Nr. 21/2016 vom 26.05.2016

Ein digitaler Salon der antiautoritären Kritik

Zwischen Seminar und digitaler Lesebühne: Das Onlinemagazin «tell» entwickelt eine neue Form der Literaturkritik.

Von Ulrike Baureithel

«Es ist», schrieb Theodor Fontane 1889 zum Auftakt seiner Kritik von Gerhart Hauptmanns «Vor Sonnenuntergang», «nie ganz leicht zu kritisieren, und mitunter ist es schwer.» So wiederum zitierte es der Herausgeber des Fischer-Almanachs der Literaturkritik 1979 in seinem Vorwort. Die Zeiten, als man die wichtigsten Buchkritiken eines Jahres noch auf knapp 300 Seiten zwischen zwei Buchdeckel pressen konnte, sind lange vorbei, obwohl ein unüberschaubarer Buchmarkt um immer weniger Kritikraum in den Zeitungen buhlen muss.

Nicht erledigt hat sich dagegen Fontanes Diktum von der Verantwortung des Kritikers oder der Kritikerin. Der «Schwere», von der Fontane spricht, entziehen sich professionelle BuchleserInnen heutzutage, indem sie auf Genres ausweichen, die der expansiv «menschelnde» Journalismus bereithält, vom Interview bis zur Homestory.

«Befreiungsschlag»

Ist der Kritiker also gar kein Richter mehr, sondern nur noch ein Ritter von der traurigen Gestalt, wenn ein ungelenkes Geschmacksurteil bei Amazon mehr marktrelevante Wirkung zeitigt als ein hübsch zurechtgedrechseltes in der NZZ? Darüber eröffnete der ehemalige Literaturchef der «Frankfurter Rundschau», Wolfram Schütte, vor einem Jahr eine muntere Debatte, an der sich rund zwei Dutzend KollegInnen beteiligten.

Aus dem von ihm angeregten Digitalprojekt «Fahrenheit 451» ist nichts geworden, doch die in Rüti geborene und heute in Berlin lebende Literaturkritikerin und Lektorin Sieglinde Geisel, die sich am Schlagabtausch beteiligt hatte, nahm die Idee auf und gründete ein «Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft» mit dem mehrdeutigen Namen «tell», das diesen März online ging. Das sechsköpfige Team von Journalistinnen, Bloggern und dem für das Projekt wichtigen Übersetzer Anselm Bühling arbeitet gratis. Geisel schwebt ein digitaler Salon vor, der im Austausch mit den KommentatorInnen neue Massstäbe an das Lesen und eine, wenn man so will, «antiautoritäre» Kritik setzt.

«Einen Befreiungsschlag» nennt es Sieglinde Geisel gegenüber der WOZ. Sie habe genug gehabt von der schlechten Laune im Literaturbetrieb, vom «erstickenden Gefühl des Immer-Weniger, Immer-Enger, das die Medienkrise bei uns allen ausgelöst hat». Und da man für ein Online-Start-up erst mal kein Kapital benötigt, sondern nur das «Produktivmittel» Arbeitskraft, hat sie sich auf dieses Abenteuer eingelassen.

Und ein Abenteuer ist es wirklich, auf dieser Seite zu stöbern. Trotz des irritierenden Bezugs auf den einstigen Schweizer Literaturpapst Emil Staiger («Wir sollten begreifen, was uns ergreift»), mit dem Generationen von GermanistikstudentInnen traktiert worden sind, und trotz des recht intellektuellen Anspruchs wirkt das Angebot frisch in der Weise, dass hier nicht einfach Printformate online gesetzt werden.

Zum Beispiel die Rubrik «Page-99-Test»: Schau einfach auf die Seite 99 eines Buches, hatte der Schriftsteller Ford Madox Ford einmal verordnet, und die Qualität des Ganzen scheint auf. Nach dieser Prämisse nimmt Sieglinde Geisel beispielsweise die Schwarte von Garth Risk Hallberg («City on Fire») unter die Lupe und kommt zum Ergebnis: «Zu viele Verstösse gegen das literarische Handwerk.»

Selbstausbeutung

Nun könnte man einwenden, diese Form des Lesens folge nur der allgemeinen Ökonomisierung aller Lebensbezüge. Aber die MacherInnen von «tell», insbesondere Geisel, sind dann doch ambitionierter. In «Satz für Satz», einer Art Gebrauchsanweisung für Literaturkritik, die ins akademische E-Learning eingespeist werden sollte, geht Geisel ins Labor, wo Genauigkeit, Stimmigkeit oder Figurenrede von Romanen getestet werden. In einer Art Überschreibungssystem mit den OnlinekommentatorInnen entwickelt sich dabei eine neue Form der Literaturkritik, angesiedelt zwischen Seminar und (digitaler) Lesebühne. Es gibt auch Interviews im Magazin. Allerdings wird zum Einstieg auch mal gefragt: «Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?» – eine Todsünde im Print, wo ja nicht alles schlecht ist.

«Für mich ist Literatur auch ein Medium, mich mit unserer Zeit, unserer Welt auseinanderzusetzen», erklärt Geisel die «Zeitgenossenschaft» im Untertitel von «tell»: die Klassiker als «permanente Zeitgenossen», es gehe um das Neue, das bleibt. Was vorerst bleibt, sind Finanzsorgen. Wieder so ein Selbstausbeutungsprojekt, das perspektivisch von seinen LeserInnen leben will.

www.tell-review.de

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