Nr. 21/2016 vom 26.05.2016

Das Dilemma zwischen Acker und Wohnung

Von Bettina Dyttrich

Das Dilemma ist nicht neu: Ökologisch ist es sinnvoll, nah an den Zentren zu bauen, wo die Leute auch arbeiten. Aber gerade dort, am Rand der Mittellandstädte, liegen oft die flachen, besten Ackerböden – das kann allen, die Wert auf regionale Lebensmittel legen und sich um knappe Ressourcen sorgen, nicht egal sein.

Dieses Dilemma begleitet auch eine Abstimmung vom 5. Juni in der Stadt Bern. Es geht um das Viererfeld: elf Hektaren Äcker und Wiesen und Familiengärten fast im Zentrum der Stadt, tätschflach. Die Stadt will dem Kanton die Hälfte der Fläche für eine Überbauung abkaufen, die andere Hälfte soll frei bleiben für Park, Sportplatz und Gärten. Die ökologischen Auflagen für das Bauprojekt sind streng, es gibt wenig Parkplätze, und gemeinnützige Bauträger, etwa Genossenschaften, sollen die Hälfte der Wohnungen bauen. Darum lehnen die Rechten die «Erziehungsvorlage» ab, die die Handschrift der SP und des Grünen Bündnisses (GB) trägt.

Doch es gibt auch Widerstand von links: Grüne Partei Bern, PdA und Alternative Liste (AL) sagen Nein. Der erste Punkt ihres Manifests – «Niemand käme auf die Idee, in New York den Central Park zu überbauen» – ist zwar absurd: Bern ist im internationalen Vergleich eine Kleinstadt und mit Erholungsraum reich gesegnet. Andere Einwände sind stichhaltiger: Die Wohnungen werden nicht günstig sein, das hat die Stadtregierung ausdrücklich festgehalten. Ökologisches Bauen ist nicht billig, und auch Genossenschaften müssen ihre Kosten decken.

«Es wäre viel sinnvoller, bestehende Überbauungen zu verdichten», sagt AL-Stadtparlamentarierin Christa Ammann. «Klar ist das mühsamer und weniger prestigeträchtig, aber es wäre die Aufgabe der Stadt. Diese Überbauung ist der Weg des geringsten Widerstands.» GB-Parlamentarierin Leena Schmitter kontert: «Es braucht mehr Wohnraum, dazu braucht es neben einer guten Bewirtschaftung der bestehenden Wohnungen auch Neubauten.» Gleichzeitig sei weiterhin Engagement für günstige Mieten und gute Sozialwohnungen nötig.

Begehrte Wohnungen, die sich aber viele nicht leisten können; ein ökologisches Projekt, das dennoch Boden frisst. Was ist höher zu gewichten? Das Dilemma bleibt.

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