Nr. 06/2021 vom 11.02.2021

Schwarze Magie

Wie religiös kann Popkultur sein? Black Metal ist eine aufreibende, atmosphärische Spielweise von Metal, aber auch eine Szene, die ihre subkulturelle Welt mit scheinbar bitterem Ernst verteidigt. Hinter den martialischen Bildern und Worten, Totenmasken und verworrenen Soundschichten zeigt sich ein Verlangen nach einer Erfahrung, die das Irdische sprengt.

Von David Hunziker

Tobias Möckl war neunzehn Jahre alt, als er anfing, in seinem Proberaum in ein eigenes Universum abzutauchen. «Black Metal spielt sich für mich in einer inneren Welt ab. Wenn ich diese Musik mache oder höre, sehe ich vor meinem inneren Auge Bilder, ganze Landschaften.»

Daneben führte er ein normales Leben, begann eine Lehre als Drucker, doch jede freie Minute verbrachte er in dieser Welt. «Abgesehen von Musik wusste ich eigentlich nie, was ich im Leben machen wollte, wo mein Platz war.» Kurze Zeit probte er auch mit zwei anderen Musikern, aber die Chemie stimmte nicht, und sowieso schien niemand um ihn herum so entschlossen wie er. «Ich spürte einen so starken Drang, Musik zu machen, dass ich es schlussendlich alleine machte.»

Paysage d’Hiver heisst die Band von Tobias Möckl, und sie besteht aus ihm ganz allein. Er ist mit ihr auch noch nie live aufgetreten, seine Welt hat er einzig durch Tonträger mit anderen geteilt. Doch nicht einmal das war immer klar. Nachdem sich kaum jemand für sein erstes Album, «Steineiche», interessiert hatte, nahm er sechs weitere auf, in erster Linie für sich selber. «Doch dann dachte ich daran, was für ein Verlust das für mich wäre, wenn ich meine liebsten Alben nie gehört hätte, weil sie nie veröffentlicht worden wären. Für den Fall, dass meine Musik irgendjemandem dort draussen ähnlich viel bedeuten könnte, habe ich sie veröffentlicht.»

Wir stehen vor einer frei stehenden alten Garage am Rand der Altstadt im bernischen Burgdorf. Doch vielleicht sollten wir gar nicht hier sein. Einfach eindringen in diese Welt und uns umsehen in der profanen Umgebung, in der diese Musik gemacht wird. Black Metal hat stets für sich reklamiert, mehr als bloss Musik zu sein. Für viele geht es dabei um eine Lebenshaltung, für einige gar um etwas Heiliges. Der Blick hinter dessen extravagante Kulissen hat also auch etwas von einer Entweihung.

Die spirituelle Dimension, ohne die Black Metal nicht zu denken ist, hat sich von Anbeginn der dunklen Seite verschrieben: der Kälte, der Einsamkeit, dem Tod, der Wut, dem Bösen. Wenig überraschend wirkt diese Welt auf die meisten unfreundlich oder geradezu abstossend. Es fing schon unglücklich an, damals Mitte der neunziger Jahre, als die Öffentlichkeit erstmals von Black Metal erfuhr: In Norwegen zündeten Mitglieder der Szene Dutzende Holzkirchen an und ermordeten sogar Menschen. Dass es in derselben Szene auch einen musikalischen Schatz zu heben gab, wird bis heute von Abscheu oder Faszination für die schwer fassbare Gewalt und die teilweise haarsträubenden Ansichten dieser Musiker überlagert. Doch die garstige Fassade ist auch Teil des Programms: Black Metal will nicht einfach gefallen; Zugang wird nur denen gewährt, die sich darauf einlassen.

Tobias Möckl öffnet eines der grossen Tore zur alten Garage und führt durch seine zugestellte Werkstatt. Volvos zu reparieren, hat er von seinem Vater gelernt, der Oldtimer für Strassenrennen präparierte. Hinter einem Kombi, den er gerade für seine Familie herrichtet, steht ein Exemplar von 1972, ausgehöhlt bis auf die Karosserie. Auf der Motorhaube liegt ein Stapel Covers für das Paysage-d’Hiver-Album «Im Wald»; damit hat er im vergangenen Frühling erstmals nach sieben Jahren wieder etwas veröffentlicht. «Das ist Ausschussware von den 1500 Hüllen, die ich hier selber geklebt habe», sagt der 42-Jährige. «Ich gehe immer an die Grenzen dessen, was ich selber machen kann.»

