Nr. 50/2011 vom 15.12.2011

Willkommen in der Provinz

Etrit Hasler freut sich über eine WM in seiner Heimatstadt

Wenn eine Weltmeisterschaft in irgendeiner Sportart in meiner Heimatstadt ausgetragen wird, muss man wohl davon ausgehen, dass es sich dabei um eine höchst provinzielle Angelegenheit handelt. Dies ging mir durch den Kopf, als ich vor kurzem auf Einladung der «host city» St. Gallen einem Vorrundentag der Unihockey-WM der Frauen beiwohnen durfte.

Falls Sie noch nie von Unihockey gehört haben, liegt das wahrscheinlich daran, dass Sie selber aus einer Grossstadt kommen (oder aus Zürich) und/oder ihre Schulzeit mehr als zwanzig Jahre zurückliegt. Bei uns in der Provinz ist Unihockey die Schulsportart schlechthin – es benötigt vergleichsweise wenig Grundkenntnisse, um einfach ein bisschen «bällele» zu können, das Material ist billig (für den Preis eines einzigen Lederfussballs aus Kinderarbeit kann man sich Stöcke für ein ganzes Team leisten), und das fast wichtigste Argument für Teenager, die gern etwas «anders» sind: Es ist nicht Fussball – was dann wohl wiederum auch der Grund ist, weshalb sich in den urbanen Zentren kein Schwein für die Sportart interessiert.

Unihockey wurde vor knapp dreissig Jahren erfunden – als Bastardmischung zwischen Land- und Eishockey – und wird heute vor allem in vier Nationen gespielt: Schweden, Finnland, Tschechien – und der Schweiz, wo es, gemessen an der Anzahl lizenzierter SpielerInnen, hinter Fussball und Volleyball die drittgrösste Sportart ist. 30 000  sind das, ein Fünftel davon Frauen, und nicht eineR darunter, die oder der davon leben kann. Kein Wunder, sind SpielerInnen über dreissig in diesem Sport eine Seltenheit.

Tatsächlich ist Unihockey Provinzsache: Die Vereine der obersten Schweizer Liga kommen aus Köniz, Uster, Malans, Waldkirch sowie der kebabfreien Polizeizone im Südosten, wo die Churensöhne herkommen. Kein Wunder also, findet die Weltmeisterschaft ausgerechnet in St. Gallen statt. Diese Skepsis war es also, die mich an jenem Dienstagnachmittag ins Athletikzentrum St. Gallen begleitete – Anlässe in Hallen fühlen sich bei uns immer etwas an wie die Olma. Sich da sinnlos zu betrinken, ist denn auch kein Ritual, sondern vielmehr Notwehr.

So schlimm war es dann aber gar nicht: Die saufenden Horden waren zum Glück nicht da, obwohl die DJs fleissig Ibizatechno aus den Boxen schallen liessen, als ob es ebensolche Horden anzupeitschen gäbe. Einzig ein paar Schulklassen machten die Ränge unsicher. Die Halle selbst war an den meisten Orten in ein warmes Magenta getaucht, sogar die Stadt St. Gallen, die sich auf diversen Werbebanden als «Charm City» und «Paradise City» (sic!) anpries, war von ihren Stadtfarben Rot-Weiss-Schwarz zugunsten des rosaähnlichen Farbtons abgekommen. St. Gallen in Rosa? Das würde auch dem Wappenbären ganz gut stehen.

Während in den Vorjahren eine A- und eine B-WM mit je acht Teams ausgetragen wurden, legte man neu die beiden Turniere zum ersten Mal zusammen, nicht zuletzt mit dem Fernziel vor Augen, Unihockey irgendwann olympisch zu machen. Doch davon ist der Sport noch weit entfernt. Die Unterschiede zwischen den vier oben erwähnten Spitzenteams und dem Rest sind gewaltig. Ich durfte Zeuge werden, wie die späteren Weltmeisterinnen aus Schweden das US-Team mit 30:0 vernichtend schlugen. Die Schweizerinnen und die Finninnen hatten in den Vorrunden ähnliche Erfolgserlebnisse.

Natürlich sei das etwas komisch, erzählte mir die schwedische Verteidigerin Lisah Samuelsson, die wie alle Spielerinnen aus ihrem Team neben dem Sport Vollzeit arbeitet. «Aber wir geben unser Bestes, egal, wer der Gegner ist.» Es sei halt, wie es sei, meinte sie lakonisch auf die Frage nach den Perspektiven des Sports. Ob sie glaube, dass Unihockey eines Tages tatsächlich olympisch sein kann? «Na klar! Aber nur, wenn Sie den Leuten in Zürich sagen, sie sollen endlich damit anfangen, Unihockey zu spielen. Because Lisah says so.»

Etrit Hasler spielte in seiner Schulzeit 
auch lieber Unihockey als Fussball und gratuliert Lisah und ihren Mitspielerinnen 
zum Weltmeisterinnentitel.

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