Nr. 21/2016 vom 26.05.2016

Auf ins europäische Darknet!

Am 1. Juni wird der Gotthardbasistunnel feierlich eröffnet. Neo-Neatologe Ruedi Widmer nimmt Sie, liebe Leserinnen und Leser, bereits jetzt mit auf die exklusive Erstfahrt im Demonstrationszug.

Von Ruedi Widmer

Illustration: Ruedi Widmer

Liebe Schweizerinnen und Schweizer, liebe Kühe

Herzlich willkommen im Demonstrationszug Erstfeld–Biasca zur Presseerstfahrt durch den neuen Gotthardbasistunnel.

Am 28. Februar 2016 sagte das Schweizer Stimmvolk zur Freude von Verkehrsministerin Doris Leuthard Ja zum Gotthardtunnel. Jetzt stehen wir, nach nur vier Monaten Bauzeit, hier in Erstfeld vor dem fertigen Bauwerk. So etwas kann nur die Schweiz.

Deutschland baut seit Kriegsende 1945 an seinem Flughafen Berlin-Brandenburg, und er ist immer noch nicht fertig. Natürlich, ein Flughafen dehnt sich in Länge und Breite aus, da darfs schon ein bisschen länger dauern als bei einem Tunnel. Unser neuer Gotthardbasistunnel ist 57 Kilometer lang. Wir hätten ihn natürlich gerne 57 lang und 57 breit gebaut, aber der Zeit- und Kostendruck führte dazu, dass er letztlich nur wenige Meter breit wurde. Aber so wird auch die Swissness eingehalten, denn trotz der Weltrekordlänge wird so auch unsere landestypische Beschränktheit verdeutlicht.

Sie erinnern sich, das Volk hat am 28. Februar nur für eine zweite Röhre gestimmt – nun hat der Bundesrat gleich zwei doppelt so lange Röhren bauen lassen, und zusätzlich zwei parallele Seitenstollen. Die sind nötig für Evakuierungsmassnahmen. Wir schalten kurz hinüber zu Ulrich Giezendanner nach Biasca … hallo Ueli, können Sie mich hören … ? – «Ja, Ruedi, ja. Also typisch Bundesrat. Der Volkswille ist ganz anders, als die in Bern oben meinen. Eigentlich wollten wir am 28. Februar endlich etwas gegen das Asylchaos und die Ausländerkriminalität machen. Und nun wurde stattdessen Geld verlocht, das wir nicht mal bewilligt haben. Evakuierungsstollen. Man kann die Aufwände für Behinderte im öffentlichen Verkehr auch übertreiben. Dass es nicht noch einen separaten Frauentunnel gibt, ist ein Wunder bei der Regierung Sommaruga!»

Ruedi Widmer, Experte

Danke, Ueli, für den Bericht von der anderen Bergseite.

Für manche ist das Verschwinden der klassischen Kehrtunnels der Bergstrecke mit dreimaliger Sicht auf das Kirchlein von Wassen ein herber Verlust. Doch die Kirchgemeinde Wassen hatte irgendwann kein Geld mehr, das Spektakel zu bezahlen, und die SBB waren die Symbiose zwischen Kirche und Staat schon länger leid. Die Bundesbahnen haben aber, um die religiösen Kreise zu besänftigen, einen katholischen, einen reformierten, einen jüdischen und einen muslimischen Würdenträger an die Eröffnung eingeladen, um das Bauwerk zu weihen. Wahrscheinlich werden sie den Gotthardtunnel zu einem Bekehrtunnel machen.

Der Demonstrationszug fährt nun los. Freuen wir uns nun auf die fast halbstündige Fahrt durch das neue Bauwerk.

Zugfahren war bis vor kurzem wie Fernsehen. Jetzt wird es immer mehr wie Radio. Das Bild verschwindet. Wer noch in den sechziger Jahren mit dem Zug von St. Gallen nach Bern reiste, hatte nur im Wipkingertunnel, kurz nach Aarau und husch nach Olten keinen Bildempfang. Sonst wurden durchgehend schöne Landschaften übertragen. Irgendwann wurde das Mittelland immer hässlicher, und man verdunkelte die Strecke Teil für Teil: Heitersbergtunnel, Flughafentunnel, Grauholztunnel, Weinbergtunnel (Oerlikon–Zürich HB). Bald sollen auch die Abschnitte von Winterthur bis Bassersdorf (Brüttener Tunnel) und von Altstetten durchgehend bis Aarau geschwärzt werden, damit man den Kanton Aargau nicht mehr mit ansehen muss.