Seit sein Arbeitszimmer in der nahe gelegenen Wohnung als Schlafzimmer für seine beiden kleinen Kinder hergerichtet wurde, macht Tobias Möckl seine Musik mehrheitlich in dieser Werkstatt. In einer Ecke des Raums stehen ein Tisch mit einem Computer darauf, daneben ein Effektgerät mit Zifferndisplay und zwei abgewrackte Lautsprecher. Die Geräte, mit denen er Musik macht, fielen ihm immer irgendwie zu. Die Lautsprecher zum Beispiel habe seine erste Freundin mit fünfzehn mit einer Stereoanlage bekommen; darauf habe er fast alle Alben von Paysage d’Hiver abgemischt. An der Wand hängt seine Gitarre, ein billiges japanisches Modell aus den Achtzigern, das ein Schulfreund einmal von seiner Schwester geschenkt bekam. In seinem Proberaum in Bern stehen ausserdem ein kleiner Verstärker und zwei Synthesizer; viel mehr braucht es nicht. Wie er diese Musik alleine einspielt und am Computer produziert, hat mehr mit der Montagetechnik im Hip-Hop zu tun als mit einer Band. Das Schlagzeug etwa programmiert er mehrheitlich mit selbsteingespielten Samples.

Seit der Gründung von Paysage d’Hiver 1997 hat Tobias Möckl über vierzehn Stunden Musik veröffentlicht, verteilt auf ein gutes Dutzend Alben. Die meisten dieser Alben konnte man lange Zeit nur auf Kassetten hören, die er selber überspielte und auf direkte Bestellung verschickte. Ende der neunziger Jahre gab es hierzulande nur eine Handvoll Black-Metal-Bands, aber für die lokale Szene interessierte er sich sowieso kaum. «Ich ging schon manchmal an Konzerte, aber mit den Leuten dort konnte ich mich nie identifizieren.» Trotz ihrer knappen Verfügbarkeit erlangte seine Musik in der globalen Community über die Jahre ein ansehnliches Renommee.

1997 gründete Tobias Möckl nicht nur seine Band, es ging für ihn auch etwas zu Ende. In diesem Jahr erschien «Enthrone Darkness Triumphant», das dritte Album der norwegischen Band Dimmu Borgir. «Ich hörte die Platte erstmals im Chop Records in Bern und wusste sofort: Das ist der Moment, den ich erwartet hatte – damit war für mich die Magie des Black Metal gestorben.»

Dass der symphonische Sound von Dimmu Borgir immer eingängiger und sauberer wurde, die Band mehr Geld in die Produktion ihrer Alben und Videoclips investierte und damit auf einen globalen Markt schielte, wurde von vielen in der Szene als Sakrileg empfunden. Doch eigentlich ist nicht wichtig, wo man die Grenze zwischen innen und aussen zieht; entscheidend für den Black Metal ist, dass es sie gibt – entweder man ist drinnen oder draussen, true oder untrue. Schon 1994 hatte die Band Darkthrone ein Label auf ein Albumcover gedruckt, um sich auf der authentischen Seite zu verorten: «True Norwegian Black Metal».

Für Tobias Möckl hat diese Grenze mit Haltung zu tun, einem Bekenntnis zum Underground; ihm persönlich geht es aber vor allem um die Qualität der Musik selbst, um den künstlerischen Ausdruck. «Ich habe auch darum mein eigenes Projekt gestartet, um für mich die Magie dieser Musik zu bewahren. Der Black Metal ging damals in eine kommerziellere Richtung und orientierte sich mehr nach aussen, also habe ich die Musik, die ich hören wollte, einfach selbst gemacht.» Er ringt um Worte, um zu beschreiben, was für ihn die Magie ausmacht: «Es ist etwas, was dich in einen besonderen und abgehobenen Zustand versetzen kann. Wie eine Droge. Etwas, was dein Innerstes berührt und dich in seinen Bann zieht. Diese Magie entführt dich in eine überirdische Welt, die sich der westlichen Konsumgesellschaft völlig entzieht.»


Die Lautstärke ist anständig hoch, am besten auf Kopfhörern. Zunächst ist nur der Wind in den Bäumen zu hören, das Knacken von Holz. Dann wird die Ruhe jäh zerrissen: Ein sägender, unglaublich dichter Gitarrensound füllt auf einen Schlag das ganze Gehörfeld, darunter ist ein hektisches, gleichmässiges Klopfen zu hören. Lässt man sich auf das aufgekratzte Rauschen ein, zeichnen sich weitere Bewegungen ab: Beckenschläge, dramatische Trommelwirbel, das langsame, einfachen Melodien folgende Wogen des Gitarrenstroms. Die kreischende Stimme ist kaum zu hören, als drohe sie im überwältigenden Sound zu ertrinken, doch ihr Ton klingt kontrolliert. Dann, der Zähler ist nun bei knapp vier Minuten angelangt, erreicht das Drama seinen Höhepunkt: Ein perlendes Arpeggio aus dem Synthesizer schiesst oben aus. Ein Triumph.

So klingt der Anfang von einer dieser ausladenden Reisen von Paysage d’Hiver. «Im Winterwald» heisst das Stück, es ist das erste auf dem Album «Im Wald». Mit knapp zehn Minuten gehört es eher zu den kürzeren, doch das ganze Album erreicht eine wuchtige Länge von zwei Stunden. Das ist keine Musik, in die man kurz reinhört oder die im Hintergrund plätschert. Sie verlangt nach Versenkung und Hingabe, man stürzt sich hinein oder bleibt draussen.

Im Grunde passiert in den Stücken von Paysage d’Hiver nicht viel; Wechsel sind selten und meist subtil, die Anzahl der eingesetzten Elemente überschaubar. Wären da nicht die Grandezza ihrer Gesten und die hohe Intensität ihres Sounds, könnte man sie minimalistisch nennen. Dieser Sound ist, wenn man so will, geradezu schäbig. Die Konturen verschwimmen, die Instrumente sind kaum unterscheidbar, es fehlt die Übersicht. Doch für die unvergleichbare Wirkung ist gerade das entscheidend: Wir hören hier keine Band, die uns etwas mitteilen oder etwas mit uns erleben will; dafür tun sich andere Räume auf, der Boden unter den Füssen beginnt zu rutschen, der Horizont entweicht in scheinbar unendliche Weiten. Wer dieser Musik zuhört, wird von der alltäglichen Welt entrückt.

Als Tobias Möckl im frühen Teenageralter, nachdem er gerade erste Erfahrungen mit Heavy Metal gesammelt hatte, von einem Freund seiner älteren Schwester erfuhr, dass es verschiedene Härtegrade von Musik, dass es Speed, Thrash, Death und schliesslich Black Metal gab, wusste er: «Genau dort werde ich einmal landen.» Ein Schulfreund, mit dem er einige Jahre lang Metalplatten entdeckt hatte, stieg schon beim Death Metal aus. Als Tobias Möckl erste Black-Metal-Platten in die Finger kriegte – von Bekannten, im Plattenladen oder über Mailorder, deren Adressen er bei anderen Platten fand –, war das nicht Liebe auf den ersten Blick. Als er Burzum, auch so ein Kellerprojekt eines einzelnen Musikers aus Norwegen, zum ersten Mal hörte, packte ihn die Musik zwar sofort, aber der extreme Gesang schreckte ihn ab. «Trotzdem hat sie mich nicht losgelassen. Irgendwann hat es klick gemacht: Statt dass die Musik mich angriff, fühlte es sich plötzlich an, als würde durch sie etwas aus mir rauskommen. Das war wie ein riesiges Ventil für Dinge, die in mir wühlten.»

Was hat ihn an dieser Musik so angezogen? «Ich weiss auch nicht, wieso ich das so stark gebraucht habe. Aber aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Jeder, der Black Metal macht, hat etwas Dunkles zu verarbeiten.»


Die Geschichte des Black Metal könnte 1982 begonnen haben, mit zwei Momenten, in denen die Popkultur ins Reich der Magie vordrang. Lange bevor es ein Genre mit diesem Namen gab, veröffentlichte die britische Band Venom einen Song namens «Black Metal». Darin fantasiert sie vom Rock ’n’ Roll als einer Musik, die von Satan besessen ist, deren materielle Grenzen durch die dunklen Mächte, die in ihr am Werk sind, gesprengt werden, wie es im Songtext heisst: «Power amps set to explode … Satan records their first note». Bei Venom sei der Satanismus bloss ein aufregendes Showkonzept gewesen, hiess es später in der Szene, aber die Idee war interessant: Welche Geister liessen sich mit dieser Musik wohl noch beschwören?

