Nr. 26/2022 vom 30.06.2022

Wie eine Darmspiegelung

Wo steht die Literaturkritik und wo geht sie hin? Ein Podium in Leukerbad wollte es wissen und verpasste die Chance einer kritischen Selbstreflexion.

Von Silvia SüessMail an Autor:in

abstrakte Grafik

Allein die Sitzordnung auf dem Podium sprach Bände: Die drei Männer – der Autor Lukas Bärfuss und die beiden Literaturkritiker Daniel Graf («Republik») und Stefan Zweifel (ehemals NZZ) – sassen eng aneinandergerückt, neben Bärfuss klaffte eine Lücke. Und dann sass dort noch Elke Schmitter, Literaturkritikerin beim «Spiegel».

Dem Patriarchat unterworfen

«Stand und Zukunft der Literaturkritik» war das Thema des Podiums am Internationalen Literaturfestival Leukerbad am letzten Wochenende. Und eins gleich vorneweg: Über die Zukunft wurde nicht gesprochen. Dafür begann Bärfuss in seiner Rolle als Moderator mit der Gegenwart, genauer: mit den «Scherben einer zerfallenden Welt». Er zählte alle Schreckensmeldungen des Tages auf (was er vor seiner Lesung am Abend wiederholte) und fragte nach der Bedeutung der Literaturkritik in diesem Kontext. Schmitter konterte, dass das nun ein rhetorischer Kniff sei, damit man sich als Literaturkritiker:in ganz klein fühle. Und dann führte sie aus, welche Bedeutung der Literaturkritik in diesem Kontext unter anderem zukommt: «Dass wir ein so zärtliches Verhältnis zu Russland haben, hat auch mit der russischen Literatur zu tun, die wir alle kennen und lesen – ukrainische Literatur hingegen findet kaum Beachtung.» Darüber, was in der Literaturkritik keine Beachtung findet und warum, dass man sich als Kritiker:in immer wieder fragen muss, wen man ein- und wen ausschliesst, und wie man dies ändern kann – solche Fragen hätte Schmitter gerne diskutiert: «Die ganze Literaturkritik ist dem Patriarchat unterworfen. Wir sind nicht wesentlich weiter als vor hundert Jahren.» Sie kritisierte, dass noch heute Mädchen heranwachsen, deren Frauenbilder von Max Frisch, Ernest Hemingway oder Marcel Proust geprägt seien: «Es geht auch darum, die blinden Flecken der Vorgängergeneration aufzudecken.»

Die drei Männer nahmen den Ball leider nicht auf. Dafür erfuhr man von Bärfuss, dass man unter Autor:innen die Literaturkritik mit einer Darmspiegelung vergleicht (unangenehm, aber notwendig), und Stefan Zweifel erzählte, wie er einen langen Text in der Badewanne auf dem Handy gelesen habe, obwohl seine Aufmerksamkeit leider nicht auf dem Handy liege, sondern noch immer auf der gedruckten Zeitung. Er sehnte sich nach den Zeiten zurück, als noch viel mehr Zeichen auf einer Zeitungsseite Platz hatten als heute. Zum Glück wünschte Daniel Graf explizit keine nostalgische Vergangenheitsverklärung des Berufsstandes.

Bärfuss’ Entgegnung: «Wenn wir wissen wollen, wo wir stehen, müssen wir wissen, woher wir kommen.» Doch für den kritischen Rückblick, den sich Schmitter gewünscht hätte, wurde das Statement nicht genutzt. Schade, denn ein Blick zurück hätte das Ausmass der Misogynie in der Literaturkritik offenbart: Bücher von Frauen werden von den Männern mit Entscheidungsmacht seit jeher weniger beachtet, was wiederum auch den literarischen Kanon prägt, der grösstenteils aus Büchern von Autoren besteht. Nicole Seifert hat das in ihrem letzten Herbst erschienenen Buch «Frauen Literatur» systematisch aufgezeigt – und auch, mit welcher Verachtung und Herablassung noch heute Literaturkritiker über Autor:innen schreiben.

System statt Willkür

Umso erschütternder, dass Bärfuss vor diesem Hintergrund bemängelte, dass es ja keine Referenzpunkte mehr gebe, weil der literarische Kanon nicht mehr existiere, und Zweifel dennoch allen Ernstes dessen Ungerechtigkeit lobte: «Es gibt einen völlig willkürlich, vielleicht auch ungerecht ausgewählten Kanon. Doch das Schöne am Kanon ist gerade, dass er ungerecht ist. Ein gerechter Kanon ist langweilig.» Zu Recht konterte Schmitter darauf, dass das unter seinem Niveau sei: «Der Kanon ist ja nicht willkürlich, sondern hat System. Und die Frage hier ist: Wo greift man ein?»

Eingreifen und die misogyne Misere im Literaturbetrieb angehen: Dazu hatten sich eine Woche zuvor rund 120 Frauen aus der Literaturbranche zu einer zweitägigen Veranstaltung in Bern getroffen. Nach einer Bestandesaufnahme des Literaturbetriebs stellten sie dabei eine Liste mit Forderungen zusammen. Unter anderem fordern sie die Erarbeitung einer Checkliste für mehr Diversität zuhanden von Entscheidungsträger:innen im Literaturwbetrieb – auch in den Redaktionen. Das Podium in Leukerbad lieferte unfreiwillig den Nachweis, wie berechtigt diese Forderungen sind.

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