Nr. 20/2016 vom 19.05.2016

Swissness und andere Krankheiten

Etrit Hasler über falschen Patriotismus im Schweizer Eishockeyverband

Von Etrit Hasler

Ich schreibe diese Zeilen ein paar Minuten nachdem die Schweizer Nationalmannschaft an der Eishockey-WM in Russland ausgeschieden ist – und das bereits in der Gruppenphase. Ausgerechnet gegen Tschechien, das die «Eisgenossen» (wie das Team im Ausland gerne genannt wird) in der Vorbereitung zur WM noch geschlagen hatten, reichte es trotz später Aufholjagd nicht zu mehr als einem 4 : 5.

Die Bilanz der WM ist, wie es der «Blick» so schön formulierte, «ein Scherbenhaufen». Fünf Niederlagen – davon zwei gegen Eishockeyzwergnationen wie Kasachstan und Norwegen – und zwei eher gammlige Siege gegen zweitklassige Mannschaften (Dänemark und Lettland). Im dritten Jahr nach der legendären WM in Schweden, als die Schweizer Mannschaft die Silbermedaille gewinnen konnte, ist die Schweiz endgültig wieder im bedeutungslosen Mittelfeld angekommen.

Ich habe diese Resultate mit einer gewissen Befriedigung zur Kenntnis genommen, was man mir gern als fehlenden (Hurra-)Patriotismus auslegen darf – denn genau dort liegt das Problem. In letzter Zeit versprüht die Mannschaft eine Form von Pseudoswissness, bei der ich das Gefühl nicht loswerde, sie inszeniere in Abgrenzung zum migrantisch geprägten Fussball das Eishockey als die «echt schweizerische» Sportart. Dazu gehört zum Beispiel, dass dauernd betont wird, dass der neue Nationaltrainer Patrick Fischer der erste Schweizer an der Bande des Nationalteams seit 1997 ist. Der letzte war übrigens der ehemalige SVP-Nationalrat Simon Schenk.

Ins Bild passen auch die etwas debilen Shirts, mit denen sich die Mannschaft an Pressekonferenzen zeigte – mit «1291» auf der Vorderseite, gekreuzten Hellebarden auf den Ärmeln (eher Piratenstyle als Rütlimythos, aber was solls?) und auf der Rückseite mit den Worten «Jetzt isch üsi Ziit – mir sind muetig – mir sind stolz – mir vertraued – mir sind starch – mir sind Eidgenosse.» Worte, die die NZZ zum poetischen Kommentar animierten: «Es sind von Pathos durchtränkte Zeilen, die auch aus einem dieser SVP-Werbespots stammen könnten, untermalt von bellenden Bernhardinern und saftigen, grünen Wiesen.»

Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, wenn sich Rütlipatriotismus und Eishockey – eine aus Kanada importierte Sportart, die mit grösster Wahrscheinlichkeit nicht auf dem Rütli und auch sonst nirgends in der Urschweiz gespielt wurde – verbinden lassen sollen. Mehr Sorgen macht mir aber, dass diese selbsterklärten Eidgenossen gar nicht auf die Idee kommen, ihre Zeilen in irgendeiner anderen Sprache zu verfassen als … ja, was war es eigentlich? Züritüütsch?

Interessanterweise durfte man in diesem Zusammenhang lesen, dass «Swissness wieder grossgeschrieben wird» («20 Minuten»). Das merke man daran, dass «die [Trainer-]Ansagen nicht auf Englisch, sondern wieder in Mundart» erfolgen. «Eine Sprache, die alle verstehen. Auch die drei Romands.» Da musste ich dann doch ein bisschen leer schlucken.

In Zeiten, in denen darüber gestritten wird, ob es nun unschweizerisch sei, wenn SportlerInnen die Nationalhymne nicht mitsingen, haben (ausgerechnet) diese «Eidgenossen» die unschweizerischste Haltung von allen an den Tag gelegt. Sie haben Schweizerdeutsch zur einzigen Sprache unseres Landes gemacht. Ausgerechnet in einer Sportart, die im Unterschied zum Fussball tatsächlich in allen vier Sprachregionen auf höchstem Niveau gespielt wird.

Das dritte Jahr nach der Silbermedaille in Schweden ist übrigens auch das dritte Jahr von Florian Kohler als CEO des Schweizer Eishockeyverbands. Kohler war beim SRF als Produzent von «Die grössten Schweizer Hits» oder vom «Swiss Award» tätig. Bei seinem bisherigen Leistungsausweis muss man sich die Frage stellen, ob er beim Wrestling nicht besser aufgehoben wäre – dort reicht eine Inszenierung tatsächlich, um als sportlicher Erfolg zu gelten.

Etrit Hasler hat ein Faible für Wrestling wie auch für Eishockey und kann sich eine Verbindung der beiden Sportarten durchaus vorstellen. Falls Swiss Ice Hockey nach besseren Storylines sucht als «die Eidgenossen in Moskau», darf der Verband sich gerne bei ihm melden.

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