Ebenfalls 1982 marschierten im zürcherischen Nürensdorf drei Teenager, die gerade die später unglaublich einflussreiche Band Hellhammer gegründet hatten, in selbstgebastelten Ritterrüstungen umher und trugen auf offener Strasse Schwertkämpfe aus. Wer sie sah, war vermutlich eher peinlich berührt als verängstigt, aber die drei Jungs hatten sich längst in eine andere Welt geträumt, wo solche Dinge nicht mehr zählten.

Black Metal ist eine Kunst der Verwandlung. Die MusikerInnen tragen Pseudonyme, Kostüme und Gesichtsbemalung, sogenanntes Corpsepaint. Ob man den Ursprung dieser popkulturellen Totenmasken in traditionellen Maskenkulten wie den Perchten oder den Tschäggättä im Lötschental oder bei Vorläufern aus der Popgeschichte wie dem Psyrocker Arthur Brown oder dem Metalsänger King Diamond sucht, die Funktion ist immer die gleiche: sich von der menschlichen Gestalt zu entfremden, um etwas darzustellen oder zu beschwören, was über sie hinausgeht. Wenn Tobias Möckl als Musiker von Paysage d’Hiver erscheint, nennt er sich Wintherr; auf Fotos, die er im Netz verwendet, ist er nur als schemenhafte Gestalt zu erkennen. «Es geht darum, sich selber zu transformieren, um etwas von sich nach aussen zu kehren, das sonst verborgen bleibt.»

Die Szene mit den Rittern in Nürensdorf taucht auch in «Girls Against God», dem kürzlich erschienenen Roman der Norwegerin Jenny Hval, auf. Hval sang Ende der neunziger Jahre selber in einer Metalband, bevor sie Kunst studierte, literarische Texte schrieb und als Solomusikerin eine Reihe angesehener Alben mit elektronischem Pop veröffentlichte. Im Roman zeichnet Hval eine Ich-Erzählerin mit stark autobiografischen Zügen, die auf der Suche nach einer radikalen Ästhetik für ihren Studienfilm beim Black Metal landet. Den Anfang des Genres sieht sie bei jenen Ritterkämpfen im Kaff, die sie als rituelle Weltflucht deutet, als Beschwörung einer Gegenwelt mit ästhetischen Mitteln: «Die Mitglieder von Hellhammer wollten die Rolle von Rittern auf der langweiligen Bühne der Vorstadt spielen. Sie suchten nach einem Sinn in einem Leben, das von Unterwerfung, Stillschweigen, Konformität und Tradition geprägt war.»

Die Protagonistin in «Girls Against God» ist fasziniert vom Black Metal, glaubt an die «Hoffnung, die im Hass liegen kann», deutet dessen Blasphemie als Revolte: gegen die erdrückende Moral des norwegischen Protestantismus, gegen gesellschaftlichen Konformismus, gegen die professionalisierte, kanonisierte Kunst. Den primitiven Sound und die monochrome Ästhetik stellt sie sich als eine brachiale Tabula rasa vor, auf deren Basis eine neue, utopische Gemeinschaft hätte entstehen können. Doch stattdessen wurde der Black Metal ein «Selbstausdruck unsicherer Männer, die in eine Zeit zurückkehren wollten, in der sie stark sein können». Man solle sich einmal vorstellen, schreibt sie in ihr Notizbuch, sie wären in Kirchen eingebrochen, hätten sie zu Raumschiffen umdekoriert, zu radikalen Piratenradiostudios oder Räumen für Queerpartys. Stattdessen steckten einige von ihnen die Kirchen in Brand und verbunkerten sich hinter den reaktionären Werten, die in der Gesellschaft sowieso schon vorherrschten: Geschlechtersegregation, Autoritarismus, Xenophobie.


Die lokalen Black-Metal-Szenen, die Anfang der neunziger Jahre an verschiedenen Orten in Europa entstanden, versteht man am besten als Gegenkultur innerhalb des Heavy Metal. Zu dieser Zeit wurden amerikanische Death-Metal-Platten bereits hunderttausendfach verkauft, solche Musik sogar auf MTV gespielt. Extreme Musik war längst nicht mehr beschränkt auf eine eingeweihte Subkultur. Die Frustration darüber war ein entscheidender Antrieb für den Black Metal, der das subkulturelle Kapital zu einem quasireligiösen Wert hochstilisierte.