Der Gotthardbasistunnel ist der Schweizer Beitrag zum europäischen Hochgeschwindigkeits-Darknet. Das Ziel ist die komplette Verdunkelung der Bahnstrecken Europas. Doch kann man im Informationszeitalter Millionen von Mannstunden des Aus-dem-Fenster-Schauens einfach so verschenken?

Bahnfahren im Dunkeln bricht mit der Regel des Immer-mehr. Das ist untypisch für die SBB, die sonst, selbst im Zeitalter der Smartphones, jede freie Fläche an den Bahnhöfen mit bewegter Werbung bespielen. Deshalb ist es undenkbar, dass man im Dunkeln wirklich in Ruhe gelassen wird. Es ist technisch kein Problem, die Tunnelinnenseite für Werbung zu nutzen. Mit 200 km/h an Plakaten vorbeizurasen, bringt natürlich nichts. Wirklichen Service public verspricht mein Vorschlag für die neuen Gotthard-Hochgeschwindigkeitszüge. Über jedem Fenster der neuen Züge wird im Dachbereich ein Beamer eingebaut, der Werbung auf die Tunnelwand projiziert, die mit dem Betrachter mitfährt. So wird die ungenutzte Dunkelfläche auf die bestmögliche Weise genutzt. In Beijing wird das bereits in der U-Bahn gemacht, und das Geblitze ist fast nicht zu ertragen, bringt aber Ertrag.

Wir erreichen bald die Mitte des Tunnels. Die Temperatur draussen ist nun so heiss wie auf der Sonne. Könnte man die Fenster noch öffnen, würde man sofort verkohlt wie ein Cervelat. Der Zug hat nun annähernd Lichtgeschwindigkeit erreicht. Wir sind im höllischen, feurigen Mittelpunkt des Planeten Schweiz. Hier wurde Christoph Blocher geboren.

Jetzt spüren Sie deutlich das Körnige der Piora-Mulde. Es ist dieses lockere Gestein, das den Erbauern so viel Mühe machte und dessentwegen sie bereits zwanzig Jahre vor der Volksabstimmung vom 28. Februar 2016 mit dem Bau beginnen mussten, um pünktlich fertig zu werden.

Das Piora-Lockergestein ist vielleicht etwas unangenehm und kann zu Scheuerspuren an Ihrem Hintern führen. Wem es zu rau wird, der soll sich einfach vom Sitz erheben. Dann kratzt es nur an der Fusssohle.

Brauchen Sie Wundsalbe? Im Oberdeck dieses Zuges bedient sie jetzt die RailPharmacy.

So, langsam wird die Dunkelheit südländischer. Der Navigator im Führerstand der Lok meldet mir gerade die Sichtung eines Lichtleins, auf genau zwölf Uhr. Das könnte Biasca sein. Der Lokführer setzt die Segel und nimmt Kurs auf das Licht. Es wird grösser und grösser. Unsere an die Dunkelheit gewohnten Maulwurfsaugen werden geblendet, das wars dann wohl, tschau Gotthardtunnel, jetzt gehts ins Jenseits.

Biasca, alles aussteigen. Hat es Ihnen gefallen?

Das Tessin ist halt trotz des neuen Tunnels immer noch gleich wie vorher. Gerne hätten wir auch da Gotthardmehrwert gehabt: einen zweiten und viel längeren Lago Maggiore zum Beispiel. Oder einen dreifachen Latte macchiato, dazu einen Evakuierungsstollen (mit kandierten Früchten).

Schauen Sie, dort sitzt Ulrich Giezendanner mit ziemlich viel Merlot. Er hat sich zum Test von Basel bis Biasca verladen lassen und lallt nun ein bisschen. Bis die lallende Landstrasse auch wirklich was bringt, wird es noch viel politischen Willen brauchen. Der Ceneri-Tunnel, die Zufahrten in Deutschland, die Wegfahrten in Italien, man weiss es.

Der Gotthardbasistunnel bleibt für einige Zeit noch ein Monolith aus der Zukunft. Jetzt muss sich die Welt zuerst an ihn gewöhnen, ihn verstehen und ihn irgendwann abzahlen.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt im Tessin.

Ruedi Widmer ist Neo-Neatologe, Schwarzseher, Dunkelmann und Cartoonist in Winterthur. Josef Escher, Bundesrat und Vorsteher des damaligen Post- und Eisenbahndepartements, beauftragte ihn bereits 1952 mit dieser Rede (pränatal).

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