Frauen in der Rockmusik : Die Angst vor dem Misston

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In den meisten SchülerInnenbands sind Mädchen in der Überzahl. Doch nach der Schule verschwinden die Instrumentalistinnen von der Bühne. Warum? Und wie lässt sich das verhindern?

«Frauen in der Musik sind selten ernst zu nehmen. Sie haben entweder keine Band oder keine echten Aussagen und können deswegen höchstens als Sängerin von etwas von Nutzen sein. Der Ur-Grund des Musizierens besteht schliesslich darin, Frauen zu erobern.»

Thomas D. von den Fantastischen Vier

Eins, zwei, drei und vier: Rhythmisch schlägt Nina ihre Drumsticks aufeinander. Alena steigt mit dem Cello ein, Gabriel spielt auf dem Keyboard die Akkorde, Luca zupft den Bass, und Ilona und Irina singen: «Because of you I never stray too far from the sidewalk.»

Kelly Clarksons Ballade füllt den kleinen Bandraum des Lorraineschulhauses in Bern. Jeden Montagnachmittag kommen die sechs SchülerInnen der siebten Klasse hier zusammen, um unter der Leitung des Jazzsängers Andreas Schaerer zu proben. Der Bandraum ist im obersten Stock des Schulhauses eingebaut, ein hölzerner Kubus mit Glastür; eng und kalt ist es hier. Alles, was eine Band braucht, steht zur Verfügung: in einer Ecke ein Schlagzeug, in der anderen ein E-Piano, dazwischen Mikrofonständer, Verstärker, elektrische Gitarre und ein Bass. Konzentriert üben die Dreizehnjährigen den Song: mal nur das Cello, dann alle Instrumente ohne Gesang, dann der Refrain mit Gesang.

«Stopp, Chrüsimüsi! Nochmals von vorn», unterbricht Schaerer plötzlich, geduldig wird wieder von vorne angefangen. Am Ende der dreiviertelstündigen Probe kann das Stück endlich ganz durchgespielt werden. Die Luft ist mittlerweile warm und dick, die Wangen sind rot. «Am Anfang war es schon ein bisschen peinlich, so voreinander zu singen und zu spielen», erzählen die MusikantInnen nach der Probe, «aber nun haben wir uns daran gewöhnt.» Seit letztem Sommer proben sie zusammen. Zu Beginn des Schuljahrs waren sie dreizehn Bandmitglieder, geblieben sind noch sechs. Sie seien in der Band, weil sie gerne sängen und musizierten, sagen sie unisono. Dass Mädchen und Knaben in der Band sind, spielt für alle keine Rolle.

Ab sechzehn von der Bühne

«Mein Traum war es eigentlich immer, Sänger zu werden», sagt Gabriel, und als die anderen kichern, bleibt er ernst und nickt. Und ja, er möchte auch ausserhalb der Schule mal in einer Band spielen. Auch Luca kann sich vorstellen, neben der Schule in einer Band zu spielen. Die vier Mädchen schütteln den Kopf: «Ich habe schon genug Kurse neben der Schule», sagt Irina. Weitere Bedenken sind: Wer würde uns denn sagen, wie wir es machen sollen? «Wir können uns ja die Instrumente nicht selber beibringen!»

Seit Ende der achtziger Jahre sind SchülerInnenbands in der Mittel- und Oberstufe ein schweizweit verbreitetes Phänomen und lösen eine grosse Nachfrage aus. Hier kommen SchülerInnen aktiv mit Pop- und Rockmusik in Berührung und können erste Banderfahrungen sammeln. Für viele Rock- und PopmusikerInnen bildete eine Schülerband den Einstieg in ihre Musikkarriere. Bezeichnend für SchülerInnnenbands ist, dass alle mitmachen können. Somit bestehen sie meist aus vielen Mitgliedern und sind gemischt, was die Herkunft der Jugendlichen, aber auch deren Geschlecht angeht. Doch zeichnen sich bereits in der Oberstufe Tendenzen ab, die in der professionellen Pop- und Rockmusikbranche als Normalfall akzeptiert werden.

