Nr. 20/2016 vom 19.05.2016

Metal als riesiger Kindergeburtstag

Die japanische Konzeptband Babymetal mischt schrillen Idolpop mit rabiatem Metal. Mit ihrem aggressiven Postmodernismus ist die japanische Popindustrie der unsrigen einen guten Schritt voraus.

Von David Hunziker

Erfolgreicher Kontrast zwischen brutal und süss: MoaMetal (16), Su-Metal (18) und YuiMetal (16) an einem Festival in Leeds im Sommer 2015. Foto: Andrew Benge, Getty

Theoretisch gibt es gute Gründe, Babymetal zu hassen. Die japanische Band verkörpert ziemlich genau das Gegenteil des Ideals alternativer Musikkultur: von einem Konzern kontrollierte Castingkunst, von oben konzipiert statt von unten inspiriert. Doch Babymetal ist auch eine popkulturelle Zumutung im besten Sinn: das erstaunliche Produkt einer japanischen Kulturindustrie, die in ihrem aggressiven Postmodernismus auch vor der Popularisierung eines so peripheren Genres wie dem des Technical Death Metal nicht zurückschreckt.

Wer mit dieser Mischung aus rabiatem, von einer hervorragenden Begleitband gespieltem Metal und schriller japanischer Idolkultur (vgl. «Problematische Idole» im Anschluss an diesen Text) konfrontiert wird, ist zuerst einmal irritiert. Babymetal spielen mit dem Kontrast zwischen brutal und süss, der unter dem Namen «Kawaii Metal» (vom japanischen Wort für «süss» oder «liebenswert») mittlerweile als eigenes Genre mit weltweiten Ablegern bewirtschaftet wird. Doch die Band fügt dem Metal damit nicht nur eine exotische Note hinzu, sondern stellt den verkrampften Umgang der westlichen Popkultur mit dem Metal bloss.

Die Umpolung der Schlacht

«Road of Resistance», den ersten Song des kürzlich erschienenen Babymetal-Albums «Metal Resistance», muss man sich zuerst einmal anschauen. In einem Videomitschnitt inszeniert die Band das Stück auf einer riesigen Stadionbühne. Die achtzehnjährige Frontsängerin Suzuka Nakamoto alias Su-Metal tritt in einem puppenhaften Kostüm an den Rand der Bühne und dirigiert das Publikum mit einer langsamen, aber bestimmten Armbewegung auseinander. Als das Schlagzeug loshämmert, stürmen die Fans wie wild aufeinander los. Diese Massenchoreografie, im Metaljargon als «Wall of Death» bezeichnet, wird an Babymetal-Konzerten auch von Fans mitgemacht, die zuvor noch nie ein Metalkonzert besucht haben. Was in seinem ursprünglichen Kontext an eine Schlacht aus «Braveheart» erinnert, wird spielend zu einem riesigen Kindergeburtstag umgepolt.

Wie ihre Fans wurden auch die drei Sängerinnen von Babymetal anfangs ins kalte Wasser geworfen: Als sie 2010 zum ersten Mal für die Band auf einer Bühne standen, waren sie im Schnitt gerade mal elf Jahre alt und hatten noch nie zuvor einen Metalsong gehört. Die Band ist ein typisches Produkt der japanischen Popindustrie: konzipiert und kontrolliert von einem ominösen Produzenten namens Kobametal, der kaum öffentlich in Erscheinung tritt; gemanagt von einem Unterhaltungskonzern, der von Ausstellungen traditioneller japanischer Malerei über TV-Shows bis zu Wrestlingkämpfen jede erdenkliche Form von Kultur vermarktet.

Geschätzte fünfzehn Stile

Trotz der Produktionsmaschinerie, die hinter Babymetal steht: Komponiert und eingespielt werden die Werke der Band von angesehenen japanischen Musikern. Unter ihnen ist etwa Takeshi Ueda, der Kopf hinter der Hardcoreband The Mad Capsule Markets, die für ambitionierte elektronische Experimente bekannt ist. Die unzähligen Komponisten und Arrangeurinnen, die am Projekt beteiligt sind, mischen geschätzte fünfzehn Metalstile wahlweise mit Dubstep, Skagitarren, aggressiven Breakbeats, Eurotrash und sogar Hip-Hop. Das macht «Metal Resistance» zu einem über weite Strecken amüsanten, wenn auch klanglich eher sterilen Ritt durch die jüngere Metalgeschichte.

