Nr. 08/2008 vom 21.02.2008

Ausziehen oder auflösen?

Spätestens seit die Schweizer Eishockeyanerinnen vor zwei Jahren an den Olympischen Spielen in Turin den siebten Platz erreichten, geniessen sie viel Respekt. Doch vom Respekt allein lässt sich noch nicht sehr gut leben.

Von Sina Bühler

Vorurteile? Nein, die habe sie nie zu hören bekommen, sagt Monika Leuenberger. «Aber ich war immer schon sehr gross und kräftig, vielleicht hat sich einfach niemand getraut, mir das zu sagen», meint sie und grinst. Seit sie sieben Jahre alt ist, spielt die heute 34-jährige Zürcherin Eishockey. In der letzten Saison hat sie Piccolos trainiert, so heissen die Jüngsten im Eishockey. Auch da wagte es niemand, dumm zu reden. «Aber als Nati-Spielerin hat man halt einen anderen Status, und solange ich den Kindern etwas beibringe, finden das auch die Väter gut.» Ihrer Nationalmannschaftskollegin Melanie Häfliger geht es ähnlich, obwohl sie kleiner und weniger kräftig ist. Niemand finde Frauenhockey komisch. Im Gegenteil, es sei fast seltsam, wie toll das alle fänden.

Probleme mit Vorurteilen hat allerdings ein Mann: Blödes Geschwätz? «Oh ja», sagt René Kammerer, der Trainer der beiden Frauen. Was er alles habe hören müssen: Das sei kein Sport für Frauen, und er selbst werde nie mehr als Trainer einer Herrenmannschaft arbeiten können. Es gebe immer noch viele Väter und Trainer, die glaubten, ein Mädchen nehme einem Buben den Platz weg. Selbst Ikonen des Schweizer Eishockeys redeten so. Monika Leuenberger sagt: «Ich kenne sogar NLA-Spieler, die ihrer eigenen Tochter den Sport verbieten.»

Vielleicht ist es deshalb gar nicht so aussergewöhnlich, dass sowohl Sportlerinnen als auch Trainer immer in der männlichen Form von den Athletinnen sprechen: «Sag den Spielern, sie sollen aufs Eis», hört man, oder Monika Leuenberger: «Die Profis im Fraueneishockey sind oft Soldaten.» Ihre Kollegin Melanie Häfliger hingegen sagt bewusst «meine Mitspielerinnen». Auch weil Frauen- und Männerhockey unvergleichbar seien. «Frauen sollen auch auf dem Eis Frauen bleiben.»

Ein anderes Coaching

Natürlich stimmen einige Vorurteile: Die Schultern der Eishockeyspielerinnen sind wahrscheinlich breiter als schweizerische Durchschnittsschultern, die Spielerinnen haben vielleicht etwas kürzere Haare und Fingernägel als ihre Arbeitskolleginnen, die Frauen gehen etwas ruppiger miteinander um als Balletttänzerinnen. Eine Stimmung wie bei Männern herrscht deshalb aber nicht.

Die Teamdynamik im Frauenhockey sei besonders - menschlich intensiver. «Ich coache sie anders als ein Herrenteam», sagt Trainer René Kammerer. Es brauche ein, zwei Gespräche mehr, und er überlege sich seine Wortwahl ziemlich genau. Sonst? Sonst müsse noch mehr geredet werden, um ein unüberlegtes Wort wiedergutzumachen. Dass die Betreuer der Frauennationalmannschaft momentan alle männlich sind, sei Zufall. Wenn sich eine Frau bewerbe und es mit dem Team stimme, dann werde sie bevorzugt. Denn Frauentrainerinnen sind Mangelware: Sämtliche Spitzenteams in der Damenmeisterschaft werden von Männern gecoacht.

Fraueneishockey ist eine Randsportart - wenn auch eine mit Zuwachs. Doch auch nach 27-jähriger Geschichte in der Schweiz sind weibliche Hockeyaner immer noch etwas Spezielles. Nur langsam wächst die mediale Aufmerksamkeit. Als vergangenen Sommer drei junge Schweizer Spielerinnen für ein halbes Jahr in die USA zogen, um an einem College zu studieren und viel Zeit fürs Training zu haben, berichtete der «SonntagsBlick» darüber. Nationaltrainer René Kammerer ist begeistert von dieser Chance für die Spielerinnen, obgleich gemeinsame Trainings mit der Nationalmannschaft dadurch zu kurz kommen. Der Verband kann es sich nicht leisten, die Spielerinnen ständig aus den USA einzufliegen.