«Die Mädchen verschwinden ab sechzehn als Instrumentalistinnen von Rock- und Popbands von der Bühne», sagt Immanuel Brockhaus, Leiter des zweijährigen Nachdiplomstudiengangs Popmusik an der Hochschule der Künste Bern. Von den fünf Frauen, die den aktuellen Studiengang besuchen, studieren vier Frauen Gesang und eine Piano. Lehrerinnen, die Instrumentalunterricht erteilen, fehlen gänzlich. «In den Schülerbands auf Gymnasialstufe ist es die Regel, dass Mädchen singen und die Jungen die Instrumente spielen», weiss auch Higi Heilinger. Er ist ursprünglich Gymnasiallehrer, hat mehrere Jahre das LeBe-Schülerbandfestival in Bern organisiert und vor Jahren eine Schülerband-CD produziert.

Pop-/Rockmusik ist weiterhin eine Männerdomäne, Frauen finden bestenfalls hinter dem Mikrofon ihren Platz. Musiker halten ihre Bands monogeschlechtlich. Die Segregation findet schon im jungen Alter statt. Jungs organisieren sich in dickluftigen Kellerräumen, machen unter Ausschluss von Mädchen Musik und zelebrieren ihr Rockstardasein.

Unsichtbare Wände

Die Frage bleibt: Warum verschwinden die Mädchen als Instrumentalistinnen fast vollständig aus der Rock- und Popszene, sobald sie aus der Schule sind?

«Schülerbands finden in einem sicheren, bekannten Setting statt: Es ist eine Lehrperson da, die sagt, was man wie machen soll, die Proben finden in Räumen statt, die die Jugendlichen kennen. Für Mädchen ist es ungewohnter als für Knaben, sich ausserhalb von institutionellen Einrichtungen zu organisieren», sagt Judith Estermann, ehemalige Beauftragte für Gleichstellung der Hochschule Luzern - Musik. Ausserdem habe es mit der Fehlerkultur zu tun: «Mädchen beziehen Fehler auf sich selber, Erfolg schreiben sie externen Faktoren zu. Bei Knaben ist das umgekehrt.» Die Angst vor den eigenen Fehlern halte die Mädchen davon ab, in einer Band zu spielen, in der man ohne Noten improvisieren und sich dauernd exponieren müsse.

«Es sind unsichtbare Wände, die für Mädchen schon ganz früh existieren und für Jungen nicht», sagt Regula Sprecher, Schulleiterin von Women in Music. Die private Musikschule, an der professionelle Musikerinnen Mädchen und Frauen unterrichten, wurde 1993 in Zürich gegründet mit dem Ziel, Frauen und Mädchen in der Rockmusik zu fördern. «Women in Music ist die Vision, in der Musikkultur, bei Konzerten oder auf CDs mehr (das heisst die Hälfte) weibliche Gesichter zu sehen, zu hören, was uns diese Frauen musikalisch mitzuteilen haben», steht auf der Homepage der Schule.

Konnte denn in den vierzehn Jahren, in denen die Schule junge Frauen aktiv förderte, eine Veränderung in der Branche festgestellt werden? «Die einzige Veränderung ist, dass man uns früher sagte, unsere Schule brauche es nicht; heute sagt man, es brauche uns nicht mehr», sagt Regula Sprecher.

In vielen Köpfen herrscht mittlerweile die Vorstellung, die Gleichstellung zwischen Mann und Frau sei ein Faktum, Mädchen und Knaben hätten dieselben Möglichkeiten, und deswegen sei gezielte Förderung von Mädchen nicht mehr nötig. Selbst junge Frauen leugnen gemäss Studien mehrheitlich die Benachteiligung aufgrund ihres Geschlechts.

Schönsein im Musicstar-Zeitalter

Ein weiterer wichtiger Punkt, warum die Mädchen hinter den Instrumenten fehlen, sind die fehlenden Vorbilder: Die existieren in der Rock- und Popmusik nur in Gestalt von Sängerinnen. Ausserdem steht im Zeitalter des Musicstars und der Castingshows nicht nur die Musik im Vordergrund. Mindestens so sehr geht es um Mode, ums Schönsein und darum, etwas zu präsentieren. «Und dies sind Attribute, die den Mädchen sowieso zugesprochen werden», so Judith Estermann.