Im Detail aber zeigt sich, wie raffiniert die Produzenten dabei zu Werke gingen. Etwa indem sie Herman Li und Sam Totman, die Gitarristen der britischen Metalband Dragonforce, für den ersten Song des Albums als Gastmusiker verpflichteten. Die virtuosen Läufe ihrer beiden Gitarren haben sie den quietschenden Arpeggi abgeschaut, die japanische Videospielkomponisten Anfang der achtziger Jahre den primitiven Soundchips ihrer Acht- und Sechzehn-Bit-Computer entlockten. Dieser Methodik verdankt die Band die Wortschöpfung «Nintendo-Metal». Mit dem Auftritt von Li und Totman sind diese Klänge wieder in die japanische Popkultur zurückgekehrt.

Das Konzept der Band kommt an: Schon lange spielen Babymetal vor Zehntausenden Fans, in den britischen und US-Charts stieg das Album jeweils in den Top 50 ein. Auch vom Grossteil der Metalpublizistik wird der zunächst als Attraktion zur Schau gestellte Import aus Japan weitgehend mit offenen Armen empfangen. Prominente Metalbands stellen regelmässig Selfies mit den drei Mädchen ins Netz; wohl auch wegen der riesigen kommerziellen Bedeutung des japanischen Markts, auf dem noch immer nahezu achtzig Prozent der Musik in Form von physischen Tonträgern verkauft werden.

Auch Bieber ist ein Metalbaby

Doch die Bedeutung von Babymetal wird durch die anfängliche Irritation sichtbar. Was uns als schräges Bandkonzept erscheint, wird in Japan wohl in dieser Sekunde bereits wieder übertroffen. Die Voraussetzung dieser Irritation ist eine kulturelle Differenz, die der unterschiedliche Umgang mit Metal verdeutlicht: In Japan ein Stil unter anderen, hat er in der westlichen Popproduktion einen Teil seines Schockwerts bewahrt.

Das zeigte sich kürzlich wieder am Beispiel von Justin Bieber. Der Teeniepopstar mag Metal. Darum trägt er immer wieder mal ein Metallica-Shirt und gestaltete gar eines seiner Logos in einer Metaltypografie. Von der Szene wird er deswegen regelmässig angefeindet. Vielleicht erlaubte er sich auch darum kürzlich eine kleine Provokation: Dabei wurde seine Ankündigung am 1. April, ein Metalalbum zu veröffentlichen, sofort als Aprilscherz erkannt. In Japan, wo Babymetal längst ernst machen mit Teeniepop-Metal, hätte ein ähnlicher Scherz gar nicht erst funktioniert.

Babymetal in: Pratteln, Konzertfabrik Z7, Donnerstag, 2. Juni 2016.

Marketingindustrie

Problematische Idole

Bevor es Babymetal gab, hatte die japanische Idolkultur mit Metal nichts zu tun und war ausserhalb Japans zudem kaum bekannt. Die Idolkultur setzte in den sechziger Jahren mit dem Vertrieb von Boybandmusik ein. Heute sind die meisten Idole Mädchen, die von Talentagenturen aufgrund ihres Aussehens gecastet und vielseitig vermarktet werden. Dabei geht es nicht in erster Linie um Musik, sondern um die Verbreitung von repressiven Moralvorstellungen mit den Mitteln der Popkultur. Dementsprechend sind die unzähligen Girlgroups musikalisch meist uninteressant, dafür ökonomisch umso bedeutender: Seit 2010 ging der Japan Gold Disc Award, eine Auszeichnung für die meisten Plattenverkäufe innerhalb Japans, immer an eine der zwei erfolgreichsten Idolpopbands. Auf dem zweitgrössten Musikmarkt der Welt ist das ein lukratives Geschäft.

Die populärste Idolband heisst AKB48 und ist eine Marketingmaschinerie, wie man sie ausserhalb Japans kaum kennt. Die Band zählt über 130 Mitglieder, die in verschiedenen Gruppen organisiert sind. So kann AKB48 zugleich ein Konzert spielen, in einer Talkshow auftreten und Autogramme geben. Exemplarisch für den grausamen Kult der Jugend, der die Idolkultur dominiert, ist die Band Sakura Gakuin (japanisch für «Kirschblütenakademie»), aus der auch Babymetal entstand. Sobald die Mitglieder der Band mit sechzehn Jahren aus dem Primarschulalter kommen, werden sie an einer Graduierungsfeier aus der Band entlassen.

David Hunziker

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