Die bekannteste und einflussreichste Szene bildete sich in Norwegen um den Musiker Oystein Aarseth, der die Band Mayhem und das Label Deathlike Silence gründete. Diesem gab er, in Anspielung auf den Hardcore und den in dieser Subkultur populären Gruppentanz, ein Motto, aus dem pauschale Verweigerung spricht: «No fun, no core, no mosh, no trends». Spass ist verboten, das hier ist ernst! So absurd die grössenwahnsinnigen Fantasien dieses Teenagers waren, der sich in seinem Plattenladen in Oslo bald wie der Anführer eines Kults aufspielte, so erfolgreich war er damit, in dieser kleinen Subkultur eine Gegenwelt mit aufzubauen, die zu völligem Realitätsverlust führte. Kann man also sagen, dass die düsteren Albereien je ein Spiel waren, wenn sie so fliessend in blutigen Ernst übergehen konnten?

1991 nahm sich der Sänger der Band Mayhem mit einer Schrotflinte das Leben; bis Mitte der neunziger Jahre verübten Mitglieder der Szene und Nachahmer Dutzende Brandanschläge auf Kirchen; 1993 ermordete Varg Vikernes, der Musiker hinter Burzum und ehemaliger Bassist von Mayhem, Aarseth auf brutalste Weise. Doch nicht nur das: Aus dem Gefängnis begann Vikernes, neuheidnische und rechtsextreme Ideologien zu verbreiten, und auch andernorts begann in der Szene braunes Gedankengut zu wuchern. Bis heute ist das Spiel mit rechtsextremen Symbolen im Black Metal keine Seltenheit; mancherorts ist der Übergang zur Neonaziszene gar fliessend.

Doch wirklich irritierend werden diese Ereignisse erst in Verbindung mit der Tatsache, dass diese Leute, im Gegensatz etwa zu stumpfem Rechtsrock, in einigen Fällen grossartige Musik gemacht haben. Gerade die Alben von Burzum, die Vikernes vor seiner Verurteilung mit einfachsten Mitteln und ohne grosse technische Fähigkeiten aufgenommen hatte, gehören zum Besten, was es in diesem Genre gibt. Wer Black Metal hört, kommt nicht darum herum, sich mit dieser Dissonanz auseinanderzusetzen.

«Als ich im Plattenladen in Bern die ersten Burzum-Platten fand, hatte ich noch keine Ahnung, wer hinter dieser Musik steht, denn es gab schlicht keine Informationen über die Musiker oder gar Interviews», erzählt Tobias Möckl. «Als ich dann erfuhr, wie dieser Mensch denkt, überlegte ich mir lange, ob ich diese Musik noch hören wollte. Mir wurde aber bewusst, dass sie mir einfach zu wichtig war. Also habe ich sie von der Person getrennt und beschlossen, mein eigenes Ding daraus zu machen.»

Neben Paysage d’Hiver spielt und singt Tobias Möckl noch in einer Band namens Darkspace, die auch Konzerte spielt. Sie wurde auch schon an ein Festival eingeladen, an dem rechtsextreme Bands spielen sollten. «Solche Angebote haben wir aus Überzeugung immer abgelehnt. Mit diesem Teil der Szene wollen wir nichts zu tun haben.» Abgesehen von solchen Situationen habe Black Metal für ihn nichts mit Politik zu tun. «Diese Musik soll so wenig menschlich und weltlich sein wie möglich, und menschlicher als Politik kann etwas doch gar nicht sein.» Vielmehr hätten sie versucht, sich mit ihrer Musik weg von einer Subkultur und hin zu einem seriösen Kunstprojekt zu bewegen. «Darkspace war die einzige Metalband, die je den Berner Kunstpreis verliehen bekam. Diesbezüglich war das unser Ritterschlag.»

Während die Songs von Paysage d’Hiver noch gegenständliche Bezüge zu winterlichen Landschaften oder sich darin befindenden Objekten herstellen, wirkt Darkspace wie das futuristische, im Drang nach Weltflucht noch radikalere Pendant dazu. Die Musik der Band klingt mechanischer, näher beim Techno, und ihre Stücke tragen als Namen nur das Wort «Dark» zusammen mit einer Nummer. Darkspace dreht sich einzig um die Leere des Weltraums, will dessen abgründige Atmosphäre erfahrbar machen. Der Gesang ist auf ein Minimum reduziert, gleicht eher Schreien, die vom schwarzen Raum verschluckt werden. Black Metal, das zeigt sich besonders in seinen Extremen, will an Orte vordringen, für die es keine Worte gibt.

Die Alben von Paysage d’Hiver sind bei www.kunsthall.ch erhältlich.

Jenny Hval: «Girls Against God». Verso Books. London 2020. 230 Seiten. 20 Franken.

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