige Personen des öffentlichen Lebens starben, so etwas wie die neue Identitätsachse für die nationale Regierung und ihre AnhängerInnen. In Warschau und in anderen Städten sollen künftig mehrere Denkmäler zum Gedenken an die Absturzopfer entstehen, und bereits im April hätte die Katastrophe als Spielfilm in die Kinos kommen sollen. Der mit Spannung erwartete Film «Smolensk», so suggeriert es der Trailer, baut auf die Theorie, bei dem Absturz handle es sich womöglich nicht um ein Unglück, sondern um eine Verschwörung – auch viele PolitikerInnen der PiS glauben daran, der Verteidigungsminister lässt den Absturz neu untersuchen.

Den Antrag der «Smolensk»-Macher auf finanzielle Förderung durch die PISF hatte das Institut 2014 noch abgelehnt. Die Gelder mussten anderweitig gesammelt werden, auch mit Kleinspenden. Unter anderem deswegen wurde die Premiere inzwischen auf unbestimmte Zeit verschoben. Künftig wird die Regierung solche Fauxpas nicht mehr zulassen – die dazu notwendigen Institutionen und Gelder hat sie für die nächsten Jahre in ihrer Hand.

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