Nr. 20/2016 vom 19.05.2016

Liebe Frau Freitag, was würden Sie den linken Parteien beibringen?

Die Bloggerin Kafi Freitag wünscht sich «verdammte Überzeugungen» nicht nur auf der rechten Seite und kritisiert die heilige Kuh der Schweizer Politik, die direkte Demokratie.

Von Merièm Strupler (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

«Mich interessiert nicht, was die alles nicht wollen»: Bloggerin Kafi Freitag denkt über eine Rhetorikschulung für SPlerInnen nach.

WOZ: Liebe Frau Freitag, diese Woche eine grosse politische Frage: Auf der Welt gibt es so viel Ungleichheit und Unterdrückung – wie können wir das verändern?
Kafi Freitag: Ich denke, indem wir im eigenen Mikrokosmos anfangen. Indem wir uns fragen: Wie gehe ich mit meinem Nachbarn um? Und mit dem, der mir im Tram vis-à-vis sitzt? Wir müssen im Kleinen anfangen in der Hoffnung, dass es grössere Wellen schlägt. Ich bin überzeugt, dass das eine Dynamik annehmen kann … Ich meine, Sie und ich, wir können diese Welt mit ziemlicher Sicherheit nicht verändern. Aber wir können das verändern, was um uns herum ist.

Einmal haben Sie in einer Antwort auf Ihrem Blog «Frag Frau Freitag» dazu geraten, den Kontakt zu Familienmitgliedern, die SVP wählen, abzubrechen. Warum?
Meine Toleranz hat Grenzen. Wenn ich jetzt eine Person in der Familie hätte, von der ich wüsste, die wählt SVP: Natürlich würde ich das Gespräch suchen. Aber die sind oft so resistent, da ist mir die Energie, die ich fürs Überzeugen bräuchte, fast schon zu schade. Ich suche wo immer möglich den Dialog und rede gern mit Menschen, die anders denken als ich. Fremdenfeindlichkeit kann ich aber nicht respektieren. Da investiere ich meine Kräfte lieber in Projekte, bei denen nach machbaren Lösungen gesucht wird, als mir den Mund mit rechts denkenden Menschen fusslig zu reden.

Aber den Nationalrat und «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel kennen Sie persönlich …
Ja, mit Köppel kann man wirklich sehr gepflegt streiten und debattieren. Seine Meinung ist jenseits, aber seine Intelligenz ist gross genug, dass man mit ihm gute Diskussionen führen kann. Was er rauslässt, geht auf keine Kuhhaut. Wirklich nicht. Der hat irgendwo die falsche Abzweigung genommen, er könnte geradeso gut für die SP oder die Grünen voten, aber es ist dummerweise die SVP. Das ist mega schade, und das sage ich ihm auch. Ich sage: «Hey, aber sorry, ich nehme dir das nicht ab.»

Bei vielen anderen Leuten finden seine Positionen aber Anklang …
Das finde ich ja das Tragische! Die SVP hat ein paar Figuren, die brillante Redner sind, rhetorisch gut und geschliffen – und das sind die Leute auf der anderen Seite nicht. Die SVPler stehen hin, mit ihren Bauernhemden und einer verdammten Überzeugung, und bringen das rüber. Andernorts fehlt diese Überzeugung.

Es fehlt der Linken an einer Perspektive?
Ja, eh. Hier in der Schweiz gibt es die SVP – und alle anderen, die sich darüber definieren, nicht die SVP zu sein. Das reicht doch nicht. Statt ihr eigenes Programm zu pushen, konzentrieren sich viele nur noch darauf, was die SVP tut, und reden nur noch darüber. Ich finde so: «Hey, mach doch noch mehr Werbung für die! Was gibst du denen eine Plattform? Gehts dir noch gut? Bring dein eigenes Zeug!» Das muss prägnant und knackig sein, das muss ziehen.

Die Linke ist also zu defensiv?
Ja, schon. Aber es fehlt ihr eben der Mut, um hinzustehen … Das sind Luschen. Ich würde wahnsinnig gern mal SP-Leute rhetorisch schulen. Die trauen sich nicht richtig und drucksen herum.

Rhetorisch schulen, wie stellen Sie sich das vor? Was würden Sie denen beibringen?
Mit einer Partei würde ich gleich arbeiten wie im Coaching mit einem Kunden. Ich würde fragen: «Was wollt ihr eigentlich?» Mich interessiert nicht, was die alles nicht wollen. Sondern ihre Ziele! Alles andere zieht viel zu viel Energie ab, die man eigentlich mit den eigenen Inhalten füllen könnte. Das verstehe ich wirklich nicht.

Haben die Parteien nicht vielmehr Angst davor, Farbe zu bekennen, weil sie befürchten, damit die gemässigteren Wähler zu vergraulen?
Ja, natürlich. Aber keine Partei kann es sich leisten, nicht Farbe zu bekennen. Damit holen sie heute niemanden mehr ab. Das grösste Problem in der Schweiz ist die tiefe Wahlbeteiligung. Die Wahlergebnisse sind ja nicht repräsentativ. Sie zeigen nur, was die Leute denken, die sich an die Urne mobilisieren lassen.

Das ist jeweils wirklich wenig. Ausserdem dürfen ja gut zwanzig Prozent der hier lebenden Menschen gar nicht wählen.
Es ist wahnsinnig. Man meint immer, das sei repräsentativ und die Schweiz sei so rechts. Aber eigentlich ist das ein kleiner Teil. Ich hinterfrage die direkte Demokratie. Obwohl das die heilige Kuh der Schweiz ist. Was bringt die direkte Demokratie, wenn keiner wählen geht? Viele Leute bleiben zu Hause, weil es zu komplex ist. Und das kann ich im Fall nachvollziehen.

Hinzu kommen die unterschiedlich grossen finanziellen Mittel, die den Parteien zur Verfügung stehen. Kann man den vermeintlichen Volkswillen kaufen?
Ja, natürlich. Mit Geld kann man Leute mobilisieren. Aber auch das mit dieser Urne ist irgendwie aus dem vergangenen Jahrhundert. Es gehört ein System her, in dem man online abstimmen kann. Dazu gut aufbereitetes Material, mit klaren Meinungen und Informationen. Die Schweiz muss anfangen, über die heilige Kuh der direkten Demokratie zu diskutieren. Damit sich Junge für Politik begeistern lassen – dass sie denken: «Hey, wir können da mitreden!»

Vor einem Monat hat Kafi Freitag (40) all ihren Facebook-Kontakten, die in Pegida-, AfD- oder SVP-Gruppen waren, die virtuelle Freundschaft gekündigt – auch SVP-Nationalrat Roger Köppel.

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