Nr. 22/2016 vom 02.06.2016

Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt

Eine Schulklasse erleidet Schiffbruch und darf die Gesellschaft von Grund auf neu denken: Darum gehts im Projekt «Intopolitiks», das jetzt am Blickfelder-Festival in Zürich gastiert. Drei Künstlerinnen wollen damit Kinder übers Spiel für die politische Mitgestaltung begeistern.

Von Esther Banz (Text) und Florian Bachmann (Foto)

Knappes Gut Klebeband: Diese Mädchen aus dem Schulhaus Letten verwenden es lieber für den Hausbau als für die Waffenproduktion.

Es ist Gipfelitreffen im Lettenschulhaus in Zürich. 21 elf- und zwölfjährige Kinder schiessen gleichzeitig von ihren Stühlen hoch, gehen froschbeinig in die Knie und rufen: «Hu! Ha! Hüüü!» Ein kollektiver Schlachtruf aus tiefstem Herzen. Stargast Flavia Kleiner schaut amüsiert zu. Die Politaktivistin, die im Frühling dieses Jahres mit der Operation Libero erfolgreich gegen die «Durchsetzungsinitiative» gekämpft hatte, ist eingeladen, um den Kindern von ihrem Engagement zu erzählen. Aber sie muss sich noch gedulden, die versammelten Inselstaaten halten zuerst ihre gemeinsame Konferenz ab, nicht G5, sondern eben: Gipfelitreffen. Heutige Traktanden sind unter anderem: Die männlichen Mitglieder einer Insel haben sich ein Waffenarsenal zugelegt. Was halten die andern davon? Ferner: Der ZG hat die Weisung durchgegeben, dass fortan keine Musik mehr ab Handy gespielt werden darf. Dagegen lehnt sich ein Teil der KonferenzteilnehmerInnen auf und hofft auf Rückhalt in der Versammlung.

Der ZG steht für Zufallsgenerator – ein Computerbildschirm, der surrend aus einer Truhe aufsteigt. Ein sirenenhaftes Dröhnen, dann spricht eine blecherne Frauenstimme aus dem Computer, der danach wieder in der Truhe verschwindet. Die Anweisungen, die er gibt, werden von den Kindern offenbar kaum hinterfragt. Man fühlt sich als Erwachsene kurz an die Verfilmung der «Zeitmaschine» von H. G. Wells erinnert: Gefügige Wesen folgen einer unheimlichen Sirene. Oder ist der ZG eine Art Diktator?

«Er ist das Pendant zum Würfel im analogen Spiel», erklärt Dominique Margot, Filmemacherin und Mitinitiantin des Projekts «Intopolitiks»: «Der Zufallsgenerator gibt uns die Möglichkeit, Entscheide und Anweisungen in das Spiel hineinzugeben und so für Voraussetzungen zu sorgen, die nicht für alle gleich sind – die einen erfahren Bevorzugung, die andern Benachteiligung.» Wie im echten Leben: Jemand erhält beispielsweise Kapital, ohne dafür arbeiten zu müssen (im Spiel ist es unter anderem Baumaterial), den andern wird genommen, was sie haben, ohne dass sie etwas dafür können (im Spiel ist es das Zuhause einer ganzen Gruppe, als ihre Insel durch einen Wirbelsturm zerstört wird).

Waffen oder Häuser bauen

Am zehnten Tag des Spiels stellt von den Kindern noch keines die Frage: Was haben Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in der Gesellschaft mit Politik zu tun?

Aber auf einer Insel finden es die Mädchen bereits sehr unbefriedigend, dass ihre männlichen Mitstreiter sehr viel vom gemeinsamen Klebeband für die Produktion von Waffen benötigen. Sie möchten es lieber für den Bau eines Hauses benutzen, um auf ihrer Insel mehr Platz für alle zu haben. Nun meint die Inselkonferenz: Das geht uns – quasi die Weltbevölkerung – nichts an, löst eure Probleme intern! Die Mädchen fühlen sich alleingelassen in einem kleinen Land: «Wir haben schon viel ausgebaut, so wie in Zürich, aber es reicht noch nicht. Und wir möchten Flüchtlinge aufnehmen oder wenigstens helfen, ihre Probleme zu Hause zu lösen. Wie in echt.» Aber mit der SVP sei das schwierig.

Die SVP ist immer wieder Thema im zweiwöchigen Workshop. Die vehemente Abneigung gegen die Partei wirkt echt und ernst. «Die SVP beschäftigt die Kinder extrem», bestätigt Mitinitiantin Susanne Hofer, Filmemacherin und Videokünstlerin: «Vor zwei Tagen konnten wir die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch besuchen. Eine von drei Fragen, die die Kinder ihr stellten, lautete: ‹Was halten Sie von der SVP?›» Auch als die Kinder einem weiteren Profi begegnen, dem Politgeografen Michael Hermann, ist die Partei das grosse Thema.