Mit den Buben ins Training

Es ist ein Sonntagmorgen, und im solothurnischen Zuchwil fahren dick eingepackte Frauen übers Eis. Das A-Kader und die U22-Spielerinnen sind im Trainingslager. Die meisten hier sind über einen Bruder oder den Vater zum Sport gekommen. So auch die Zürcher Sportstudentin Monika Leuenberger. Der Vater war Schiedsrichter, der Bruder besuchte die Hockeyschule, und Leuenberger stand als Siebenjährige jeden Mittwochnachmittag an der Bande, bis der Trainer sie zum Mitmachen aufforderte. «Meine Familie war also nicht sehr verwundert über meine Wahl», sagt sie. Obwohl sich ihre Mutter immer «etwas anderes» gewünscht habe, stehe sie voll hinter ihr. Von den Buben wechselte sie mit dreizehn Jahren zu den Frauen, ein Juniorinnenteam war bei den ZSC Lions genauso wenig ein Thema wie in den meisten Fraueneishockeyklubs. Das sei nicht nur schlecht, findet Monika Leuenberger, «da wirst du ganz anders gefordert». Die Buben trainieren nämlich drei- bis viermal die Woche, sind in Leistungsmannschaften, gehen ins Krafttraining. Frauenmannschaften können vielerorts froh sein, wenn sie überhaupt aufs Eis dürfen.

Zwischendurch spielte Leuenberger bei GC, dann wechselte sie nach Zug, gewann zweimal die Schweizer Meisterschaft und beschloss, wieder zurück zu den ZSC Lions zu wechseln - in ein zweitklassiges Team wohlgemerkt. Sie pokerte richtig: Das Zuger Team wurde mittlerweile aufgelöst, während die Lions in die oberste Liga aufgestiegen sind.

Seit 1990 gibt es Weltmeisterschaften, seit 1998 ist Fraueneishockey olympische Disziplin. In der Schweiz spielen rund 900 Frauen, verteilt auf 26 Teams in drei Ligen. Aber das reicht noch nicht, um Juniorinnen ausbilden zu können, deshalb beginnen die jungen Spielerinnen immer gemeinsam mit den Buben. Die Nachwuchsförderung bei den Mädchen steckt auch nach 27 Jahren noch in den Kinderschuhen. Es fehlt das Geld. Mehr Geld hiesse mehr Trainingsmöglichkeiten, mehr Sponsoren, mehr Mannschaften, mehr Nachwuchs und damit mehr Erfolg. Im Moment läuft der Karren in die entgegengesetzte Richtung: Letztes Jahr lösten sich die Frauenteams vom EV Zug, vom DEHC Basel und vom DSC Oberthurgau auf. Schon 2004 drohte der damaligen Meisterin Zug die Auflösung. Um die Finanzen zu sanieren, zogen sich die Spielerinnen für einen Erotikkalender aus. Auch Monika Leuenberger. «Äh, aber in welchem jetzt?», fragt die Zürcherin. Sie zog sich für mehrere Vereine aus, die aus finanziellen Gründen aufs Ganze gehen mussten.

In der Schweiz ist Fraueneishockey aber auch sehr erfolgreich - sportlich gesprochen. Die Teilnahme an Weltmeisterschaften ist für ein Land mit winzigem Budget nicht selbstverständlich - ein 5. Platz wie an der letzten WM in Kanada ist ein Exploit. Das Grösste für die Hockeyanerinnen ist aber Olympia, da sind sich alle einig. Nach der erfolgreichen Teilnahme in Turin, wo die Schweizerinnen den siebten Platz erreichten, hofften alle auf ein kleines Wunder. Aber seit Turin müssten immer mehr Schweizer Klubs um Spielerinnen kämpfen, das sei schon seltsam. Vielleicht liege es daran, dass der Erfolg einigen Amateurspielerinnen gezeigt habe, dass auch Fraueneishockey nicht einfach nur Spass sei, meint René Kammerer: «Sie haben plötzlich gemerkt: Hoppla, das ist ja Spitzensport.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch