Nr. 19/2016 vom 12.05.2016

Liebe Frau Freitag, warum trauen Frauen sich so wenig zu?

Die Zürcher Bloggerin Kafi Freitag kennt sich aus mit Problemen. Sie verdient ihr Geld mit Coaching und appelliert an die Frauen für mehr Solidarität. Sie könnten ruhig ein wenig stolzer auf sich sein.

Von Merièm Strupler (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Kafi Freitag: «Wir Frauen glauben stets, nicht zu genügen. Dabei sollten wir lernen, den Fokus auf das zu legen, was wir gut machen.»

WOZ: Liebe Frau Freitag, ich war diese Woche in einer feministischen Lesegruppe, und wir diskutierten, dass sich Frauen oft so wenig zutrauen. Warum ist das so?
Kafi Freitag: Wir Frauen haben in allem den Anspruch, perfekt sein zu müssen. Aber das geht gar nicht. Sie können nicht die perfekte Mutter, die perfekte Liebhaberin, die perfekte Chefin oder Angestellte und die perfekte beste Freundin und die perfekte Tochter sein. Man kann nicht siebzehn Rollen zu hundert Prozent erfüllen. Aber wir glauben stets, nicht zu genügen. Dabei sollten wir lernen, den Fokus auf das zu legen, was wir gut machen. Wir dürfen auch mal stolz sein. Viele Frauen sehen ja immer nur die Makel an sich – das ist so anstrengend. Es ist eine Entscheidung: Will man den Fokus auf seine Makel legen oder darauf, was man gut oder schön an sich findet?

Ist das wirklich nur eine persönliche Entscheidung? Es gibt eine riesige Kosmetikindustrie, die gezielt in unseren Unsicherheiten herumstochert, weil sie daran verdient …
Ja, das stimmt schon. Die Schönheitsindustrie ist auf die Makel konzentriert, auf fahle Haut oder Fältchen … Es herrscht ein irrsinniger Optimierungswahn. Dass man heute fast alles kann, führt früher oder später zum Druck, dass man es praktisch tun muss – sei es Cellulitisentfernung oder Pränataldiagnostik. Diese Möglichkeiten sind Segen und Fluch zugleich.

Sie geben mit Ihrer besten Freundin Coachingseminare für Frauen und haben die Onlineplattform Tribute gegründet. Diese soll Frauen in den Mittelpunkt stellen und damit Solidarität unter Frauen fördern. Wie?
Frauenfreundschaften haben ein wahnsinniges Potenzial. Wenn Frauen sich mehr unterstützen würden – es wäre so viel möglich! Um diesen Gedanken nach aussen zu tragen, haben wir Tribute gegründet. Wir müssten uns viel weniger Gedanken machen über Quoten und weiss ich was, wenn wir uns nicht ständig selber und gegenseitig ein Bein stellen würden.

Woher kommt das?
Ich glaube, das beginnt schon bei der Erziehung: Die Mädchen werden herausgeputzt, ihnen werden Frisürchen gemacht – das bleibt irgendwie drin. So merken wir früh: Wenn wir herzig sind und mit den Augen klimpern, dann hat man uns gern. Darum checken wir uns im Erwachsenenleben auch so ab: «Sieht die jetzt besser aus als ich?» Die Jungs hingegen werden schon früh über die Leistung definiert, demzufolge vergleichen sie sich auch später über die Leistung. Das finde ich viel entspannter, und es kann einen auch anspornen. Dieses optische Abchecken hingegen – was bringt das?

Aber ständiger Leistungsdruck und Konkurrenzdenken sind doch auch anstrengend.
Ja, das kann schwierig sein. Aber bei Frauen wird ja trotz ihrer Leistung vor allem das Äussere kommentiert. Zum Beispiel bei Hillary Clinton: Da scheint ihr neuer Haarschnitt ja das Hauptthema zu sein. – Hey, gopfertammi! Im Jahr 2016 immer noch?

Etwa drei Viertel der Fragen in Ihrem Blog stammen von Frauen. Ist das auch beim Coaching so?
Ja, auch da kommen viel mehr Frauen als Männer. Ich glaube wirklich, Fragen zu stellen und sich beraten zu lassen, ist etwas Weibliches. Bei einem Mann muss der Leidensdruck wahnsinnig hoch sein, bis er in eine Therapie oder in ein Coaching geht.

Worin unterscheidet sich eigentlich das Coaching vom Bloggen?
Die Herangehensweise ist umgekehrt: Beim Bloggen gebe ich Antworten, im Coaching versuche ich, die Leute mit Fragen selbst zu ihren Antworten zu bringen. Das ist viel nachhaltiger. Indem ich frage, fangen die Leute an, sich selbst Gedanken zu machen. Dabei soll es nicht nur um das Problem an sich gehen, sondern vor allem darum, wie eine Lösung aussehen könnte.

Für viele Frauen ist ja die Doppelbelastung von Lohnarbeit und Familie ein Problem. Wie haben Sie das erlebt?
Ich war relativ lange bei meinem Sohn. Für mich passte das gut. Ich stand nicht in einer Karriere, die ich nicht aufgeben wollte. Ausser Haus zu arbeiten, wäre ein Nullsummenspiel gewesen: Mein Lohn hätte knapp die Fremdbetreuung gedeckt. Aber ich bin mega angefeindet worden von Frauen, die gerade wieder arbeiten gingen. Sprüche von wegen: «Für die Frauen haben wir gekämpft, die nachher hinter dem Herd stehen …» Da fand ich: «Hey, gehts noch gut? Ich habe jetzt einfach Bock darauf.» Dass einem in das Familienmodell so viel dreingeredet wird, das kotzt mich total an. Es gibt kein Richtig und kein Falsch. Die Selbstbestimmung einer Frau kann auch heissen, zu Hause zu bleiben und für das Kind zu sorgen.

So oder so: Mütter müssen ihre Entscheidungen vielfach vehement verteidigen …
… und man kann es nur falsch machen: Wenn man nach drei Monaten wieder arbeiten geht, wie jüngst SRF-Moderatorin Steffi Buchli, ist man eine Rabenmutter; beim Vater hingegen wird das gar nie diskutiert. Und wenn man zu Hause bleibt, ist man das reaktionäre Heimchen am Herd. Wie man es auch immer macht, es ist falsch. Aber wenn man das mal erkannt hat, dann kann es auch ganz entspannend sein: Das nimmt schliesslich den Druck weg.

Kafi Freitag (40) hat vor fünf Jahren ihre Personenwaage weggeschmissen und flucht seither einmal im Jahr ziemlich, wenn sie den Koffer vor den Ferien wiegen möchte.

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