Susanne Hofer will schliesslich wissen, warum sie alle so SVP-kritisch seien. Ein Kind nach dem andern steht vor die Gruppe hin und liefert seine Begründung. Das klingt so: «Sie sind asozial.» – «Sie erzählen nicht die ganze Wahrheit, sondern nur was ihnen nützt.» – «Sie haben Angst, dass man ihnen wegnimmt, was sie haben.» – «Ihre Plakate sind mega rassistisch.» – «Sie haben etwas gegen meine Eltern, die aus einem andern Land kommen. Also haben sie auch etwas gegen mich.» Götz Dihlmann, der Lehrer der Klasse, sagt: «Das ist natürlich ein Abbild des Quartiers und der Familien, aus denen die Kinder stammen: Die meisten der Eltern sind gebildet.» Es ist aber auch eine Folge der «Durchsetzungsinitiative» und der Haltung der Partei gegenüber Menschen auf der Flucht: Die Kinder verstehen nicht, dass nicht alle gleich behandelt werden und man nicht allen hilft, die Hilfe nötig haben.

Wie geht Spontanismus?

Susanne Hofer und Dominique Margot freuen sich über die soziale und kritische Haltung der Kinder, aber es wäre ihnen auch recht gewesen, mit einer weniger homogenen Klasse zu arbeiten, die die politische Diversität der Schweiz besser abbildet. So gehe es ihnen auch nicht darum, Kinder inhaltlich zu beeinflussen: «Wir wollen einfach, dass sie im Spiel erfahren, was verschiedene Spielregeln bewirken. Klar, persönlich liegen uns Solidarität und Respekt vor den Mitmenschen am Herzen; ihnen diese Werte zu vermitteln, ist Teil des Ganzen. Welche politische Fahnenstange sie sich dazu aussuchen, ist aber ihnen überlassen – ob eine bestimmte Partei oder ein System.» Es gehe darum, ein Fenster aufzumachen und Möglichkeiten aufzuzeigen, sagt Margot, und Hofer ergänzt: «Was die möglichen Formen des Zusammenlebens – die Systeme – bedeuten, sollen die Kinder durchs Spiel am eigenen Leib erfahren. Und vielleicht finden sie ja solche, die wir noch gar nicht kennen. Ein Junge beispielsweise erfand die Gesellschaftsform Spontanismus.»

Am Anfang von «Intopolitiks» stand eine Feststellung der dritten Frau im Bunde: Die britische Texterin und Dramaturgin Antonia Beamish, eine langjährige Freundin von Dominique Margot, konnte kein einziges Kinderbuch finden, das ihren beiden Töchtern vermittelt: «Hey, ihr könnt Präsidentin werden!» Sie hat dann selber ein Buch geschrieben, um den Mädchen sinnvolle politische Rollenbilder zu vermitteln («Lily the President»). Und dann haben sich die drei Frauen getroffen und erste Workshops in England, Frankreich und der Schweiz aufgebaut. Dass Politik das Gestalten der Gesellschaft ist und dass man sich daran beteiligen kann, ganz konkret: Das wollen sie übers Spiel schon den Kleinen vermitteln und nicht erst den Jugendlichen in den Oberstufen.

Das Internationale ist den drei Frauen wichtig. Es sei wie Samen pflanzen gegen Rassismus, sagen die Künstlerinnen, «und auch gegen die Angst voreinander. Mit dem andern handelst du ja, du machst Abkommen und Bündnisse – so auch in unserem Spiel.» Schon bei den ersten Workshops ist den Frauen aufgefallen, wie unterschiedlich geprägt bereits Kinder sind: «Für Schweizer Mädchen und Buben war das Geldbewusstsein typisch: Armen gibt man einen Batzen. Die französischen Kinder sagten, dass sie keinen Krieg mehr wollen. Und bei den englischen war das Essen ein zentrales Thema.»

Wenn die Herzen brennen

Bei den Kindern in Zürich sind es die Menschen auf der Flucht. Nicht nur im Spiel, auch im richtigen Leben. Und dort erst recht: Die Klasse führte schon mehrfach aus Eigeninitiative Sammelaktionen durch. Für eine Flüchtlingsklasse in ihrem Schulhaus haben sie etwa Geld für Trottinette gesammelt, damit diese Kinder ihren teils langen Schulweg nicht zu Fuss machen müssen. Doch dann hätten sie gemerkt, dass die geflüchteten Kinder gar nicht damit fahren konnten, wie Lehrer Dihlmann erzählt: «Also mussten sie ihnen zuerst einen Kurs geben. Und dann merkten sie auch, dass es sinnvoller ist, eine Verleihstation einzurichten, weil manche Kinder nur kurz in der Schule bleiben. So funktioniert es nun gut.»

Flavia Kleiner hört aufmerksam zu, als die Kinder diese Geschichte erzählen. Dann spricht sie selber, von Herzen, die brennen, wenn man sich für eine politische Sache engagiere: sie gegen die unsinnige Initiative, die Kinder für die Geflüchteten. Und die drei Frauen von «Intopolitiks» dafür, in Kindern die Lust am Mitgestalten der Gesellschaft zu wecken. Es zeigen ja nicht alle schon so viel Eigeninitiative wie die aus Zürich Wipkingen.

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