Um die Mädchen gezielt als Instrumentalistinnen von Bands zu fördern, bietet die Hochschule Luzern-Musik seit 2004 «Female Band Workshops» an. Letzten Herbst wurde das Angebot auf Bern und Zürich ausgedehnt, diesen Herbst wird der Workshop auch in Basel stattfinden. «Wir wollen die Mädchen vorbereiten und ihr Selbstbewusstsein stärken, sodass sie später in gemischten Bands bestehen können», sagt Estermann. Ihr Ziel ist es, die Workshops direkt über die Musikschulen anzubieten, wie dies in Luzern ab kommenden Herbst gemacht wird: «Ich bin überzeugt, dass wir Abbrüche verhindern können, wenn wir die Mädchen dort abholen, wo sie bereits sind.»

Auch Regula Sprecher von Women in Music ist überzeugt, dass es eine gezielte Förderung von Frauen- und Mädchenbands braucht: «In einer gemischten Gruppe bestimmen die Buben innerhalb der ersten halben Stunde die Hackordnung; die Mädchen, die etwas länger brauchen, bis sie ihre Wünsche eingebracht haben, haben das Nachsehen.» Allerdings - auch hier sind sich die beiden Frauen einig - müsste man schon viel früher mit der Sensibilisierung für das Thema einsetzen, nämlich bei der Ausbildung der MusiklehrerInnen. Zwar findet dort ansatzweise geschlechterfördernder Unterricht statt, doch er ist (noch) nicht im Lehrplan festgelegt.

Interessanterweise gibt es kaum Studien der Jugendkulturforschung, die sich mit Mädchen und ihrer musikalischen Praxis auseinandersetzen. So stellt Elke Josties, Professorin für Theorie und Praxis der Sozialen Kulturarbeit, in ihrem Artikel «Mädchen, populäre Musik und musikalische Praxis» fest, dass selbst im «Handbuch der Jugend und Musik» von Dieter Baacke (1997), das nicht nur einen Überblick über die Pop- und Rockszene, sondern auch über Jugend und Klassik und über die Volks- und Jugendmusikbewegung gibt, eine ausführliche, systematische Darstellung der geschlechterspezifischen Spannung im Thema «Jugend und Musik» fehle. Sowohl in der Forschung wie auch im Alltag steckt die Auseinandersetzung mit den abwesenden Mädchen in der Pop- und Rockmusik noch in den Kinderschuhen.

«Irgendwie einfach peinlich»

Der Bandraum der Lorraine füllt sich mit den Mitgliedern der zweiten SchülerInnenband. Ausgelassen trudeln sechs Mädchen und ein Junge der achten Klasse ein und richten sich hinter ihren Instrumenten und Mikrofonen ein. Lukas singt «Unchain My Heart» von Ray Charles und lässt sich von den Mädchen begleiten. Es sei schon eine neue Erfahrung, nur mit Mädchen in einer Band zu sein, sagt er. Aber es gefalle ihm. Sie könnte das nie so wie Lukas, meint Geigerin Gabriella: «Ich würde nie in einer Band singen, in der nur Jungs sind. Mir wäre das peinlich.»

Allgemein sind die Mädchen froh, dass Lukas der einzige Junge in der Band ist, denn da er anders sei als die anderen Jungs, sei es nicht komisch mit ihm. Weitermachen in einer Band nach der Schule ist nur für die Schlagzeugerin Joana ein Thema, für die anderen wäre der Aufwand zu gross. Und ob sie Instrumentalistinnen von Bands kennen, die sie allenfalls als Vorbild nehmen könnten? Sie schütteln alle den Kopf, Gabriella sagt: «Ich habe mal im Fernseher eine Band gesehen, in der ein Mann gesungen hat, begleitet nur von Frauen. Ich fand, das sah komisch aus, irgendwie einfach peinlich.»




www.hslu.ch/musik/m-ueber-uns/ m-gleichstellung/ m-gleichstellung-projekte.htm www.womeninmusic.ch

Literatur: Dieter Baacke (Hrsg.): «Handbuch Jugend und Musik». Verlag für Sozialwissenschaft. Wiesbaden 1997.

Renate Müller et al. (Hrsg.) 2006: «Wozu Jugendliche Musik und Medien gebrauchen. Jugendliche Identität und musikalische Geschmacksbildung». Juventus Verlag. Weinheim 2002.