Nr. 22/2016 vom 02.06.2016

Einer, der die WOZ rettete

Das WOZ-Kollektiv hatte ihn längst aus den Augen verloren. Nun bekamen wir die Nachricht, dass der ehemalige ProWOZ-Präsident Daniel Glass gestorben sei. Er stand für unsere Zeitung ein, als es notwendig war.

Von Stefan Keller

Den Begriff «ProWOZ» hatte Daniel erfunden. Wenn er sich richtig erinnere, dann sei dieser Name seine Idee gewesen: Er sagte das nicht etwa, um zu triumphieren und sich in den Vordergrund zu stellen, sondern als beiläufige Information in einem ausführlichen Gespräch vor genau einem Jahr. Am 16. Mai 2016 ist Daniel Glass mit 68 Jahren gestorben, 1984 war er einer jener drei Männer, die öffentlich dazu einluden, die junge, stark überschuldete WOZ mit einem Förderverein zu retten.

Neben Glass unterschrieben damals der Filmemacher Alexander J. Seiler und der Psychiater Thomas Schnyder den ersten Aufruf. Massgeblich beteiligten sich auch die Soziologin Rosmarie A. Meier und – als ideenreicher Sekretär – der 1993 verstorbene Schriftsteller Max Schmid an der Gründungsarbeit des Fördervereins ProWOZ. Sie waren nicht Mitglieder, sondern FreundInnen des WOZ-Kollektivs, Leserinnen und Leser, die ihre linke, von Inserenten unabhängige Zeitung behalten wollten und die sich – gegen jede medienpolitische Erfolgswahrscheinlichkeit – stark für dieses Ziel engagierten.

Geldgeber ohne Macht

Die WOZ brauchte zu jener Zeit für sich selber den Slogan «Organ der Opposition im Land». Mit Opposition war die Schweizer Linke gemeint, die allerdings recht zerstritten auftrat. Zu den grossen Verdiensten des WOZ-Kollektivs gehörte, dass es die von der Linken sonst eher verachtete, in der Schweiz hoch entwickelte Kompromisstradition als selbstverwalterische Tugend kultivierte, ohne daran zu ersticken. Viele Konflikte liessen sich pragmatisch nicht lösen, aber die Zeitung musste Woche für Woche erscheinen, sie brauchte Recherche und journalistischen Biss: Das setzte jeder Diskussion professionelle Grenzen. Viele Konflikte waren grundsätzlicher Natur, aber manche verschwanden auch, wenn man sie lange genug liegen liess, und wer heute in alten Protokollen nachschaut, wird einige Auseinandersetzungen gar nicht mehr begreifen.

Das grosse Verdienst des Fördervereins ProWOZ ist bis heute, dass er das selbstverwaltete und eigenwillige, nicht selten chaotische WOZ-Kollektiv zunächst am Leben erhielt, dann kontinuierlich mit Spendenaktionen unterstützte und, wenn es nötig war, erneut rettete, ohne dabei in die übliche Rolle eines Geldgebers zu verfallen. Die ProWOZ-Statuten verbieten inhaltliche Einflussnahme auf die redaktionelle Arbeit, daran hat sich der Verein stets gehalten. ProWOZ-Vorstände sind für die WOZ kreativ, aber sie können sie nicht gestalten. Dass ein solches Modell mehr als dreissig Jahre lang problemlos funktionierte, hat auch mit der Konsequenz und Zurückhaltung der ersten Generation, mit der Weitsicht der ProWOZ-GründerInnen zu tun.

Witzig und ernsthaft

Daniel Glass, geboren 1947, studierte Soziologie und promovierte in diesem Fach. Er zählte sich zum Umfeld der 68er-Generation, war einige Jahre Journalist beim heutigen Radio SRF und arbeitete als Sekretär des Hilfswerks Terre des hommes Schweiz. Schon vor der Gründung der WOZ 1981 war er mit Leuten aus dem späteren Zeitungskollektiv im Gespräch, und als dieses 1984 die hohen Anfangsinvestitionen nicht zurückzahlen konnte und der Untergang des Projekts drohte, wurde er zu einer Krisensitzung nach Zürich eingeladen: Von jetzt an war er dabei.

Glass sei ein «sehr feiner und freundlicher Mensch» gewesen, sagen Leute, die mit ihm zusammenarbeiteten: Einer, der einfach dastand, als es wichtig war, und Zeit investierte, sehr viel Zeit und Arbeit, um uns zu retten, sagt der heutige Radiojournalist Alexander Grass, der in jener hektischen Phase das WOZ-Kollektiv im ProWOZ vertrat.

«Gescheit und witzig», sagt Cornelia Hürzeler, die Nachfolgerin von Glass als ProWOZ-Präsidentin. Daniel habe sein Amt «mit grosser Ernsthaftigkeit» ausgeübt, es sei ihm dabei um Inhalte gegangen, um die Auseinandersetzung mit linkem Journalismus. Ohne die notwendigen Einschränkungen der ProWOZ-Statuten hätte er sich vielleicht noch mehr einbringen können.

Doch privat kannte ihn von den ProWOZ- und erst recht von den heutigen WOZ-Leuten anscheinend niemand näher. Man wusste, dass er auch Psychologie studiert hatte und therapeutisch tätig wurde. Als er hochverdient aus dem Vereinsvorstand austrat, verschwand er bald aus den Köpfen des Kollektivs. Ein engagierter Bürger, der, wenn es nötig ist, mutig hervortritt und zum Rechten sieht, um sich dann wieder zurückzuziehen. Ohne viel Dank zu erwarten, noch zu erhalten.

Es gebe keinen Dissens mit den damaligen Positionen oder mit der heutigen WOZ, versicherte Daniel Glass, der in Binningen lebte, als wir uns vor einem Jahr unterhielten: Seine Interessen hätten sich einfach verschoben. Auch die Zeitung hatte er nicht mehr abonniert.

Dass er gestorben ist, erfuhren wir von einer Leserin.

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